Literaturverfilmungen zählten schon immer zu den schwierigeren und zweischneidigen Filmprojekten. Da will man der Komplexität eines guten Buches gerecht werden und dabei noch einen ansehbaren, eigenständigen Film kreieren. Beim HdR scheint es geklappt zu haben - allerdings haben wir es hier auch "nur" mit einem überdimensionierten Märchen zu tun, sprich im Grunde Trivialliteratur (Sorry Fans, ich bin selbst einer, aber es ist halt so). Zudem sollte eine Verfilmung auch immer eine Interpretation des Stoffes und nicht ein bloßes Abfilmen sein. Vergessen wir also mal HdR (da gibts nun wirklich wenig zu interpretieren) und widmen uns einem der wohl anerkanntesten und besten amerikanischen Bücher der Nachkriegszeit, "Der menschliche Makel" von Philip Roth. Kaum ein Künstler hat mit einer derartigen Komplexität und Hingabe in einem Werk die Grundproblematiken der (amerikanischen) Nachkriegsgesellschaft so treffend analysiert und in Frage gestellt. Wochenlang auf den Bestsellerlisten, ein Reigen an guten Kritiken und viel Diskussionspotential (unter Interessierten, versteht sich) - was will der Autor mehr? Einen Film dazu?
Vielleicht nicht schlecht, denn so erreicht seine Botschaft auch die vielen Leute, die solche Bücher nicht lesen. Andererseits geht im Film auch immer einiges an Komplexität, gerade bei einem so tiefsinnigen Stoff, verloren. Der Film macht zunächst den Eindruck eines relativ einfachen Hollywood-Dramas, was heute eigentlich kaum mehr in Kinos läuft. Anthony Hopkins spielt Coleman, den Professor, dessen Leben durch einen scheinbar simplen Rufmord komplett aus den Fugen gerät. Und seine Geliebte, die mehr als 30 Jahre jüngere Analphabetin Faunia wird von Nicole Kidman gespielt. Doch ein drittklassiges Rentnergesülze wird es nicht, den dafür ist der Stoff zu intelligent und brisant, obgleich der Regisseur die vielen, nicht weniger interessanten und wichtigen Nebengeschichten des Buches strich und sich fast ausschließlich auf die tragische Liebesgeschichte der beiden Protagonisten beschränkte.
Diese kommt dafür sehr intensiv und glaubhaft daher. Coleman, der einst angesehene Professor wird wegen einer doppeldeutigen Bemerkung über zwei seiner Studenten des Rassismus beschuldigt und von der Gesellschaft verstoßen - gleichzeitig stirbt auch seine Frau. Erst Monate später kommt er darüber hinweg und beginnt eine sexuelle Affäre mit Faunia Farley, einer vom Leben gezeichneten ungebildeten, aber lebenserfahrenen Frau. Wieder kommt es zum gesellschaftlichen Konflikt. Coleman bekommt einen Drohbrief, er würde die arme Frau nur ausnutzen. Außerdem spioniert Faunias wahnsinniger Exmann ihnen hinterher. Parallel dazu wird die außergewöhnliche Biografie des Literaturprofessors geschildert, die zu einigen ironischen Wendungen und Überraschungen führt. Wie eine klassische griechische Tragödie mündet der Film schließlich in die bereits am Anfang vorausgegriffene Katastrophe, hört dann aber nicht auf, sondern zieht im letzten Akt noch einmal, wie die Romanvorlage auch, seine Schlüsse aus den traurigen Ereignissen und bringt noch einige wichtige Details ans Licht.
Den Schauspielern kann man kaum etwas vorwerfen. Hopkins spielt Coleman routiniert und glaubwürdig gut. Man nimmt ihm alle seine Taten und Entscheidungen ab. Auch sein junger Gegenpart in den Rückblenden spielt solide, sodass es hier für die Romankenner keine Probleme gibt. Ebenso wenig bei den Nebenrollen. Einzig die Kidman scheint ihren Glamour als das große Hollywoodsternchen nicht so recht ablegen zu können. Ihr Spiel als einfache Putzfrau und vom Schicksal gebeutelte Frau wirkt etwas hölzern. Ihr Schlabberlook und das dazugehörige Verhalten aufgesetzt. Und man merkt, dass sie teuer war - an ihrer Nacktheit wird gespart, im Vergleich zur unbekannten Schauspielerin von Colemans Jugendliebe (obwohl das im Roman umgekehrt ist). Doch darüber kann man hinwegsehen.
Schlimmer ist die Tatsache, dass eine solche Straffung und Beschränkung der Geschichte die meisten intelligenten, kritischen Ansätze des Buches über Bord wirft. Wie die Öffentlichkeit auf die Affäre reagiert (z.B. die Professorin Roux), wird nur beiläufig erwähnt, ebenso die Hintergründe des verrückten Vietnamveterans, der einmal Faunias Mann war. Das sind die Dinge, die das Buch ja so gut werden ließen und den Film ein wenig in Schwierigkeiten bringen. So ist Lesters (Faunias Ex) Charakter im Film kaum nachvollziehbar gestaltet, obwohl gut gespielt. Faunia selbst fehlt auch einiges an Tiefe. Und die Sache mit dem Drohbrief an Coleman wird im Drehbuch rasch unter den Tisch gekehrt und bleibt als unausgearbeiteter Ansatz liegen.
Jetzt bin ich wieder am Anfang angekommen. Man kann Bücher halt nicht abfilmen und einen funktionierenden sinnvoll strukturierten Film dabei erschaffen. Denn ein Buch ist halt etwas ganz anderes. Insofern ist die Verfilmung "Der menschliche Makel" eine interessante Interpretation des Stoffes, die sicherlich auch Nicht-Kenner durch einige starke Szenen und ein gut gemachtes, spannendes Schauspiel beeindrucken kann. Leser, so wie ich, können sich auch nicht sonderlich beklagen, da die Liebesgeschichte recht gut gelungen umgesetzt wurde. Den Rest kann man sich ja dazudenken. Ich rate also, lieber vorher das Buch zu lesen, wenn man interessiert ist. Ansonsten ist der Film aber auch durchaus sehenswert. 7,5/10 (gerade noch).