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Die Jagd reicher Privilegierter auf arme „Entbehrliche“ ist ein beliebtes Subgenre im Action- und Horrorfilm. Seit dem Klassiker THE MOST DANGEROUS GAME von 1932 haben unter anderem schon Jean-Claude van Damme und Ice-T das Survival Game gespielt, in der neuesten Auflage kämpft Liam Hemsworth in 7-Minuten-Häppchen auf dem Mobilstreamingdienst Quibi ums Überleben.

THE HUNT nun machte in erster Linie dadurch aufmerksam, dass er nicht zu sehen war. Trump selbst wetterte auf Twitter gegen den Film (den bis dahin noch keiner gesichtet hatte) und aufgrund von Amokläufen kurz vor dem geplanten Starttermin im September 2019 lief der Film erst im März 2020 an – für eine Woche, dann kam Corona. Hatte man THE HUNT seinerzeit als eigentlich harmlosen Actiontrash der Blumhouse-Schmiede auf dem Schirm, um den mal wieder mehr Wind als nötig gemacht wird, stellt er sich nun überraschenderweise als echtes Brett heraus – eine bitterböse, herrlich gewalttätige und erstaunlich lustige Brutalosatire, die keine Gefangenen macht. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Der ebenso einfache wie effektive Kniff des Films ist, dass er das gängige Klischee des Genres einfach umdreht: Hier sind es nicht die tumben Rednecks, die es auf arme Intellektuelle abgesehen haben, sondern die „liberale Elite“ macht Jagd auf Rassisten, Verschwörungstheoretiker und Podcaster, die sich im Netz politische Unkorrektheiten zuschulden kommen ließen. Zumindest scheint es so. Denn das Schöne an THE HUNT ist, dass er ständig für kleine Überraschungen sorgt, Haken schlägt, Erwartungen unterläuft und den Zuschauer so auf Trab hält.

Das Tempo tut ein Übriges: Der Film gibt sich nicht lange mit lästiger Exposition ab, sondern gibt von Anfang an Vollgas – Action, harte Fights und der eine oder andere recht explizite Splattereffekt halten den Adrenalinpegel hoch, wobei der größte Schmerz beim Zuschauer nicht durch explodierende Köpfe ausgelöst wird, sondern durch Haut, die sich in einer Schrotflinte verklemmt. Autsch.

Eine Entdeckung ist Betty Gilpin (aus der Netflix Wrestllingserie GLOW), die den Film souverän und stoisch trägt und in ihren irrsten Momenten an Jodie Comer (KILLING EVE) erinnert. Autor und Produzent Damon Lindelof hat mit LOST, WATCHMEN und WORLD WAR Z bereits ein paar Meilensteine verantwortet, während Regisseur Craig Zobel vor allem durch den unangenehm intensiven COMPLIANCE auffiel.

Sieht man von einigen der üblichen Ungereimtheiten ab (die ganze Story ist natürlich bonkers und der Aufwand völlig unglaubwürdig, dazu kommen kleinere Goofs wie die deutsche Beschriftung von Kisten in Kroatien mit der Aufschrift „Dieses Ende“ – die „Übersetzung“ von „This way up“) und nimmt es hin, dass der Film seine „Botschaft“ mit beiden Händen und seine ebenfalls wenig subtilen Spitzen in alle Richtungen verteilt, ist THE HUNT ein wahnsinnig unterhaltsamer Spaß, dem deutlich mehr und vor allem eine andere Aufmerksamkeit gebührt als die bisherige. Denn das hier ist mehr ASSASSINATION NATION als HARD TARGET.

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