Zu viel Zeit zu sterben
Nachdem ich schon vor 6 (!) Jahren mit „Spectre“ dachte Daniel Craigs letzten Auftritt als 007 gesehen zu haben, damals leider mit gemischten Gefühlen, ist nun mit „No Time To Die“ wirklich und endgültig der Zeitpunkt da sich zu verabschieden. Von einem rauen, modernen, dreckigen, kantigen, harten, verletzten und sehr männlichen James Bond, der mit „Casino Royale“ einschlug wie eine Bombe und nun schon fast die Hälfte meines Lebens den berühmtesten britischen Filmgeheimagenten mit meist eiskalter Mine mimt. In diesem (leider gar nicht so) „großen Finale“ bekommt es der Mann mit der Lizenz zum Töten mal wieder mit einem übergeschnappten Genie und Terroristen zu tun, der mit einem gewieften Virus die Welt dezimieren und nach seinen Wünschen gestalten will. Wie zeitgemäß und augenzwinkernd. Doch die viel größere Herausforderung für den oft etwas unterkühlten Doppelnullagenten in Rente ist die durch dieses „Phantom der Nuschler“ auf die Probe gestellte Beziehung zu seiner Madelaine, die eine Verbindung zum neuen Gegner zu haben scheint…
„No Time To Die“ ist passend zu Halloween eine gemischte Tüte voller Köstlichkeiten sowie Rasierklingen. Klingt komisch, kommt aber hin. Zu viel Gejammer, zu wenig Getue. Zu viel Gerede, zu wenig Gemache. Zu viele Minuten auf der Uhr, zu wenig Substanz. Zu geiler Auftakt, zu wenig was folgt. Zu viele Hommagen, zu wenig eigener Stil. Zu viel Seydoux, zu wenig De Armas. Zu viele Schüsse, zu wenig Blut. Zu viel Wiederholung, zu wenig was bleibt. Zu viel Zeit, zu wenig Inhalt. Zu viel Geld, zu wenig Lust. Zu viel Gewohnheit, zu wenig Ideen. Zu viel Checkbox, zu wenig Mut. Zu viel Verschiebungen, zu wenig erfüllte Erwartungen. Zu viel Kitsch, zu wenig echte Emotionen. Zu viel Austin Powers, zu wenig Sean Connery. Zu viele Narben, zu wenig Schmerzen. Zu viel Malek, zu wenig Hintergründe. Zu viel Aufgeben, zu wenig Kämpfen. Zu viel Familie, zu wenig Chemie in ihr. Zu viel schiefe Balance, zu wenig „Ich weiß, was ich bin“. Zu viel Selbstbewusstsein, zu wenig Qualitätsfilm. Zu viele Logiklöcher, zu wenig Sinn. Zu viele blaue Augen, zu wenig Gefühle dahinter. Zu viele Schauplätze, zu wenig Platz zum Atmen. Zu viel Agenda, zu wenig echte Frauenpower und Gleichberechtigung. Zu viel Blomfeld, zu wenig Eigenständigkeit. Zu viele Fäden, zu wenig Stoff. Zu viele Köche, zu wenig Geschmack. Zu viele Stunts, zu wenig Herausragendes. Zu viel unfreiwillige Lächerlichkeit, zu wenig ernstzunehmender Abschied. Und dennoch natürlich grundsätzlich unterhaltsam und das Ende einer Epoche. Das jedoch viel mehr Tränen und Gefühle verdient gehabt hätte…
Mein Craig-Ranking
CASINO ROYALE - 10/10
SKYFALL - 9/10
NO TIME TO DIE - 6/10
SPECTRE - 5,5/10
QUANTUM OF SOLACE - 4,5/10
Fazit: alles wollen, nichts richtig machen. Trotz eloquentem Ende und (wie meist) bravurösem Intro ist „No Time To Die“ ein enttäuschender, erstaunlich unemotionaler Abgang der Craig-Ära. Aber hat es die, mit nun mehr mäßigen Ablegern als guten, überhaupt verdient gebührend verabschiedet zu werden?!