Der Zustand des Todes, ebenso der Vorgang des Sterbens, ist seit jeher ein ständiger Wegbegleiter James Bonds. Neun Titel der Reihe tragen ihn direkt im Namen oder deuten ihn über sein Gegenstück, das Leben, zumindest an. Unzweifelhaft ist er darüber hinaus in allen Teilen zugegen. Vor Daniel Craig fand jedoch meistens ein spielerischer, hypothetischer Umgang mit dem Thema statt, eine Art Cowboy-und-Indianer-Heiterkeit prägte seinen Ton. Weder die Todesfälle während der Einsätze noch der legere Lebensstil mittendrin hatten unmittelbare Folgen für 007, weil der Status Quo stets wie ein Rettungsboot in Ufernähe darauf wartete, den Geheimagenten im klatschnassen Smoking aufzunehmen, inklusive Minibar für den Notfall-Martini und Platz für einen zweiten Passagier weiblichen Geschlechts. 1969 brach „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ kurzzeitig mit dieser Regel, als Bond Bekanntschaft mit der wahren Liebe machte und einen entsprechenden Preis dafür zahlen musste. Doch die Revision erfolgte umgehend, es blieb George Lazenbys einziger Einsatz als Doppelnull. Sean Connery höchstpersönlich kehrte aus dem Ruhestand zurück, um dem Prinzip „Same Story, Different Day“ wieder zum Comeback zu verhelfen und es an einen Nachfolger zu vererben, der es beinahe schon zur Parodie ausarbeiten würde. Einige Jahre später sollte Timothy Dalton noch einmal zwei Filme lang so tun, als sei sein Job nicht gerade ein Zuckerschlecken, davon abgesehen waren Bonds Einsätze jedoch stets unverbindliche Spielsituationen, die mit einem Fingerschnippen einen Film später keine Gültigkeit mehr hatten – nun, bis zu dem Tag jedenfalls, an dem Vesper Lynd starb.
Im Prolog von „Keine Zeit zu Sterben“ ist es ihr fünfzehn Jahre altes Grab, das James Bond mit versteinerter Miene besucht. Eine ganz schön lange Zeit für jemanden, dessen zweite Betthälfte eigentlich nie Gefahr lief, zu erkalten. Natürlich gilt auch jetzt: Er wird nicht nur von den Gedanken an seine verstorbene Geliebte begleitet, sondern auch von einer neuen Frau aus Fleisch und Blut. Aber auch Madeleine Swann (Léa Seydoux) schleppt er bereits seit dem Vorgänger „Spectre“ als Bürde mit sich. Umgeben von den Lebenden und den Geistern der Vergangenheit erlangt der sonst so unabhängige Vollblutagent erstmals ein Bewusstsein für etwas, das an seine Verantwortung appelliert und seinen Lebensstil in Frage stellt. Nicht länger kann er einfach auf seinen Arbeitgeber, Her Majesty's Secret Service vertrauen, der ihn unentwegt mit Spielzeug und aufregenden Abenteuern versorgt wie die Eltern das verwöhnte Einzelkind. Bond lernt nun endlich, dass Handeln und Konsequenzen zusammenhängen. Seit Daniel Craig sein umstrittenes Debüt in der ikonischen Rolle feierte, hat er über eine Serie von fünf Filmen eine Menge Ballast angehäuft. Es ist wohl jetzt einfach an der Zeit, ihn abzuwerfen, um überhaupt wieder den Weg zurück zum Ausgangspunkt zu finden – und zwar irgendwann in naher Zukunft mit einem neuen Hauptdarsteller. Craigs fünfter Einsatz wurde von offizieller Seite sehr früh als sein letzter kommuniziert, Regisseur Cary Joji Fukunaga kam dennoch erst spät an Bord und wurde mit dem undankbaren Auftrag versehen, die serialisierte Ära Craig zu einem runden Abschluss zu bringen.
Undankbar an der ganzen Sache ist vor allem, dass es Fukunaga nicht mehr vergönnt ist, einen eigenen, autonomen Bond-Streifen auf die Beine zu stellen, mit eigenen Schwerpunkten, die völlig losgelöst von bisherigen Geschehnissen funktionieren, oder zumindest einer Richtung, die er selbstbestimmt einlenken kann. „Keine Zeit zu sterben“ ist hauptsächlich als Melange früherer Filme konzipiert und hat kaum Luft für neue Ideen, wobei vor allem die Ereignisse aus „Casino Royale“ und „Spectre“ verdaut werden müssen. Selbst der neue Villain, Lyutsifer Safin, kommt nicht ohne Verknüpfung mit den Schatten der Vergangenheit aus. In einer Rückblende wird ein Band zwischen ihm und der bereits etablierten Madeleine Swann geknüpft. Das geschieht bereits in den ersten Minuten, noch bevor der eigentliche Prolog beginnt.
Dabei passen die teuflischen Pläne, die Lyutsifer im Gepäck hat, im Grunde ideal in das Raster für soziopathische Wahnsinnige mit Weltunterjochungsfantasien. Sie bedienen somit die Traditionen der Reihe und lassen darauf schließen, dass sie auch im Umfeld eines Franchise-Neustarts hätten funktionieren können. Die im Film beschriebene und in einigen Szenen auch demonstrierte Biowaffe auf DNA-Basis impliziert nämlich die Möglichkeit einer gezielten Massenvernichtung ganz nach dem erlesenen Geschmack des Verursachers, ob nun wie im Film der Stammbaum einer Familie ausgelöscht werden soll oder vielleicht ja auch ein ganzes Volk. Welcher Bond würde den Kampf gegen eine solche Erfindung wohl nicht annehmen? Auch Lyutsifer-Darsteller Rami Malek interpretiert seinen Bösewicht traditionell und gibt sich dabei betont unauffällig, um nicht zu sagen blass; trüge er nicht Narben im Gesicht, die gemäß Hollywood-Klischee seine dunkle Natur verraten und verhaspelte er sich nicht manchmal im Smalltalk mit seiner dünnen Stimme, würde er nicht in einer überdimensionierten Anlage residieren, seinem Giftgarten frönen und sich dabei mit zwielichtigen Söldnern umgeben, könnte man ihn glatt für einen harmlosen Spinner halten. Diesem Eindruck entsprechend überrascht er in mancher Szene, wenn er auch mal bewusst gegen die Prinzipien eines Massenmörders verstößt – etwa gleich in der ersten Szene, als er die ertrinkende Madeleine aus einem gefrorenen See rettet. Solche Gesten unerwarteter (und höchst verdächtiger) Menschlichkeit schützen Bond und dessen Verbündete freilich nicht vor dem Wahnsinn in Großformat, und Malek, der in seiner Maske einer verblichenen Kopie des recht bedeutungslosen Bond-Bösewichts Zao (Rick Yune in „Stirb an einem anderen Tag“) ähnelt, reiht sich nahtlos ein in die Reihe zorniger kleiner Männer mit Komplexen, wie Bond selbst in einem Anflug von Gewahrsein der eigenen Geschichte feststellt.
Überhaupt ist es wie schon in den Vorgängern gerade der vermeintliche Widerspruch zwischen radikaler Veränderung und Zeitlosigkeit, über den sich „Keine Zeit zu sterben“ definiert, weshalb die Zeit im Titel womöglich noch einen höheren Stellenwert genießt als das Sterben. Als der pensionierte 007 erstmals auf seine Nachfolgerin (Lashana Lynch) trifft und sie darüber sinniert, dass sich die Zeiten ändern, entgegnet er, dass dies seiner Erfahrung nach nicht zutrifft. So viele Änderungen die Drehbuchautoren auch aus der Tasche ziehen, und einige davon sind zweifellos darauf ausgelegt, für Entrüstung zu sorgen, so oft bleibt eben gefühlt doch mehrmals während der drei Stunden die Zeit stehen.
Schon gleich zu Beginn, als Léa Seydoux im Halbdunkel des Tageswechsels auf einem Balkon in Süditalien steht, während ihr Nachthemd im warmen Sommerwind gewogen wird, bekräftigt Bond, dass die Liebenden alle Zeit der Welt haben. Obgleich derartige Zeilen in der Regel das rasche Ende eines Zustands zur Folge haben, spricht er in gewisser Weise die Wahrheit, denn nicht nur ist der 25. offizielle Eintrag in die Reihe mit Abstand derjenige mit der längsten Laufzeit, schon der Prolog ist ein eigener kleiner Film in sich, so dass der Titelsong von Billie Ellish auf den Animationen sich windender DNA-Stränge fast schon zu einer Art vorläufigem Abspann wird. In dieser Zeit, bevor die eigentliche Haupthandlung beginnt, zelebriert Fukunaga einerseits den Berufsalltag eines Doppelnull-Agenten, wie er unter Connery geprägt wurde: Er zeigt praktisch einen kleinen Jungen, der mal zu Fuß, mal mit dem Auto tollkühn durch die Gassen einer europäischen Altstadt jagt, um seine Gegenspieler abzuschütteln, wobei ihm Prozessionen Einheimischer, Schafherden und andere Hindernisse (eigentlich fehlen nur die zwei Transporteure mit der Glasscheibe) den Weg versperren, was zu improvisierten Stunts auf Alternativrouten führt. Der kugelsichere Aston Martin darf sogar mit quietschenden Reifen im Kreis gedreht werden, er darf im Geiste Desmond Llewelyns Salven aus der Vorderlicht-Maschinenpistole abfeuern und Nebel absondern, während die Glocke der örtlichen Kirche 13 schlägt. Andererseits ist das italienische Matera in erster Linie kein Hindernisparcours, sondern ein historischer Ort voller Relikte der Vergangenheit, die wie unsichtbare Gewitterwolken über der sonnendurchfluteten Ortschaft hängen. Als Craig mit Seydoux auf dem Beifahrersitz seine Pirouetten dreht, sieht man keinen Mann, der Freude an seinem Dasein hat, man sieht jemanden, der mit dem Verrat an seiner Person hadert. Die Leichtigkeit ist nur oberflächlich, stattdessen schieben sich die Symbole der Endgültigkeit in den Vordergrund; wie der abfahrende Zug, der endlich nach vielen Minuten in die Titelsequenz abbiegt.
Fukunaga macht im Grunde trotz eines recht holprigen Drehbuchs einen guten Job, diese beiden Welten altmodischer Unterhaltung und neumodischer Erzähltiefe miteinander zu verknüpfen und sie wie Magnete aneinander zu reiben; allerdings vergisst er hin und wieder, dass er eigentlich auch ein aufreibendes Spionage-Abenteuer in schillernder Kulisse inszenieren sollte. Obwohl auch dieser Film wieder reich an Schauplätzen, Stunts und Kulissen ist, an (meist vorhersehbaren) Wendungen ohnehin, so kommt nur selten das für die Reihe typische Hochgefühl auf, bei dem man glauben möchte, selbst in der Haut eines Agenten zu stecken. Es steckt eine gewisse Ironie darin, dass ausgerechnet der menschlichste Bond von allen derjenige ist, der vor lauter Verdruss über Gott und die Welt bei seinem finalen Auftrag nicht mehr zur Identifikation taugt, wenn es darum geht, lebensgefährliche Situationen zu meistern. Selbst die besten Action-Sequenzen, eine SUV-Verfolgungsjagd durch einen nebligen Wald zum Beispiel, funktionieren hauptsächlich über die dichte Atmosphäre, weniger über den Wow-Faktor der Stuntarbeit. In dieser Hinsicht hatten sowohl „Skyfall“ als auch „Spectre“ Spektakuläreres zu bieten, ganz zu schweigen von der Mission-Impossible-Konkurrenz, die dank der actiontechnisch phänomenalen Teile 4 – 6 inzwischen sogar schon zur Überrundung ansetzt. Das mag jetzt noch kein unmittelbares Problem sein, solange alle anderen Faktoren passen, aber wenn man die Craig-Filme irgendwann in den alljährlichen Zyklus der Bond-Komplettsichtung integrieren möchte, könnte es bei einem eher deprimierenden als leichtfüßigen Dreistünder durchaus dazu kommen, dass man ihn einfach mal auslässt.
Hinzu kommt, dass die Koketterie um das (auch im Vorab-Diskurs heiß diskutierte) Thema „Female 007“ nicht besonders gut funktioniert, weil schon der Versuch als allzu durchschaubar am Zuschauer abprallt. Lashana Lynch wirkt aufgrund der permanenten Seitenhiebe gegenüber ihrem verdienten Vorgänger zunächst arrogant und wenig sympathisch, ferner verpasst es das Skript, ihr Szenen zuzuschustern, in der sie unter Beweis stellen kann, was sie drauf hat, ohne es dabei zu einem Wettbewerb ausarten zu lassen. Später erarbeitet sie sich einige Sympathien, ist dabei aber voll und ganz auf den Segen Bonds angewiesen - und auf die Tatsache, dass sie in einigen zentralen Punkten aus strategischem Kalkül wieder zurücksteckt. Unter dem Strich ist das nicht gerade die eleganteste Art und Weise, wie man neue Charaktere einführt. Um ein Vielfaches besser ist es da um Ana de Armas bestellt, die in ihrer kurzen Zwischenepisode vor ungezügeltem Charme Feuer und Funken sprüht, sich zugleich als extrem schlagfertig entpuppt und damit sämtlichen Bondgirls der Franchise alle Ehre macht. In diesem vielleicht unterhaltsamsten Kapitel des Films ist es erneut die Zeit, die zum Thema wird, denn man fragt sich rückblickend: Funktioniert ihr Auftritt deswegen so gut, weil er ebenso unverhofft beginnt (im Abendkleid an einem Straßenimbiss) wie er mit einem gehauchten Abschied und einer geschlossenen Tür wieder beendet ist?
Diese Art der Euphorie entfacht „Keine Zeit zu sterben“ aber leider zu selten. Cary Joji Fukunaga gelingt es zwar durchaus, unmenschliche Lasten von den Schultern des seit „Casino Royale“ um Jahrzehnte gealterten James Bond zu nehmen und die Kollision unterschiedlichster Welten so gefühlvoll zu dirigieren, dass sie sich anfühlt wie ein warmer Gutenachtkuss – trotz der vielen Affronts und Stilbrüche, die sich das Skript erlaubt. Über den Umgang mit Christoph Waltz' Ernst Stavro Blofeld, dem nur noch eine markante Szene zuteil wird, kann man vortrefflich streiten, ebenso wie über die wenig überzeugende Darstellung von Rami Malek, was uns wieder zu der alten Wahrheit führt, dass ein Bond-Streifen ohne einprägsamen Villain von Anfang an ein Problem hat. Umgekehrt wird man mit kinematografischer Expertise verwöhnt, was die Grundlagen der Inszenierung sowie des Erzählens angeht. Selbst Léa Seydoux, die im Vorgänger noch klar im Schatten von Eva Green stand, profitiert von der kunstfertigen Verknüpfung von Plot Points und kann die Eigenschaften ihrer Rolle deutlich ausbauen. Und für Daniel Craig ist es der Schlusspunkt unter einer Ära, die wohl definitiv als prägend in die Filmgeschichte eingehen wird. Aber gerade deswegen wäre für das 26. Abenteuer nun wieder ein vollständiger Kurswechsel angemessen. Einen geschüttelten Martini auf den Status Quo und darauf, dass sich manche Dinge bei allem Fortschritt hoffentlich nie ändern werden.