„Brangelina für Arme!“
Lena Odenthals (Ulrike Folkerts) 71. Ludwigshafener „Tatort“ entstand nach einem Drehbuch Wolfgang Stauchs , das unter der Regie Connie Walthers („Frau Böhm sagt Nein“) verfilmt wurde. Walthers nach „Offene Rechnung“ (1999) zweiter Beitrag zur TV-Krimireihe wurde bereits im November 2018 gedreht und auf dem Festival des Deutschen Films im August 2019 uraufgeführt. Die Erstausstrahlung im Fernsehen ließ bis zum 08.03.2020 auf sich warten.
„Ich kann machen, was ich will!“
Oggersheim: Hans Schilling, Betreiber einer Westernbar, wurde hinter seinem Tresen mit einem Kopfschuss regelrecht hingerichtet. Gefunden hat ihn der Jugendliche Samir Tahan (Mohamed Issa, „Wir waren Könige“), dessen älterer Bruder bereits eine Haftstrafe zu verbüßen hatte. Die Ludwigshafener Hauptkommissarinnen Lena Odenthal und Johanna Stern (Lisa Bitter) bringen in Erfahrung, dass Schilling nicht überall beliebt war, weil er sich mitunter wie ein Hilfssheriff aufgeführt habe. Die Aufmerksamkeit der Ermittlerinnen erregt auch das zu Samirs Clique zählende Pärchen Vanessa Michel (Lena Urzendowsky, „Gladbeck“) und Leon Grimminger (Michelangelo Fortuzzi, „Preis der Freiheit“), das von vielen nur „Leonessa“ genannt wird und zusammen mit Samir regelmäßig vor der Kneipe abhängt. Leons Mutter Katja (Karoline Eichhorn, „Der Felsen“) ist alkoholabhängig und Vanessas Eltern scheinen den Zugang zu ihrer Tochter verloren haben, die sich genau wie Leon mit Prostitution ihren Lebenswandel finanziert…
Ein im Pfälzischen spielendes Jugendsozialdrama also? Das klingt zunächst einmal spannend. Gestalterisch gibt man sich Mühe, den ehemaligen Wohnort des Bimbeskanzlers wie einen sozialen Brennpunkt erscheinen zu lassen. Ein paar Schwarzweiß-Szenen bzw. vielmehr -Bilder unterstreichen den Anspruch an eine Atmosphäre der Trostlosigkeit und die drei Jungmimen spielen stark. Mit ihrem blondierten Bubischopf und armreifgroßen Ohrringen wird insbesondere Urzendowsky als Vanessa zum Blickfang. Issa gibt den sensiblen Migrantensohn Samir und Fortuzzi den nihilistisch anmutenden Gammlertypen Leon. Untereinander ist man sich nicht ganz grün. Vom angeblich fest miteinander verschweißten Paar ist nicht viel zu sehen; Vanessa scheint eher zu Samir hingezogen, der sie jedoch stets zurückweist. Doch hier beginnt eines der großen Probleme dieses „Tatorts“: All seiner Präsenz zum Trotz bleibt einem das Trio seltsam fremd. Weder erfährt man, was Vanessa an Samir findet, noch ob es wirklich nur die (als solche kaum erkennbaren) teuren Klamotten sind, die sie in die Prostitution treiben. Am allerwenigsten erfährt man über Leon.
Als problematisch für die Handlung erweist sich auch, dass eine junge Erwachsene eine 15-Jährige spielt, die zum Aufhänger für Odenthals moralische Entrüstung wird: Urzendowskys schauspielerische Leistungen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie nun einmal keine 15-Jährige mehr ist. Odenthal indes lässt sich zu nur schwer nachvollziehbaren Konflikten mit Stern hinreißen. Vermutlich soll sie von diesem Fall – weniger wegen des Toten, vielmehr wegen der jugendlichen Prostituierten – emotional aufgewühlt wirken, in dieser Inszenierung erscheint sie jedoch in erster Linie unprofessionell. Im etwas theatralisch angehauchten und melodramatischen Finale, das in den dramatischen Effekt verstärken sollender Zeitlupe abläuft, bricht sie letztendlich sogar in Tränen aus.
Odenthals starke Verbundenheit zu den Jugendlichen steht im Kontrast zum Publikum dieses „Tatorts“, dem sie schlicht zu wenig nahegebracht werden. Die intendierte Wirkung verpufft, an die Empathie wird zu wenig appelliert. So gesellt sich zur Oggersheimer Tristesse vor allem Langeweile auf Zuschauerinnen- und Zuschauerseite, denn während die Ermittlerinnen auf der Stelle treten oder Odenthal den Eltern ins Gewissen redet, tut das juvenile Trio, was es eben so zu tun pflegt – ohne sonderlich aufsehenerregende oder gar spektakuläre Ausreißer. Beinahe ist man geneigt, Unverständnis über das Aufhebens, das um sie gemacht wird, aufzubringen, was jedoch keinem Zynismus, sondern der misslungenen Dramaturgie geschuldet ist. Aber dann ist da ja noch die Verbindung zum Mordfall, die am Ende offenbart wird, am enttäuschenden Gesamteindruck jedoch auch nichts mehr ändert.
Auf der Tonspur sind übrigens (zwischen nicht untertiteltem breitem Pfälzer Dialekt diverser Nebenfiguren) The Unthanks zu hören, eine britische Folk-Band.