In der Musik gibt es einige Beispiele, bei denen sich Künstler einer Fantasiesprache bedienen, wie etwa „Dead can Dance“. Im Zeitalter digitaler Übersetzungen wäre eine derartige Prämisse undenkbar, doch zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs durchaus nachvollziehbar, weshalb die Basis der Geschichte auf wahren Begebenheiten beruht.
Frankreich 1942: Um der Erschießung durch die Nazis zu entgehen, gibt sich der jüdische Belgier Gilles (Nahuel Pérez Biscayart) als Perser aus und kommt dadurch in ein Durchgangslager. Auf ihn wird Obersturmführer Koch (Lars Eidinger) aufmerksam, der nach dem Krieg plant, ein Restaurant in Teheran zu eröffnen. Gilles, der sich nun Reza nennt, soll ihm Farsi beibringen, doch er spricht nur zwei Wörter persisch. Aus Namen einer Registrierliste bastelt er sich stets neue Vokabeln und droht jederzeit aufzufliegen…
Not macht zwar erfinderisch, doch das Unterfangen scheint relativ aussichtslos, zumal sich Gilles natürlich ebenfalls alle Fantasiebegriffe merken und folgerichtig über ein verdammt gutes Gedächtnis verfügen muss. Phasenweise ist die Inszenierung wie ein Kammerspiel aufgebaut, bei dem sich weite Teile der Handlung entweder im Büro von Koch oder in den Baracken abspielen. Mal abgesehen von kurzen Abstechern in Steinbruch oder einen angrenzenden Wald.
Regisseur Vadim Perelman („Haus aus Sand und Nebel“) vernachlässigt die Gräuel des Holocaust nicht, sie werden allerdings eher am Rande integriert, die Gewalt kommt daher oft unvermittelt und umso erschreckender daher. Die Konzentration liegt klar beim Zusammenspiel der ungleichen Figuren, die sich im Verlauf zwangsläufig annähern und dennoch stets mit einem gewissen Argwohn begegnen, zumal Koch mehrfach gewarnt wird, dass Reza ihm etwas vorgaukelt. Trotz einiger Figurenklischees, speziell bei den ranghöheren Nazis, entwickeln sich bei Koch Züge von Menschlichkeit, um im nächsten Moment zur Bestie zu mutieren. Eine latente Beklemmung schwingt stets mit.
Dies ist, neben dem grundsoliden Handwerk und dem sauber abgestimmten Score, den beiden grandiosen Hauptdarstellern zu verdanken. Eidinger spielt den leicht süffisanten Befehlshaber ausgezeichnet, erreicht jedoch nicht die nuancierten Qualitäten eines Biscayart, der kurz vor Ende für einen unglaublichen Gänsehautmoment sorgt. Aber auch die übrigen Mimen sind treffend besetzt und performen durch die Bank solide.
Ein leicht bitteres Schmunzeln bleibt beim Thema der Fantasiesprache nicht aus, spätestens als diese für ein kurzes Gedicht verwendet wird oder wie innerhalb von Sekunden aus Franco der Begriff „Anko“ als Übersetzung für Geduld gebildet wird. Dennoch bleibt es ein Spiel mit dem Feuer, die allgegenwärtige Bedrohung nie aus den Augen verlierend. Ein insgesamt eher ruhig erzähltes Drama, zuweilen um einige Intrigen zuviel ausgeschmückt, aber dennoch packend und mit vergleichsweise einfachen Mitteln gut auf den Punkt gebracht.
7,5 von 10