Review

THE TROUBLE WITH BEING BORN

(THE TROUBLE WITH BEING BORN)

Sandra Wollner, Österreich/Deutschland 2020


„Symbolschwer, experimentell und richtig surreal“, konnte ich zum vorliegenden Film lesen und mich der Wirkung dieser Worte nicht entziehen, obwohl österreichisch-deutsche Kunstfilme ganz gewiss nicht meine cineastische Wunschliste anführen. Ich bin dabei davon ausgegangen, dass Sandra Wollners Abschlussarbeit ihres Studiums an der Filmakademie Baden-Württemberg irgendwo weit unter dem Radar von Publikum und Kritik sein einsames Dasein fristet, aber weit gefehlt: Zumindest das versammelte Feuilleton hat sich regelrecht auf The Trouble With Being Born gestürzt und war dabei mit Lob und Anerkennung alles andere als kleinlich. Auch wenn genau das zu erhöhter Vorsicht mahnt, war ich in diesem Fall doch optimistisch genug, um guter Dinge den Weg ins Arthaus-Gelände antreten zu können ...

Ein kleiner, fast verwunschen wirkender Swimmingpool, der zu einem abgelegenen, im Wald versteckten Designer-Anwesen gehört – er wird in der ersten Filmhälfte der wichtigste Schauplatz sein. Hier sehen wir einen Mann in mittleren Jahren und ein etwa zehnjähriges Mädchen, das uns per Voiceover ein paar Sätze erzählt, mit denen sich nichts anfangen lässt. Es handelt sich, so geht aus den wenigen anschließend gewechselten Worten hervor, um Vater und Tochter. Das Kind wirkt sonderbar, und auch das Miteinander der beiden, die offensichtlich nur zu zweit im Haus leben, hat etwas Künstliches. Aber wir sind ja hier auch mittendrin in der Filmkunst.

Bald jedoch beginnen sich die Schleier zu lichten: Als die Tochter eines Tages leblos im Pool treibt, bleibt der Vater vollkommen gelassen, fischt sie aus dem Wasser und ... repariert sie. Aha: Es handelt sich bei ihr, die Elli genannt wird, also um einen Roboter. Oder eine Androidin, das klingt besser. Mehr noch: Es handelt sich um eine Androidin, die mit den Erinnerungen der echten Tochter des Mannes, welche wohl vor zehn Jahren spurlos verschwand, ausgestattet ist. (Wo man diese Erinnerungen hergenommen hat, verschweigt uns das Skript – schade, das ist eigentlich eine essenzielle Frage. Aber vielleicht sind es auch keine wirklichen Erinnerungen, sondern nur ein paar Loops, eingepflanzt vom „Vater“.) Und noch mehr: Es handelt sich offenbar auch um eine Androidin, die sexuelle Kontakte mit ihrem „Vater“ pflegt. Das wird natürlich nicht explizit gezeigt, aber immerhin so weit angedeutet, dass man sich eine dementsprechende Schlussfolgerung durchaus erarbeiten kann. Erarbeiten muss man sich hier übrigens fast alles, denn Bilder und Worte geben sich weiterhin betont geheimnisvoll, wobei Letztere ohnehin ein seltener Gast in diesem Film sind. Sie könnten möglicherweise zu viel verraten.

Später, irgendwann, sehen wir den Mann und die Androidin wieder am abendlichen Pool, aber mit der Androidin stimmt etwas nicht – sie wirkt älter und auch etwas natürlicher. Kunststück: Es handelt sich nunmehr, wie wir uns wiederum recht mühsam erarbeiten dürfen, tatsächlich oder wenigstens höchst wahrscheinlich um die echte Tochter des Vaters (nun stimmt auch diese Bezeichnung wieder), welche von woher auch immer zurückgekehrt ist. Grund genug für die unter den veränderten Umständen überflüssige Androidin, sich zurückzuziehen – wie weiland die echte Tochter läuft sie in den tiefen, dunklen Wald ... und lässt sich an einer einsamen Landstraße als Anhalterin mitnehmen.

Der Mann, der sie aufgegriffen hat, identifiziert sie sofort als Roboter und bringt sie zu seiner alten, wortkargen und hochgradig mürrisch durch die Gegend laufenden Mutter, die freilich nicht in einem idyllischen Waldgrundstück, sondern einer entmutigend tristen Plattenbausiedlung wohnt. Hier kann sich unsere Androidin auch gleich auf eine ihr vertraute Art nützlich machen und wieder ein abwesendes Familienmitglied ersetzen: In diesem Fall ist es der früh, sprich vor sechzig Jahren durch einen Unfall verstorbene jüngere Bruder der mürrischen Alten. Mit den Erinnerungen hapert's hierbei aber gewaltig, und so kann die nunmehr mittels Perücke in einen „Jungen“ namens Emil verwandelte Androidin nur wenig Erbauliches für ihre neue „Besitzerin“ leisten. Die ist aber ohnehin nicht wirklich an ihrem allzu künstlichen Bruder-Reboot interessiert und bleibt mürrisch und abweisend. Unsere Androiden-Heldin beziehungsweise inzwischen unser Androiden-Held hat daher umso mehr Zeit, über seine Existenz oder Nicht-Existenz, seinen Platz in der Welt, das Menschsein und was es ausmacht, den Wert und das Wesen von Erinnerungen und noch vieles mehr nachzudenken. Und wir, die Zuschauer, sollen das natürlich auch tun. Sowieso.

Ja, The Trouble With Being Born (hierzulande als Der Nachteil geboren zu sein geführt) ist ein waschechter Kunstfilm. Das bekommt man schon in den allerersten Sekunden ganz dick aufs Brot geschmiert: Aus einem längeren Schwarz heraus zeichnen sich langsam das ungewöhnliche Normalbildformat und ineinander verschwimmende, undefinierbare Schwarz-Weiß-Formen heraus, dazu ertönen Wortfetzen und elektronische Störgeräusche. Es dauert, bis die ersten verwertbaren Bilder und Töne freigegeben werden. In meinen Augen und Ohren ist das ein starker Einstieg – dem freilich, wenn auch Stück für Stück (hier geht, das kann gleich einmal als universell gültige Erkenntnis vorangeschickt werden, alles, wirklich alles sehr langsam) Ernüchterung folgt. Ernüchterung deshalb, weil dieser Film sehr wohl ein beträchtliches Potenzial erkennen lässt, aber nicht genug damit anzustellen weiß. Beziehungsweise: nicht genug damit anstellen will. Sandra Wollner und ihr Skript hüten sich tunlichst davor, mehr als unbedingt nötig zu verraten und geben sich fast zwanghaft kryptisch – was diesen Streifen zwar bis zu einem gewissen Punkt interessant macht, ihn aber auch ein Stück weit ins Verderben führt: Die aus vagen Andeutungen heraus installierten und nie wirklich greifbaren Figuren bleiben dem Betrachter wohl oder übel fremd, und über das Wohl, Schicksal und Innenleben von Figuren, die einem fremd sind (nennen wir sie ruhig beim Namen: Kunstfiguren), will man nicht gern nachdenken. Warum sollte man das auch tun? Okay, wenn man fürs Feuilleton schreibt vielleicht, aber als nicht zu irgendetwas verpflichteter Konsument bleibt man hier doch in der Rolle eines weitgehend unbeteiligten Beobachters gefangen.

Immerhin: Wenn ich Beobachter sage, dann setzt das voraus, dass man überhaupt erst einmal bereit ist, hier irgendetwas zu beobachten und dem Spuk nicht vorzeitig ein Ende bereitet. Mich für meinen Teil hat dieser Film zumindest in einem solchen Maße mitgenommen, dass ich ihm ohne die Entwicklung ernsthafter Aversionen bis zum Ende treu geblieben bin. In der Tat hat er nicht nur einen bemerkenswerten Ansatz (laut Regisseurin war ein „Anti-Pinocchio“ angestrebt – die Verhandlung des Wunsches, nicht Mensch zu sein, verdient definitiv viel Anerkennung!), sondern auch seine starken Momente, in denen er bis zum Zuschauer durchdringt. Es sind zwar wenige, aber es gibt sie, und sie halten ihn über Wasser. So haben mich beispielsweise einige ungewöhnlich authentisch wirkende und auch atmosphärische Bilder und Einstellungen (besonders an diesem merkwürdigen einsamen Pool) fasziniert – wobei ich sie allerdings überwiegend als für sich allein stehend betrachtet und gar nicht im filmischen und narrativen Kontext eingeordnet habe. Wie auch immer – für mich haben sie funktioniert und dem Film ein paar Punkte auf der Habenseite verschafft. Überhaupt neige ich wie schon angedeutet dazu, The Trouble With Being Born eher milde zu beurteilen – Sandra Wollner verfolgt ihren sehr speziellen Weg ehrlich und aufrichtig und gibt sich beispielsweise nicht einfach der offenen Provokation hin, um Aufmerksamkeit zu erregen (wenngleich die Frage, ob sie dem Thema Pädophilie ein wenig zu sorglos gegenübersteht, sehr wohl einer Beantwortung harrt – aus meiner Sicht muss man allerdings keinen Alarm schlagen). Auch wirkt ihre Arbeit weniger prätentiös als zu befürchten war – in manchen Punkten zeichnet sie sich sogar durch eine gewisse Bescheidenheit aus.

Damit aber nun genug des Lobs ... wobei ich diesen Film freilich gar nicht gelobt, sondern nur abmildernde Worte für ihn gefunden habe – im Kern handelt es sich hier noch immer um krass ausgeprägtes und weit über die Rezeptions- und Toleranzbereitschaft des Normalverbrauchers hinausreichendes Arthaus-Kino, dem man sich nur mit viel vorauseilendem Wohlwollen und noch mehr Geduld und Ausdauer nähern sollte. Mit anderen Worten: The Trouble With Being Born ist eine reichlich zähe (oder deutlicher gesagt langweilige) Angelegenheit, die dem Betrachter nur wenig Gegenwert für seinen guten Willen zu bieten hat. Ach, und im Übrigen: „Richtig surreal“ ist Frau Wollners Arbeit natürlich nicht. Es gibt ein paar Szenen, die man so nennen könnte, aber grundsätzlich ist der Film einfach nur kräftig verschlüsselt – und das ist etwas anderes als surreal.

Einen bemerkenswerten Fakt zur Optik hatte ich bereits genannt, will mich aber gern noch einmal wiederholen: The Trouble With Being Born kommt im alten 1.33:1-Format daher, was heutzutage immer etwas Besonderes ist. Es hat ein Weilchen gedauert, bis ich mich an die im ersten Moment fast quadratisch anmutenden Bildabmessungen gewöhnt hatte, aber dann konnte ich ihren besonderen Reiz doch wieder einmal sehr genießen. Interessant ist auch, was die Bilder zeigen: In der Startphase, vor allem in den Takes am kleinen Pool, wirken sie seltsam verträumt und ein Stück weit aus Zeit und Welt gefallen (eine ähnliche abgelegene Designer-Bude wie hier ist mir übrigens schon in Ich seh ich seh, einem anderen und äußerst unangenehmen Arthaus-Drama aus Österreich, begegnet), sehr oft sind sie außerordentlich dunkel, da gnadenlos ohne künstliches Licht im nächtlichen Wald oder in finsteren Räumen gefilmt wurde, und in einigen Szenen der zweiten Filmhälfte, wenn sich graue Betongebäude, breite graue Ausfahrtstraßen, riesige graue Großmarktparkplätze und grauer Nebel zu einem einzigen, alles verschlingenden Über-Grau vereinen, sind sie von einer nahezu unbeschreiblichen Trostlosigkeit. Einige dieser Bilder haben mir echt die Sprache verschlagen (und ich habe schon viel Grau gesehen). Ohnehin muss die hervorragende und hoch präzise Kameraarbeit erwähnt werden – hier ist keine Einstellung dem Zufall überlassen. Besonders fällt auf, dass sich die Kamera immer wieder über weite Strecken hinweg bewegt, um beispielsweise Leuten zu folgen (einmal hat mich das sogar, was hier natürlich überhaupt nicht herpasst, an den Kameraverfolgungs-Sketch aus Monty Python's Der Sinn des Lebens erinnert) oder die Wege der Handelnden nachzuvollziehen, was erfreulicherweise immer ganz schwebend und ohne nervendes Gewackel vonstattengeht. Danke dafür.

Zu den Darstellern gibt es nicht allzu viel zu sagen. Im Zentrum des Geschehens steht ein Mädchen mit dem Künstlernamen Lena Watson, das überwiegend durch eine Maske geglättet als Androidin Elli und auch als Android Emil in Erscheinung tritt – sie macht das verblüffend professionell, war mir aber (vielleicht gerade deshalb) nie so ganz geheuer. Gruselig, irgendwie. Mächtig gruselig sogar, wen ich's recht bedenke. Die wenigen Szenen mit der „echten“, demnach also zwanzigjährigen Elli werden von Jana McKinnon (auch ein Künstlername?) makellos absolviert, und auch Dominik Warta als Vater und Ingrid Burkhard als mürrische „Zweitbesitzerin“ unserer maschinellen Heldenfigur machen ihr Ding – wie man zu ihnen steht, ist eher Geschmackssache. Mein Geschmack war vor allem Letztere nicht.

Beim Score ist schließlich zunächst zu klären, ob er überhaupt vorhanden ist, und wenn ja, wann. Für seine Anwesenheit spricht zweierlei: Erstens die Namen zweier Komponisten (Peter Kutin und David Schweighart) und zweitens einige eher selten zu vernehmende Klänge, die entfernt an Musik elektronischen Ursprungs erinnern. Einmal schalten sich diese Klänge sogar prägend ein und sorgen dafür, dass die von ihnen begleitete Sequenz glatt als erstklassiger Horror durchgeht, ansonsten ist man hier aber eigentlich immer am Rätseln, ob die vielen seltsamen Geräusche, die man im Verlauf des Geschehens zu hören bekommt, nun zur „Musik“ gehören oder nicht.

„Rätseln“ ist dann auch ein gutes Stichwort für das längst überfällige Fazit: The Trouble With Being Born ist Arthaus-Kino in Reinkultur – kryptisch und schwer erschließbar, weithin überbewertet, humorlos bis unangenehm, extrem künstlich in Sachen Personal und Handlung und damit auch nur höchst bedingt in der Lage, emotional zum Betrachter vorzudringen. Der Film möchte zur rationalen Rezeption anregen und überlässt den Willigen unter den Zuschauern und natürlich dem Feuilleton die Aufgabe, kluge Gedanken zum Verhältnis zwischen Mensch und Maschine, zu Künstlicher Intelligenz, zum Leben und zur Interpretation des Begriffs Leben zu entwickeln – er selbst macht es sich da angenehm leicht und verweigert klare Aussagen kategorisch.

Interpretationsspielraum ist freilich für den erwachsenen Betrachter mitnichten eine verurteilungswürdige Angelegenheit, weshalb ich mich in diesem Punkt auch gar nicht aufregen will. Ich will mich eigentlich überhaupt nicht aufregen – und da liegt genau genommen auch die Wurzel allen Übels: The Trouble With Being Born ist mir, und das dürfte so ziemlich das Letzte sein, was Sandra Wollner über ihren Film hören will, absolut gleichgültig. Er hat mich in meiner Eigenschaft als Freund des experimentellen Kinos und cineastischer Grenzerfahrungen gerade noch so weit bei Laune gehalten, dass ich ihn nicht in die Rubrik Zeitverschwendung einordnen möchte, obgleich sein Unterhaltungswert bedrohlich gegen null tendiert, aber von ihm wird kaum etwas bleiben – zumal ich nicht einmal einen Androiden habe, dem ich meine schon jetzt recht blassen Erinnerungen an ihn einpflanzen könnte.

(03/24)

5.5 von 10 Punkten.





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