Review

Ob der Film als erst zweite Solo-Regiearbeit von Yoon Sung-hyun nach Bleak Night (2010) und der Beteiligung an einem großteils unbekannten und auch vernachlässigenden Omnibusprojekt zur selben Zeit, also mit langer kreativer Pause und eher keinen Kassenstars in der Besetzung bei einer 'normalen' Distribution im Kino überhaupt diese Aufmerksamkeit wie jetzt gehabt hätte. Oder ob bei dem 'späten' Kinostart Ende Februar 2020 und das mitten in der Corona-Krise (nicht nur) des Landes, also bereits mitten in der Pandemie und so vor leeren Rängen liefend nicht etwa hohe Einnahmen weggebrochen sind, lässt sich im Nachhinein nur vermuten und nicht sagen, nur spekulieren und nicht feststellen. Dass die Genreware aus Südkorea sowohl für das einheimische Publikum interessant und damit auch lukrativ sein kann, ist weniger die Ausnahme als vielmehr die Regel, waren zum damaligen Zeitpunkt bzw. kurz zuvor oder gleichzeitig entsprechend andere Ware wie The Man Standing Next oder The Closet oder auch die andere erfolgreiche Sparte des Filmlandes, die Komödien durchaus vorhanden und auch noch (ein wenig) mit Zuschauern gefüllt. Letztlich wurde (das Veröffentlichungsdatum der bspw. für den April anvisierten Call, Intruder und Innocence vertagt bzw. ausgesetzt und) hierfür eine Auswertung auf dem Streamingdienst von Netflix angekündigt, dann wegen Probleme mit den Rechteinhabern wieder werbewirksam verschoben und nun endgültig das Licht der Welt erblickt. Jetzt, da dafür bezahlt, können sie auch so tun, als ob es 'ihrer' ist:

Südkorea, in naher Zukunft. Das Land ist hoch verschuldet, der öffentliche Staat hat sich weitgehend zurückgezogen, dafür blüht Armut und Kriminalität. Als der wegen des Überfalls auf einen Juwelier für drei Jahre einsitzende Joon-seok [ Lee Ja-hoon ] wieder aus dem Gefängnis kommt, wird er von seinen beiden ebenso jungen Freunden Jang-ho [ Ahn Jae-hong ] und Gi-hoon [ Choi Wooshik ] abgeholt. Nach einem kurzen Besäufnis auf die Freiheit müssen ihm die beiden beichten, dass die Beute aus dem Raub aufgrund der Inflation nichts mehr wert und sowieso kein Umtausch der einheimischen Währung mehr möglich und ein Nutzen gleich null ist; dafür weiht sie Joon-seok auch sofort in seines neues Vorhaben ein. Zusammen mit dem dort beschäftigten gleichaltrigen Sang-soo [ Park jung-min ] wollen sie ein illegales Casino überfallen, wo noch die US-Dollar im Safe liegen.

"This is a nightmare, right? How could this be real?"
Keine Zeit für falschen Stolz und "In der Not schmeckt jedes Brot". Die Welt, wie wir sie kennen, ist sichtlich noch da, aber heruntergekommen und verwahrlost, deutlich verdreckt in der Luft schon und sicher nicht der Fortschritt, den man sich erträumt hat und den wir uns wünschen. Proteste, Straßensperren und -kontrollen, No-go-Areas und Slums, ein Blick in das nahe Hier und heute, nur aus der pessimistisch-realistischen Sicht. Die Träume, die sind noch die gleichen: raus aus diesem urbanen Krater und rein in den Reichtum und ran an das Meer. Das einheimische Geld ist wertlos geworden, eine Beute von früher so wie vieles von früher seinen Bestand verloren, die Zeiten haben sich geändert, die Reichen wurden reicher, die Armen wurden ärmer, eine Sozialität gibt es nicht mehr, die Gewalt hat sich vermehrt.

Regisseur Yoon baut erst die Figuren auf und nebenher die Welt, die Stadt unter ihrer Dunstglocke, als Coming-of-Age und Dystopie; ein Folgen der in ihr lebenden und ein erneutes Heranführen des aus dem Gefängnis kommenden und dort drei entscheidende Jahre verbringenden, der Blick auf den Gesellschafts- und Industriemüll hier ist gleichzeitig bekannt als auch neu und gleichzeitig minimal futuristisch als auch zum Genre des Actionthrillers speziell mit dem Thema Überfall charakteristisch und so variiert und trotzdem zugehörig. Der aus dem Knast ist auch der Gefährlichste der Drei, die Umstellung abrupt, das Leben in der Kriminalität hinter Gittern dafür bekannt und die Handhabung geschult. Er hat seine Ideen, er hat seine Flausen und die Connections; die Anderen haben keine Perspektiven. Die Leute sind (oder wirken) jung, sie sind nicht von Grund auf böse, sie sind nicht professionell und sie versuchen es nicht bei den Banken, sondern einem illegalen Casino; es herrscht von Beginn des Vorhabens an eine nervöse und deswegen unwohle Grundstimmung, die nicht nur die Beteiligten, sondern auch den bloß Zusehenden miteinbezieht und bald die ganze hässliche Welt von den Beinen hebt: kurz vor dem Waffenkauf und der Umsetzung der Vorbereitung kippt die Kamera in die Schräge und dann in die Über-Kopf-Perspektive, dann pumpt die Tonspur und das Herz gleich mit. Ein kurzer Moment des Zögerns kommt dann noch und folgend ein kurzer Moment des Glücks.

"Is it supposed to be this loud?"
Die Schüsse sind laut, knallend, teils erschreckend, oftmals wird einzeln, aber dann direkt auf den Kopf gezielt. Gewehrfeuer ertönt beim Training, beim Überfall, bei der Flucht, beim Vorstellen des Jägers, der sich auf die Fährte der Räuber setzt, der schon vorher eine ganze Lagerhalle voll mit Leichen hat und bald die ersten Fragen stellt und die ersten Antworten erhält. Der Film erzählt das lang, zweistündig, auch mit Wiederholungen (des Traumes und des Zieles der jungen Männer bspw.) und auch mit einer Stop-and-go Dramaturgie, mehr mit innerer Anspannung und Entspannung als rein über bloßen Druck und Tempo. Die Farben sind karg, rot als Signalgebung öfters und in gleich mehrfacher Hinsicht, sonst existiert nur ein Grau-in-Grau, welches Zeichen der Kargheit und der Ärmlichkeit hier ist. Der Ansatz der Jagd ist auch ein anderer, mehr wie im Horrorfilm, wird auf Bedrohung und Verängstigung gesetzt und mit dem auserkorenen Ziel 'gespielt': Der Weg zum Auto mit den Waffen erscheint ewig lang, das Auto selber funktioniert nicht mehr, man braucht 'Stunden', um einen zweiten Wagen zu starten, der währenddessen lauthals Alarm schlägt, dann gehen die Lichter im Parkhaus aus, man findet den Ausgang nicht usw. Der Jäger verunsichert und setzt eine Paranoia, die den Schrecken ohne Ende und am Ende nur den Tod oder gleich die ewige Hölle verspricht.

Details