Review

Der Film ist die reine Provokation !

Er zielt ab auf das ureigenste männliche Selbstverständnis, denn er stellt eine Hauptfigur in den Mittelpunkt, die in Punkto „Erfolg bei Frauen“ einen für fast alle unerreichbaren Prototyp darstellt.

Wie gut dieser Typ getroffen wurde ist daran zu merken, daß er in vielerlei Hinsicht Standards vorgab, die 1980 völlig untypisch und nach den optisch wilden 70er Jahren geradezu radikal waren, die aber heute auch unter männlichen Geschlechtsgenossen normale Voraussetzung sind, wenn man schnellen Erfolg beim anderen Geschlecht erzielen will.

Richard Gere ist Julian. Und Julian ist immer perfekt gekleidet, fährt das gerade angesagteste Mercedes-Cabriolet, trainiert täglich seine Muskeln und verfügt über einen sehr gepflegten Körper. Natürlich hat er eine modern gestylte Wohnung, spricht mehrere Sprachen und ist auch ein Kunstkenner.

Dazu verkehrt er nur in den angesagtesten Clubs und Restaurants und sobald er nur irgendwo sitzt, fliegen ihm sofort sämtliche Blicke der Frauen zu.

Ein Typ zum Hassen !

Natürlich ist ihm das Alles sehr bewußt und entsprechend geht er auch mit seiner Umgebung um.

Nur, wenn Jemand glaubt, daß das Alles nur hohle Fassade ist, der irrt! – Julian versteht seinen Job. Selten habe ich Jemanden im Film gesehen, der so sensibel und zärtlich mit Frauen umgehen konnte und dem man das Prädikat „gut im Bett zu sein“ glaubwürdig abnahm.

Allerdings beschafft sich Julian diesen Lebensstil mit einem ungewöhnlichen Job, denn er verkauft sich als „Gigolo“ an ältere Damen, denen er vordergründig als Dolmetscher oder Fahrer dient. Da er über perfekte Umgangsformen verfügt und auch die besten Verbindungen hat, überzeugt er die meist einsamen Damen sehr schnell...

Schrader führt uns zu Beginn in einen Lebensstil ein, der scheinbar ein einziges Vergnügen darstellt und bei dem es sich dazu noch sehr gut verdienen läßt. Gere wirkt in jeder Beziehung ausgeglichen und selbstsicher.

Doch dann beginnt dieses Konstrukt langsam zu bröckeln.

Zuerst lernt er eine Politikergattin (Lauren Hutton) kennen, die ein ernsthaftes Interesse an ihm hat und seine Nähe sucht. Doch Nähe oder Gefühle kommen in seiner Lebensweise nicht vor, nur eine absolute Unabhängigkeit gepaart mit einer gewissen Gefühlslosigkeit ermöglichen ihm das Aufrechterhalten seiner Lebensweise.

Dann erfährt er durch die Zeitung, daß eine seiner Kundinnen ermordet wurde. Es dauert nicht lange bis die Polizei bei ihm auftaucht und wer dann miterlebt, wie Julian dem Polizeidetektiv dessen äußere Optik und körperliche Verfassung vorhält, mit der dieser sicherlich keine Chancen bei Frauen hätte, der kann sich gut vorstellen, daß die Polizei nicht mehr sein Freund und Helfer sein wird....

Das was jetzt in Gang kommt und Julians Leben immer weiter zerstört, wird kaum einen Zuschauer betroffen machen, obwohl es offensichtlich ungerecht ist.

Schrader gelingt mit dieser Konstellation eine klassische Umkehrung der normalen Reaktion, bei der üblicherweise der Zuschauer mit dem zu unrecht Beschuldigten mitfiebert.

Das Ganze steigert Schrader noch dadurch, daß er seinen „Helden“ immer weiter demontiert. Gere zeigt sich unter Druck keineswegs mehr so souverän und auch der Anstrich der Intelligenz, den er zuerst vermittelt, wirkt mit der Zeit immer mehr antrainiert, denn jetzt als er sich versucht gegen die Verdächtigungen zu wehren, macht er das so ungeschickt, daß es ihn immer tiefer in den Strudel hinein zieht....

Doch einfach die Demontage eines scheinbar unsymphatischen Typen und seines Lebensstils, der sich als hohl erweist, ist nicht Schraders Ziel. Auch eine Beschränkung auf die Demaskierung der guten Gesellschaft, die in Wirklichkeit verlogen und feige ist, wäre viel zu einfach und ist ja allgemein bekannt.

Nein, Schrader sieht durchaus echte Qualitäten in Julians Leben und läßt seinen Hauptdarsteller letztendlich nicht im Stich...

Ein hervorragender konsequenter Film, der optisch teilweise wie ein Werbefilm daher kommt und der den Dreck nicht zeigt, sondern spüren läßt. Alles ist in ruhigen Bildern gehalten, es gibt kaum Action, aber die Spannung erschließt sich durch die menschlichen Verhaltensmuster und die sich dadurch ergebenden Konfrontationen.

Eine menschliche Studie, die nicht irgendwelche Emotionen befriedigen will, sondern uns bewußt einen Spiegel vorhält – nämlich den Spiegel unserer eigenen Reaktion.

Gerade das dieser zeitlose Film – nicht nur hier im OfdB – nicht die ihm verdiente Anerkennung erfährt und auch seinen Hauptdarsteller Richard Gere, der hier hervorragend spielt, gebrandmarkt hat, zeigt wie gut diese Provokation bis heute funktioniert. Wir können nicht über unseren Schatten springen (9/10).

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