„I am the writing on the wall, the sweet smell of blood. Be my victim.”
US-Filmemacher Jordan Peele, der mit seinen Rassismus-kritischen Horrorfilmen „Get Out“ und „Wir“ in den 2010er Jahren für Aufsehen sorgte, ließ sich offenbar vom Erfolg des „Halloween“-Films von Regisseur David Gordon Green inspirieren, der im Jahre 2018 einen neuen zweiten Teil darstellte, also sämtliche bisher erschienenen, an John Carpenters Subgenre-begründenden Stalk’n’Slash-Film anknüpfenden Fortsetzungen ignorierte. So verfasste Peele zusammen mit Win Rosenfeld und Nia DaCosta ein Drehbuch, das die Geschichte von „Candyman“, jenem US-Horrorfilm aus dem Jahre 1992, weiterspinnt, ohne zu berücksichtigen, was in den seitdem veröffentlichten zwei Fortsetzungen vor sich ging. Peele produzierte auch gleich zusammen mit Rosenfeld sowie Ian Cooper, überließ den Regiestuhl jedoch dem Nachwuchstalent Nia DaCosta („Little Woods“). „Candyman’s Fluch“, wie das Original in seiner deutschen Fassung hieß, basiert wiederum auf einer in England statt wie die Filme in Chicago angesiedelten Kurzgeschichte Clive Barkers, in der der Candyman, wie man ihn kennt, jedoch gar nicht vorkommt (und schon gar nicht erscheint, wenn man seinen Namen fünfmal in einen Spiegel spricht). Da es aus der Mode gekommen ist, Fortsetzungen mit einer entsprechenden Ziffer im Titel zu kennzeichnen, heißt nun also auch DaCostas Film, der im Sommer 2021 in die Kinos kam, schlicht „Candyman“.
„Candyman is a way to deal with the fact that these things happened to us, are still happening!”
Das Chicagoer Stadtviertel Cabrini-Green, einst ein Arbeiterbezirk voller Sozialwohnungen, ist mittlerweile weitestgehend durchsaniert und -gentrifiziert. Erst kürzlich haben der Künstler Anthony McCoy (Yahya Abdul-Mateen II, „Aquaman“) und seine Frau Brianna Cartwright (Teyonah Parris, „Chi-Raq“) dort eine schöne, moderne Wohnung bezogen, in der sich Anthony auch sein Studio eingerichtet hat. Leider mangelt es ihm an Inspiration, was sich jedoch ändert, als ihm Briannas Bruder Troy (Nathan Stewart-Jarrett, „Wenn du König wärst“) vom Flammentod der Reporterin Helen Lyle als eine Art urbane Legende berichtet. Anthony stellt eigene Nachforschungen an und wird bald mit Helen Lyles damaligem Forschungsgegenstand konfrontiert: dem Mythos des Candyman – einem großgewachsenen schwarzen Mann, der anstelle einer rechten Rand einen Haken hat und unbarmherzig alle tötet, die es wagen, ihn anzulocken, indem sie seinen Namen fünfmal in einen Spiegel sprechen. Anthony stellt im Rahmen einer Vernissage einen Spiegel auf und fordert die Besucher(innen) auf, eben dies zu tun. Nach einem brutalen Doppelmord in der Galerie scheint es tatsächlich, als sei der Candyman zurückgekehrt – und Anthony ist mit seiner Kunst zum Stadtgespräch avanciert. Seiner Popularität kommt das zugute, doch weiß er wirklich, was er da herausbeschworen hat…?
„Tell everyone.“
Die Produktionslogos zu Beginn des Vorspanns werden als visueller Gag spiegelverkehrt gezeigt, was ein erster Hinweis ist sowohl auf die optische Verspieltheit des Films, die sich in einigen Szenen in Details und Zooms zeigt, als auch auf das verstärkte Agieren mit dem Spiegelmotiv als elementarem Bestandteil des Candyman-Mythos: Der Spiegel als Fenster in eine dunkle Welt, durch die der Candyman in die vertraute Realität schreitet. Lange Zeit ist er lediglich in Spiegeln zu sehen, während er zeitgleich ganz real und brutal wütet. Zugleich fungiert der Spiegel als beunruhigendes Zerrbild der eigenen Seele, in dem für Anthony die Realität und die eigene Identität infrage gestellt werden. Im Kontrast zu einigen grafisch herben Gewalt- und Ekelszenen stehen die originell mittels Scherenschnittfiguren in Schattenspielen visualisierten Rückblenden (während andere Rückblenden schauspielerisch realisiert wurden). Seine Handvoll Jumpscares hat „Candyman“ wohldosiert, viele Gewalteruptionen finden jedoch nicht selten offscreen statt. Der eine oder andere dezente Verweis auf Genreklischees untermauert die Absicht, mit eben jenen zu brechen. Dass hier mehr männliche als weibliche Nacktheit zu sehen ist, ist nur ein Beispiel dafür.
Während viele Horrorfilme, insbesondere Slasher, in Kleinstädten angesiedelt, wird der urbane Ansatz des ‘92er Originals aufgegriffen und weiterentwickelt, indem das Phänomen der Gentrifizierung verhandelt wird. Am dominantesten jedoch ist das Thema Rassismus, das in unterschiedlichen Ausformungen als sich durch die US-Historie bis in die Gegenwart ziehender roter Faden dargestellt wird und den Candyman schließlich gar zu einer Art Black-Lives-Matter-Racheengel macht. Dass der Film diesmal auch über den Candyman hinaus auf schwarze Hauptdarsteller(innen) setzt, ist da nur folgerichtig – und dass eine der männlichen Figuren auf selbstverständliche Weise homosexuell ist und mit einem Mann zusammenlebt, ist Ausdruck einer gleichberechtigten Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Zusammengenommen ergibt all das einen sehenswerten Post-Slasher mit ausgeprägtem Bewusstsein für gesellschaftliche Missstände und politische Entwicklungen, eingebettet in einen um zahlreiche Aspekte erweiterten Mythos.
Unklar bleibt, weshalb manch grafischer Spezial- und Make-up-Effekt vor der Kamera ausgekostet wird, viele jedoch nicht. Am Rating dürfte es kaum gelegen haben. Sollte das Budget zu niedrig gewesen sein, wäre das schade. Das vor der Kamera versammelte Ensemble lässt dafür schauspielerisch nichts anbrennen, insbesondere Abdul-Mateen II überzeugt mit seinem Spagat aus gutaussehendem, durchtrainiertem jungem Mann und verunsichertem, von Selbstzweifeln geplagtem und sich zunehmend entfremdendem, auch äußerlich veränderndem Künstler. Zudem wartet die Besetzung in Vanessa Williams und Tony Todd mit einer Veteranin und einem Veteran aus der Erstverfilmung auf. Ist einem diese jedoch nicht mehr so geläufig oder hat man sie womöglich noch gar nicht gesehen, dürfte einem bei der Rekapitulation der Hintergründe in DaCostas Fortsetzung früher oder später der Faden verlorengehen.
Das furiose Finale überrascht mit mindestens einer Wendung sowie seiner Drastik, lässt sich als Cliffhanger für eine weitere Fortsetzung verwenden, beantwortet jedoch nicht unbedingt alle Fragen. Die größte, die mir blieb, ist die nach der inneren Logik der Mythos-Weiterentwicklung in Kombination mit den Wendungen gegen Ende, die ich mir noch nicht abschließend beantworten konnte. Greift da wirklich ein Puzzlestück sauber ins andere? Bis ich diesbezüglich schlauer bin, ist meine Bewertung unter Vorbehalt zu betrachten.