"Milano Kaliber 9" ist irgendwie DER idealtypische Siebziger-Italo-Krimi. Er verfügt über alle wichtigen typischen Strukturelemente, die im weiteren Verlauf der 70's zu Markenzeichen für die große Poliziesco- und Mafia-Action-Reißer-Welle wurden: es gibt ein paar wilde Schießereien und Verfolgungsjagden, exzentrische Charaktäre (Mario Adorf als super-overactender "Rocco" und der aus "Hart aber herzlich" bekannte Lionel Stander als geheimnisvoller "Amerikaner" machen ihre Sachen hier - für dieses Genre - wirklich gut!), einen eiskalten Einzelgänger-Hauptdarsteller, der zwischendurch mal weich werden darf (Gastone Moschin als Steve McQueen -Double mit Doppelkinn), eine fesche Brustmieze (B. Bouchet), Polizisten, die den Gesellschaftszustand diskutieren (der gute alte Luigi Pistilli gibt den Kommunisten - sehenswert!), eine Mafia zwischen Ehre und Verrat, coole Musik (Bacalov) und... eine Menge Style! Bei letzterem Punkt ist vor allem auf die ultrageile Black&White-Bude von Barbara Bouchet zu achten - so etwas abgefahrenes habe ich lange nicht gesehen! Ach ja, und der J&B-Whiskey darf natürlich auch nicht fehlen...
Dieser Idealtypen-Status ist allerdings meiner Ansicht nach auch eine kleine Schwäche des Films: während Fulci ("Syndikat des Grauens") oder Lenzi ("Der Berserker") auf Gewalt statt Sinn setzen und so im Gedächtnis bleiben oder am anderen Ende Damiano Damiani ("Der Tag der Eule") fast ganz ohne Gewaltdarstellungen auskommt, um den Zuschauer mit einer präzise beobachteten und arg pessimistischen Gesellschaftsanalyse zu fesseln, will sich Di Leo hier irgendwie nicht so recht entscheiden. Die Gewaltdarstellungen sind im wahrsten Sinne recht blutleer, die gesellschaftlichen Statements bleiben oberflächlich, den Einzelgänger hat etwa Henry Silva auch schon besser gegeben, es gibt keine wirklich schön-kitischigen Nacktszenen usw. usw.
So ist dieser Film zwar keinesfalls langweilig, es fehlt aber irgendwie entweder die konsequente Ernsthaftigkeit oder aber die richtigen Knalleffekte, die Di Leo dann z.B. in "Der Teufel führt Regie" nachgeholt hat.
Da "Milano Kaliber 9" aber gut inszeniert ist und wie gesagt alles aufweist, was ein Film dieses Genres braucht, ist er als Einführung und strukturelle Folie durchaus sehenswert, interessant und auch spannend.