„Milano Kaliber 9“ aus dem Jahre 1971 ist der Auftakt von Italo-Regisseur Fernando Di Leos fulminanter Mafia-Action-Trilogie. Die Geschichte um den glücklosen, bemitleidenswerten Ganoven Ugo Piazza, der, frisch aus dem Knast entlassen, unmittelbar in die Fänge seiner alten Bande gerät und dazu gezwungen ist, sich wieder mit ihr einzulassen und für „den Amerikaner“ zu arbeiten, der längst die alt eingesessenen Mafiastrukturen verdrängt hat, während über allem die Frage nach den verschwundenen 300.000 Dollar schwebt, wurde temporeich und punktgenau inszeniert: Wie auch bei Di Leos folgenden beiden Mafia-Poliziotti ist Langatmigkeit ein Fremdwort. Trotzdem besitzt die Handlung eine gewisse Komplexität, richtet dabei das Hauptaugenmerk aber stets mehr auf einen hohen Unterhaltungsfaktor denn auf Kopflastigkeit.
Mithilfe fantastischer Schauspieler wie Mario Adorf, der sich als Mafiascherge Rocco in ungeahnter, wahnsinniger, fast beängstigender Raserei ergeht oder Gastone Moschin, der den wortkargen, angefressenen Piazza mimt, aber auch mit einer ganzen Reihe weiterer herrlicher Italo-Charakterfressen sowie einem Stelldichein der sexy Barbara Bouchet, die einen erotischen Tanz aufführt, geht das Konzept voll auf. Als wertvolle Unterstützung erweist sich dabei auch die Kameraarbeit, die sowohl das Tempo, als auch skurrile Schrägheit manchen Moments visuell verstärkt. Abgerundet wird das kreative Potpourri von einem sehr hörenswerten Soundtrack, wie ihn die Italiener, so könnte man rückblickend zumindest den Eindruck gewinnen, seinerzeit aus dem Ärmel geschüttelt haben.
Der Action-Anteil ist hoch und spätestens im großen Finale wird aus allen Rohren geballert, was das Zeug hält. Trotzdem nimmt man sich auch die Zeit für leisere Zwischentöne sowie zugegebenermaßen recht plakative Systemkritik in Form von in der deutschen Kinofassung ursprünglich herausgeschnittenen Dialogen zwischen zwei Polizeioberen, die den italienischen Nord-Süd-Konflikt sowie die ungerechte Verteilung des Reichtums, Wirtschaftskriminalität und Steuerflucht thematisieren.
Die Aussage des Films lautet in etwa „traue Niemandem“, die Sicht auf die Gesellschaft, gerade auch außerhalb der Mafia, ist pessimistisch und das Ende wendungsreich, überraschend und mit einem abermals durchdrehenden Mario Adorf so gestaltet worden, dass einem glatt die Spucke wegbleibt.
Ganz großes italienisches Genrekino, in der heutigen Zeit vielleicht wertvoller denn je!