Review
von Leimbacher-Mario
Blablarian Psycho
In „Spree“ sehen wir „Stranger Things“-Darling Joe Kerry in einer wilden, hyperaktive Mischung aus „Nerve“ und „American Psycho“ dabei zu, wie er einen mickrigen Influencerkanal über sein ziemlich trauriges Leben führt - doch eine gut dokumentierte, mörderische Nacht als Hobbytaxifahrer soll endlich seine Fanbase steigern und Kurt Kunkle zu einer Berühmtheit machen...
Follower. Fans. Fame. Alles Dinge, die im Jahr 2020 scheinbar gefragter sind denn je und um nahezu jeden Preis erreicht werden wollen. Dafür werden (schon lange) im Fernsehen Känguruhoden gegessen, dafür lässt man sich im Internet von Marken kaufen und benutzen, dafür ist man nicht mehr man selbst und schafft sich falsche, übersteigerte Identitäten an, dafür ordnet man seine Lebensprioritäten vollkommen falsch und idiotisch an. Jeder will seine 5 Minuten Berühmtheit, dieses Credo wurde in den letzten Jahren ekelhaft auf die Spitze getrieben und scheint einfacher erreichbar denn je. Jeder der mindestens vor 1990 geboren ist, wird dabei aber ungläubig den Kopf schütteln und Glück, Erfolg, ein erfülltes Leben komplett anders definieren. Und vor solchen Selbstdarstellern im Netz und Fernsehen nicht nur kaum Respekt haben, sondern fast etwas Angst. Denn ich kenne genug C-Promis und YouTuber (und dabei bin ich gar nicht mal allzu tief in der Materie!), die einen wirklich eher an Patrick Bateman als an Roger Ebert erinnern. Kein Witz. Und genau mit diesem Unwohlsein, irgendwo zwischen Mitleid, Unverständnis und Abscheu, spielt „Spree“...
Joe Kerry legt sich voll rein in seine einerseits absurde, andererseits gar nicht mal allzu überhöhte Rolle, er zeigt, dass mit ihm auch außerhalb von Klischees in Zukunft zu rechnen ist, er kein einsilbiger Beau sein will. Dagegen wirkt ein David Arquette beispielsweise in einer Nebenrolle als sein Vater eher aufgesetzt und nicht glaubhaft. Von den Kills hätte ich mir viel mehr versprochen, meist geschehen diese offscreen, allgemein vom Spannungs- und Horrorfaktor hier. Doch dafür musste ich öfters Lachen und Grinsen als gedacht, sei es nur durch einen seltsamen Kommentar am Bildrand, mit denen man nahezu durchgehend bombardiert wird. Allgemein wirkt „Spree“ von seinem Billo-Techno-Score bis zum Konzept arg flach und simpel, richtig viel Neues gegen die Generation Y wird nicht an den Tisch gebracht - doch das passt dann ja wiederum gut zum Thema und seinen Zielen und der Zielgruppe. Dadurch ist „Spree“ eine gemischte Tüte, die mich lange Zeit ziemlich aufgeregt und angeödet hat, hintenraus dann aber doch noch Punkte gut machen konnte und mich sogar fast positiv stimmt. Nochmal sehen muss ich ihn allein auf Grund seiner Migräneart allerdings so schnell nicht.
Fazit: soll das sowas wie der Patrick Bateman für die Influencer- und Uber-Generation sein? Soll das absichtlich unfassbar nervig, seelenlos, wackelig und oberflächlich sein? Wahrscheinlich zweimal ja. Spielt aber keine Rolle. Denn lange Zeit ist „Spree“ ist einfach nur... bescheiden. Und das meine ich nicht im positiven Sinne. Egal wie sehr ich Joe Keery mag. Dennoch helfen er und einige tiefe, gemeine Lacher dieser zahmen Breitseite gegen jämmerliche, fehlgeleitete Internetselbstdarsteller doch über den Durchschnitt. Für manche vielleicht irgendwann sogar Kult. Für mich eher nervig und oberflächlich. Aber nicht ohne Anziehungskraft und Gesprächsthemen.