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Staffel 1

In Stockholm ist der schwedische Geheimdienst auf Hinweise über ein bevorstehendes Attentat durch radikale Islamisten gestoßen - die vagen Informationen reichen allerdings nicht für ein konkretes Szenario. Die Beamtin Fatima (Aliette Opheim), bei einer Beförderung übergangen und schon von daher wenig berufsmotiviert, kommt mehr oder weniger zufällig auf die Spur einer Terrorgruppe im syrischen Ar-Raqqa, wo sich einige in Schweden aufgewachsene und kürzlich in ihre Heimat zurückgekehrte Islamisten anschicken, in den heiligen Krieg gegen Europa zu ziehen. Mittels ihrer Kenntnisse der schwedischen Infrastruktur planen sie einen Anschlag in ihrem ehemaligen Heimatland, dessen minutiöse und ausgeklügelte Vorbereitung der Zuschauer hautnah miterlebt. Parallel dazu wird der Alltag der beiden jungen muslimischen Mädchen Sulle (Nora Rios) und Kerima (Amanda Sohrabi) in Stockholm gezeigt, die sich von der Schule her kennen und unter dem schädlichen Einfluß des Salafisten Ibbe (Lancelot Ncube) langsam in die Fänge des IS geraten. Als sich die Anschlagspläne konkretisieren, werden alle Beteiligten schicksalhaft zusammengeführt - ein hochdramatischer Wettlauf um die Zeit beginnt...

Die schwedische Produktion Kalifat weist schon in ihrem Titel auf die grundsätzliche Thematik hin: Die Anziehungskraft des Dschihad gegen den freiheitlichen Westen auf junge Europäer. Wie aber ist es möglich, daß junge Menschen, die man als "gut integriert" bezeichnen würde, alle Errungenschaften und Annehmlichkeiten unserer Gesellschaft wegwerfen und diese stattdessen mit Bomben und Attentaten zerstören wollen? Darüber gibt die erste Staffel dieser Netflix-Produktion in 8 Folgen Auskunft. Ohne Längen und in flottem Erzähltempo werden drei parallele Handlungsebenen dargestellt, jede für sich hat vorerst nichts mit den anderen zu tun und ergibt im Laufe der Serie Mosaiksteinchen um Mosaiksteinchen über die Rekrutierungsmethoden des IS und wie die Geheimdienste dagegen anzukämpfen versuchen.

Als erstes haben wir Fatima, eine bosnischstämmige Schwedin Anfang Dreißig, die ein Techtelmechtel mit einem verheirateten Kollegen vom Geheimdienst hat. Sie ist momentan ziemlich sauer, weil sie dank ihres Chefs, eines Ägypters, langweiligen Sekretärinnen-Kram machen darf statt in Richtung Terroranschläge zu ermitteln, wie sie es gerne möchte. Als sie diesen Dienstauftrag (Wirtschafts-Delikte iranischer Geschäftsleute zu recherchieren) mehr oder weniger verweigert und auf eigene Faust ermittelt, ist sie nahe vor einer Suspendierung. Der launische Charakter der Figur Fatima taugt keineswegs zur Heldin, da sie eher ambivalent agiert: Als sie zwei schwedische Helfershelfer des IS aufspürt (ein glatzköpfiges Brüderpaar, das optisch eher der Neonazi-Szene zugehörig scheint), gerät sie erstmals in selbstverschuldete Gefahr, als sie jedoch mit der türkischen Ehefrau einer der exil-schwedischen Salafisten in Ar-Raqqa in Kontakt kommt, setzt sie die verzweifelte Pervin unverständlicherweise immer weiter unter Druck, was ihre anfänglichen Sympathiewerte sich schnell verflüchtigen läßt.

Bei den aus Schweden zurückgekehrten Salafisten in Ar-Raqqa liegt der Fokus auf dem am Dschihad teilnehmenden Ehepaar Husam (Amed Bozan) und Pervin (Gizem Erdogan). Die anderen Mitglieder der Terrorgruppe sind alleinstehende Männer, die sich, wie im Kalifat üblich, irgendwelcher Frauen nach Lust und Laune bedienen, allerdings hat der Entschlossenste von ihnen ein Auge auf die (einzige) Ehefrau seines Kampfgenossen Husam geworfen, was zu mühsam unterdrückten Spannungen zwischen den Eheleuten führt und schließlich in einen Gewaltakt mit weitreichenden Folgen mündet. Während Husam ein Zauderer und Mitläufer ist, den nur gruppendynamische Prozesse zur Rückkehr nach Syrien bewegten, kristallisiert sich Pervin im Laufe der Serie als starke Persönlichkeit heraus, die alles unternimmt, um ihr 8 Monate altes Baby zu schützen. Wenn es in Kalifat überhaupt eine Heldenrolle gibt, dann ist es die mit dem Mut der Verzweiflung agierende Pervin, die mit ihren begrenzten Möglichkeiten verzeifelt zu überleben versucht.

In der dritten Handlungsebene wird der Alltag der jungen muslimischen Schülerinnen Sulle und Kerima gezeigt. Beide sind um die Fünfzehn, täglich auf Facebook aktiv, kleiden sich flippig, tragen ihr Haar offen und kennen die schwedischen Musikcharts in- und auswendig. Kerima hat keine weiteren Bezugspersonen außer einem alkoholkranken Vater, der sie aus heiterem Himmel schlägt, und ist daher für irgendwelche Trends sehr empfänglich. Sulle dagegen lebt mit ihrer jüngeren Schwester bei den Eltern, einem sehr liberalen syrischen Ehepaar, das sich in Schweden gut integriert und mit Religion überhaupt nichts am Hut hat. An der Schule geraten beide Mädchen unter den Einfluß des jungen Hilfslehrers Ibbe, der ihnen bei schwierigen Schularbeiten wie ein Tutor zur Seite steht. Dieser 25jährige Ägypter, der nach außen hin stets freundlich und smart wirkt, ist in Wirklichkeit jedoch ein führendes Mitglied der IS-Terroristen, hat in Syrien bereits zahlreiche Morde begangen und bereitet die Logistik für den bevorstehenden Anschlag vor. Nebenbei rekrutiert er junge Menschen aus Westeuropa für den Dschihad: als eine Art moderner Julius Streicher verhetzt er mittels Propaganga-Videos und falschen Versprechungen die beiden jungen - von ihrer Herkunft/Elternhaus und Persönlichkeitsstruktur so unterschiedlichen - Schülerinnen, sodaß diese sich tatsächlich zu einer (ihrem Umfeld freilich verheimlichten) Reise ins Kalifat überreden lassen. Was sie dort erwartet...?

Kalifat gehört zu jenen wenigen Serien, die man sich "am Stück" anschauen muß ("bingen"), so sehr baut sich die Spannung auf - egal ob es die logistischen Vorbereitungen der Anschläge sind, bei denen ganze Ketten angeworbener Mithelfer zusammenspielen müssen, oder die verzweifelten Hilferufe der verbotenerweise mit einem Handy telefonierenden Pervin, die die ganzen Lügen des IS am eigenen Leib in Ar-Raqqa erlebt und einfach nur zurück nach Schweden will, oder das smarte Grinsen des teuflischen Verführers Ibbe, der Halbwüchsige dazu bringt, sich Sprengstoffgürtel umzuschnallen - diese Serie, die keine Helden, kein Pathos und erst recht kein Happy-End kennt, zeigt ein beklemmend realitätsnahes Abbild des islamistischen Terrors in Westeuropa. Äußerst empfehlenswert: 9,49 Punkte.

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