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Das Ausbleiben ihrer Tochter Shannan (Sarah Wisser) zum vereinbarten Abendessen sowie ein merkwürdiger Anruf sind zunächst kein Grund zur Beunruhigung für Mari Gilbert (Amy Ryan): Die resolute Alleinerzieherin Mitte Vierzig hat gelernt, sich auch in einer von Männern dominierten Welt durchzuboxen - mit zwei Jobs gleichzeitig hält sie ihre kleine Familie, zu der weitere zwei Töchter gehören, mehr schlecht als recht über Wasser. Das Erstatten einer Vermisstenanzeige verläuft dann auch genau so, wie Mari sich das vorgestellt hatte: desinteressierte Cops, die sie erst anspornen muß, und die Erkenntnis, daß eine erst kürzlich Verschwundene für die Beamten weißgott nichts Ungewöhnliches darstellt. Allfällige Fragen zu Shannans sozialen Kontakten kann Mari, wie sie sich selbst eingestehen muß, kaum beantworten, denn ihre Älteste hat sich längst von ihr abgenabelt und führt ein eigenes Leben.
Eine erste Spur führt nach Oak Beach auf Long Island, einer hauptsächlich von betuchteren Städtern als Zweitwohnsitz genutzten Küstengegend, wo zunächst eine, und später - durch Maris forsches Hintertreiben der Untersuchungen - weitere Frauenleichen gefunden wurden. Zwar ist keine davon Shannon, doch stellt sich heraus, daß die Toten sämtlichst als Gelegenheitsprostituierte gearbeitet hatten - genauso wie die vermißte älteste Tochter, was sich anhand eindeutiger Profile auf der craigslist genannten website bestätigen läßt.
Mari tritt die Flucht nach vorn an und macht dem mittlerweile zuständigen Sonderermittler Dormer (Gabriel Byrne) mächtig Dampf: Sie stellt eigene Recherchen an, sucht selbst an den Orten, wo Shannon angeblich zuletzt gesehen wurde, spricht mit den dortigen Einwohnern und Zeugen und trommelt lautstark mit den Angehörigen der anderen Mordopfer für eine schnellere und umfassende Aufklärung der Verbrechen. Doch während die Presse mittlerweile von einem Serienmörder ausgeht, bleibt Shannon vorerst weiter unauffindbar...

Eine weitere True-crime-Doku aus dem Hause Netflix stellt diese filmische Rekonstruktion eines realen Verbrechens unter dem Namen Lost Girls dar: die auf Dokus spezialisierte Regisseurin Liz Garbus läßt in diesem Langfilm noch einmal den Fall des Long Island serial killers lebendig werden, dessen unheimliche Mordserie erst durch Mari Gilberts beherztes Eingreifen und unermüdliches Nachforschen überhaupt entdeckt wurde. Herausgekommen ist ein Sozialdrama mit einigen wenigen Thriller-Elementen, in dem Amy Ryan bravourös die Mutter Courage gibt, die ihrer Tochter und den anderen Opfern, die von der Polizei wie auch der Gesellschaft abschätzig als Schlampen (hookers) bezeichnet wurden und werden, wenigstens ein Minimum an Respekt verschaffen möchte.

Der Film zeigt die vielen Facetten von Amys Kampf um die Nachforschungen, die anfangs nur halbherzig vonstatten gehen, er zeigt andere Betroffene, wie diese mit dem Tod ihrer Schwester, Mutter, Freundin umgehen und er zeigt auch schmierige Oberschicht-Angehörige, die sich für bezahlte Liebesdienste schämen und diese abzustreiten versuchen. Er weist aber vor allem immer wieder auf die vielfältigen Mängel in der polizeilichen Ermittlungsarbeit hin und gipfelt in der Quintessenz, die da lautet: "Die Polizei hat gegenüber uns versagt. Sie hat gegenüber unseren Mädchen versagt. Sie hat versagt, als ...".
Drehbuchtechnisch wird der Hauptdarstellerin mit Richard Dormer als Sonderermittler ein starker Gegenspieler in den Weg (statt an die Seite) gestellt, was dramaturgisch für kurzfristige Belebung sorgt. Ansonsten dominieren die anklagenden Stimmen der Beteiligten, deren schmerzlichen Verlusten der Film genügend Raum gibt. Liz Garbus verzichtet auch weitgehend auf grausame Details, genau wie auf das ansonsten beliebte Täterprofil - Lost Girls wirkt wie eine Stimme der Hinterbliebenen, die wieder und wieder Gerechtigkeit fordern.

Woran es dann im Endeffekt doch hapert, ist der Umstand, daß der Serienmörder bis heute nie gefasst wurde - dementsprechend unbefriedigend verläuft auch das detektivische Miteinbeziehen der Zuschauer, die am Ende trotz zwischenzeitlich gestreuter Verdachtsmomente genau wie Mari mit leeren Händen dastehen. 2 Jahre nach der Vermisstenanzeige im Jahre 2010 wird dann Shannans Leiche tatsächlich gefunden - doch der Mörder bleibt unentdeckt.
Was im Film nicht mehr thematisiert wird, ist der Umstand, daß sich 2015 noch einmal das FBI - übrigens erfolglos - des Long Island serial killers annahm, nachdem feststand, daß der örtliche Polizeichef jahrelang die eigenen Ermittlungen sabotiert hatte, aber selbst wenn irgendwann einmal der Fall geklärt werden sollte, wird es die echte Mari Gilbert nicht mehr erleben, denn sie wurde zwischenzeitlich von ihrer jüngsten Tochter Sarra im Wahn tödlich verletzt.

So bleibt Lost Girls ein typischer Cold Case, dessen deprimierender Handlung schlichtweg das Happy-End fehlt und das sich vorrangig durch die überzeugende Performance von Amy Ryan in einer starken Frauenrolle auszeichnet. 5,51 Punkte.

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