Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Im Grenzgebiet zwischen Mexiko und den USA verschwanden seit 2006 mehr als 60000 Menschen. Tendenz steigend, denn die Machtlosigkeit, nunmehr Resignation der Staatsgewalt führt zu der Spirale, dass marodierende Gangs noch skrupelloser vorgehen dürften. Beruhend auf diesem gesellschaftlichen Missstand fußt das Regiedebüt der Co-Autorin Fernanda Valadez.
Für einen lukrativen Job wollten Jesús und sein Kumpel mit dem Bus von Zentral-Mexiko nach Arizona reisen. Nach zwei Monaten ohne jeglichen Kontakt und einigen Behördengängen wird die Leiche des Kumpels identifiziert, von Jesús jedoch nur die Reisetasche gefunden. Seine Mutter Magdalena begibt sich auf eigene Faust ins Grenzgebiet, um Gewissheit über den Verbleib ihres Sohnes zu erlangen…
Der vom deutschen Verleih gewählte Titel und das Cover mit einem Teufel im Rückspiegel führen komplett in die Irre, - man hat es nicht etwa mit einem übersinnlich angehauchten Thriller zu tun, sondern mit einem Drama, welches von Anfang an eine betont ruhige Kugel schiebt.
Zwar sind die Umstände in der Grenzregion mit Leichensammelstellen und teilnahmslos wirkenden Bürokraten geradezu schockierend, doch gleichermaßen kann die Distanz zu den wesentlichen Figuren, allen voran Magdalena, zu keiner Zeit überbrückt werden. Obgleich oft ihre Sichtweise, auch im Visuellen eingenommen wird und das Publikum nie mehr weiß als sie selbst, wird selten so etwas wie Dringlichkeit transportiert. Das mag auch der Tatsache geschuldet sein, dass zwischenzeitlich der Weg eines ausgewiesenen mexikanischen Arbeiters eingenommen wird, der allenfalls am Rande etwas mit der eigentlichen Suche zu tun hat.
Zudem wirken einige Begebenheiten arg konstruiert, denn für Magdalena geht es vergleichsweise reibungslos von Hinweis zu Hinweis, selbst in der hintersten Pampa. Zwar kaschieren die finalen Minuten mit einer Wendung noch ein wenig, doch auch hier wird das Maß an Unwahrscheinlichkeit deutlich überschritten, obgleich eine bestimmte Erkenntnis abermals einen Schock versetzen dürfte.
Den Mangel an Spannung kann indes das exzellente Handwerk ein wenig kaschieren. Einige auffallend lange Takes werden von einer überaus versierten Kamera bebildert, welche zudem ein paar interessante Perspektiven der weitgehend schroffen Landschaften parat hält. Der Score wird angenehm zurückhaltend eingesetzt und auch darstellerisch ist wenig anzukreiden.
Die allgegenwärtige Tristesse und die Rahmenbedingungen der Geschichte verfehlen zwar ihre Wirkung nicht, doch die eigentliche Suche nach Gewissheit gerät beileibe nicht so mitreißend, wie sie auf dem Papier klingt.
Knapp
6 von 10