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SeelSorge


Demenz. Eine fiese Krankheit, vor der keiner von uns gefeit ist, vom Kettenraucher bis zum Hochleistungssportler, und zu der jeder von uns gerne mal sagt, dass er das als allerletztes haben will, seinem ärgsten Feind nicht gönnt und viel schlimmer findet als nahezu jede körperliche, physische Krankheit. Doch richtig nachvollziehen können das nur die Wenigsten, greifbar machen kann das nahezu kaum eine Aufbereitung. „The Father“ als absolutes Kinohighlight 2021 (und eine der besten Theaterverfilmungen ever!) dagegen macht das Leiden, die Schmerzen, den Verfall und die Verwirrung Betroffener mit maximalem, changierendem und letztendlich doch permanentem Gedächtnisverlust und Delirium sowohl emitional wie bildlich und fast sogar körperlich spürbar. Anhand eines nun wirklich sehr alten Anthony Hopkins in Topform, der in einer großzügigen Wohnung Besuch von seiner Tochter bekommt, doch schon bald nicht mehr genau weiß, was wahr ist und was war, wer wer ist und wohin die Reise mit düsteren Aussichten und ohne Wiederkehr geht...

Viele Leute regen sich auf, dass Hopkins nicht nur der Academy bei den Oscars dieses Jahr einen Strich durch (die ohnehin schon miserable Ausgabe und) Rechnung gemacht hat, sondern er dem guten Chadwick Boseman seinen ebenfalls verdienten Oscar knapp vor der Nase weggeschnappt hätte. Aber ich weiß nicht wieviele dieser Angepissten davon „The Father“ schon/überhaupt gesehen haben - danach müssten wohl selbst die enttäuschtesten Fans des „Black Panther“ einsehen, dass der gute Sir Anthony einfach noch ein Stück besser war, in diesem Drama die vielleicht beste Performance einer ohnehin schon erlesenen Karriere abliefern konnte (suck it, Dr. Lecter!). Eine Jahrhundertleistung! Unendlich sehenswert. Jeden Eintritt wert. Ein Film, perfekt auf ihn zugeschnitten. Das Thema Demenz und geistigen Zerfall habe ich noch nie dermaßen umgesetzt gesehen und gespürt, der klassische Score fügt sich perfekt ein, die Laufzeit ist erstaunlich konsequent und knapp, oft genug gibt es noch ein Lachen im eigentlich tieftraurigen Zustand. Wie hier Zeitebenen und Figuren, Gesichter und Gefühle, Leben und Vergehen, Wut und Verzweiflung verschwimmen - das ist schlicht atemberaubend. Das tut weh. Kein Film, den man gerne öfters sehen will. Aber ein Film, den man einmal sehen muss. Da führt kaum etwas dran vorbei. 

Fazit: Schauspiel auf Luxusniveu, ein zutiefst emotionales Thema, eine verzwickte Krankheit, eine frische Herangehensweise und keine Minute zu lang - „The Father“ ist vielleicht (mit Hanekes „Liebe“) der beste Film, der je über Demenz gedreht wurde. Hopkins ist noch immer einer der besten seines Fachs. Herausragend. Ohne Makel. Da soll nochmal einer sagen, Verfilmungen eines Bühnenstücks wären trocken. 

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