Zweifelsohne ist Demenz jene fiese Krankheit, die das Wesen eines Menschen nach und nach zerbröckeln lässt. Der einst wache Verstand kann der eigenen Wahrnehmung nicht mehr trauen, Angehörige verstehen die Betroffenen immer weniger, bis sie irgendwann gar nicht mehr erreichbar sind. Auf der Basis aus Sicht eines Demenzkranken schildert Regisseur Florian Zeller, basierend auf seinem Theaterstück, wie sich die Welt zusehends einer fortschreitenden Desorientierung unterordnet.
London: Anthony (Anthony Hopkins), ein ehemaliger Ingenieur, hadert mit dem Älterwerden und hat bereits die dritte Pflegekraft in die Flucht geschlagen, - sehr zum Leidwesen seiner Tochter Anne (Olivia Colman), die eigentlich ein neues Leben in Paris beginnen wollte. Als sich mit Laura (Imogen Poots) eine weitere Pflegerin vorstellt, vermengen sich bei Anthony Bilder der Vergangenheit mit der Realität…
Es hat schon etwas von einem Thriller, wenn plötzlich fremde Gesichter in den eigenen vier Wänden erscheinen, die zunächst rein gar nicht zuzuordnen sind. Home Invasion im weitesten Sinne, zumal Bilder von den Wänden verschwinden, die Armbanduhr ständig verlegt scheint und schlimmer noch: Das Erscheinungsbild der Tochter wechselt radikal. Anthony vermutet früh, dass hier irgendetwas nicht stimmt und noch ahnt er nicht, wie sehr er Recht behalten soll.
Denn nur selten verlässt die Erzählung die Sicht der Hauptfigur, um die Situation der wenigen Angehörigen zu veranschaulichen und auch die vier Wände werden auf den ersten Blick zu keiner Zeit verlassen. Hier empfiehlt es sich, auf Details wie Anordnungen von Bildern zu achten, denn tatsächlich sehen die Räumlichkeiten auf den ersten Blick stets gleich aus.
Räumliche und zeitliche Wechselspiele stehen fortan im Fokus, ein zeitlicher Rahmen lässt sich anfangs nur schwer festlegen, wenn eben noch Frühstücken angesagt war und im nächsten Moment eine alternative Tochter mit dem Hühnchen fürs Abendessen hereinschneit.
Das kammerspielartige Unterfangen wird schauspielerisch erstklassig umgesetzt, denn ohne Hopkins wäre der Streifen laut Zeller nicht realisiert worden. Erneut mit einem Oscar bedacht, reichen diverse Blicke ins Leere zuweilen aus, um einen Gemütszustand zu verdeutlichen und manchmal hat man den Eindruck, der 1937 geborene Waliser spiele lediglich Vorgänge seines Alltags, während Partnerin Colman annähernd ebenbürtig aufspielt und die Hilflosigkeit der Tochter haargenau auf den Punkt bringt.
Mit minimalistischen Mitteln gelingt Zeller ein gelungener Einblick in die Welt eines Demenzkranken, obgleich sich diese oft weitaus facettenreicher darstellt als hier geschildert.
Der Strudel aus verzerrten Wahrnehmungen, Desorientierung und zunehmender Verunsicherung und Hilflosigkeit bildet folgerichtig keine leichte Kost, ist aber in entsprechender Gemütslage definitiv eine Sichtung wert.
7,5 von 10