„Haunted House“-Filme haben einen speziellen Platz in meinem Herzen, sei es bei Film oder Buch, doch das hat zur Folge, dass man irgendwann von nichts mehr wirklich überrascht werden kann, weil man alle Winkelzüge und Zutaten des Genres schon gesehen hat.
Insofern ist „The Night House“ aka „The House at Night“, ein in den Kinos kaum wahrgenommener Film, wirklich eine positive Überraschung, denn was erwartet man schon groß, wenn der Plot sich so liest: Nach dem Suizid ihres Mannes stellt eine Frau fest, dass es in ihrem Haus am See offenbar umgeht!
Prinzipiell ausgelutscht, würde ich sagen, aber das Skript von Ben Collins und Luke Piotrowski weiß genau, was der Film benötigt, um sich von anderen Werken abzuheben: ein funktionierendes Mysterium!
Und so liefern sie: Theorien über das „Afterlife“, weil die Protagonistin schon kurz klinisch tot war, ein Rätsel um den Ehemann, Geistererscheinungen, okkulte Studien, schließlich reverse Baupläne und ein spiegelbildliches Haus, was den Film zeitweise in den Bereich von Parallelwelten rückt. Dazu mysteriöse Fotos von Frauen, die Rebecca Halls „Beth“ erstaunlich ähnlich sehen, so ähnlich, dass sie denkt, sie könnte es tatsächlich sein. So bekommt der Film einen Hauch der Fremdartigkeit ab, den ein Film wie "Coherence" umwaberte, der seine Prämisse allerdings durch den Film hindurch entwickelte, während man hier dazu angehalten wird, zu spekulieren, in welche surreale Ecke das Geschehen nun wieder abdriftet.
Immer wieder unterbrechen Träume und Visionen den ruhigen, aber nie langweiligen Fluss der Handlung und selbst eine grauenhafte Entdeckung über ihre Ehe ist da noch nicht das Ende der Fahnenstange, denn das Skript zieht immer noch weitere bunte Tücher aus dem Zylinder.
Der Film spielt hauptsächlich in dem isolierten Seehaus, dem angrenzenden Wald und auf dem wabernden Gewässer, wenn nicht kurz irgendwo was recherchiert werden muss und geben der Geschichte ein Gefühl der Zentrierung. Für den Zuschauer ist dieses Jonglieren mit vielen Bällen attraktiv, denn wann immer man sich als Zuschauer für eine Theorie entscheidet, wird sie kurz darauf ergänzt oder verkehrt oder über den Haufen geworfen, sorgt aber permanent für reizvolle Gedankenspiele, was vorgeht und vor allem was vorging.
Die Vielschichtigkeit ist groß genug, dass man sich wundert, dass das ein Originalskript war und nicht eine Romanadaption und Rebecca Hall trägt den Film mit einer trauernden Widerborstigkeit, die dringend nötig ist, damit aus dem Mystery-Thriller nicht am Ende noch ein Rührstück wird.
Tatsächlich ist das latent antiklimatische Finale der Schwachpunkt des Films, dient aber dazu, alle Erzählfäden zusammen zu führen und zu verbinden – ein Ende mal ohne visuellen Bombast, aber dafür mit soviel geerdetem übernatürlichen Kontext, wie ihn nur Robert Zemeckis‘ „What Lies Beneath“ hinbekam.
Das ergibt ein gut abgerundetes Werk, spannend, düster und voller Abwechslung – sollte wiederentdeckt werden. (8/10)