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In den 60er Jahren hatte ein deutscher Regisseur kaum eine Wahl, was den Stil seines Filmes anging. Entweder er machte einen Film mit komödiantischem Einschlag (immer hart an der Grenze zur Klamotte oder modern „Trash“) –dazu gehörten auch Edgar Wallace und Karl May Filme, die nie ohne den witzigen Sidekick auskamen – er drehte also Filme, die ausschließlich der Unterhaltung dienten. Oder er entschied sich für ein ernstes Thema, daß dann aber auch mit professoralem Anspruch umgesetzt werden mußte, um wenigstens im Feuilleton Anerkennung zu finden - wenn den Film schon keiner ansah.

Will Tremper entschied sich für einen anderen Weg und das bemerkenswerte ist, daß ihn heute dennoch keiner mehr kennt. Dabei erregte „Playgirl“ im Vor-1968-Deutschland erhebliches Aufsehen und wenn man sich den Film so ansieht, bekommt man den Eindruck, daß das Thema heute – inhaltlich zeitgemäß angepaßt – mindestens ebenso provokant wäre.

Doch nochmal zum Anfang – wodurch erfährt man in der Literatur am meisten über eine Epoche wie z.B. die 60er Jahre ? – Durch einen anspruchsvollen Roman ? – Sicherlich nicht. Eher durch Leserbriefe in der „Bravo“ - nicht überraschend sind Fernsehsendungen so erfolgreich, in denen die Vergangenheit an Hand von Autos, Klamotten, Hits und Prominenten wieder erfahrbar gemacht werden – die politischen Ereignisse spielen für das entsprechende „Feeling“ nur eine untergeordnete Rolle. Aber die Authentizität von „Playgirl“ können sie nicht erreichen, denn Tremper läßt seine Schauspieler so sprechen, wie das „normale“ Volk eben so spricht, der Film ist auf eine erfrischende Weise geradezu vulgär. Dabei spielt er unter den sogenannten Schönen und Reichen und denen die dazu gehören wollen.

Alexandra Borowski (Eva Renzi) kommt das erste Mal nach Berlin. Sie ist schon länger ein erfolgreiches Fotomodell und hat überall Kontakte. In Berlin will sie den reichen Baulöwen Joachim Steigewald (Paul Hubschmied) wieder treffen, mit dem sie schon mal eine Affäre hatte. Doch der läßt sie von Siegbert Lahner (Harald Leibniz) mit der Behauptung abfangen, Steigewald wäre auf Dienstreise. Stattdessen kümmert sich Lahner persönlich um sie und verliebt sich natürlich prompt....

Die Story als solche spielt kaum eine Rolle, sie wird linear erzählt ohne irgendwelche Überraschungen oder Nebenhandlungen – es geht vor allem um den nahezu dokumentarischen Charakter. Dabei wirken sämtliche Darsteller völlig real, besonders Eva Renzi ist nicht nur sehr hübsch, so daß man ihr den Beruf als Model völlig abnimmt, sondern in ihrer Art auch wirklich so reizend, daß man die Reaktion der Männer auf sie nachempfinden kann.Auch Harald Leibniz wirkt als Möchtegern-Lebemann mit Jaguar, der zwar eine hübsche Verlobte hat, aber dennoch stark mit Alexandra flirtet und trotzdem nebenbei noch cool mit der Sekretärin schläft, gleichzeitig überzeugend und bieder. Das hat nichts von den Klischees, die gerne mit solchen Rollen verbunden werden und die angeblich betont satirisch angelegt sind. Dabei könnte man das Geschehen aus heutiger Sicht schnell mit einer Art Satire verwechseln, aber Will Tremper meint es ernst und man spürt jede Sekunde ,daß es damals auch so war.

Wenn Siegbert Worte sagt wie „ ich mag keine Neger, denn sie nehmen uns die Frauen weg“, dann wird er zwar von Alexandra getadelt, aber danach geht’s auch wieder zur Tagesordnung über. Es war noch vor 1968, die Rockmusik oder eine neue Denkweise hatte noch keineswegs Einzug gehalten in das allgemeine Bewußtsein, auch nicht der sogenannten „nachtaktiven Menschen“. Siegbert führt Alexandra stolz in eine Jazz-Bar, in der Paul Kuhn mit Zigarette ein letztes Lied am Klavier gibt. Das ist für ihn der ultimative Ausdruck der Coolness. Alexandra ist zwar schon ein „neuer“ 60er Jahre Frauentyp, der sich eben wie ein „Playgirl“ geriert, also mit verschiedenen Männern sofort anbandelt und ins Bett steigt, aber das entspringt eher einer Unsicherheit und Suche nach Liebe und die Männer dürfen sie regelmäßig allen Ernstes als „verrückt“ bezeichnen.

Das Ganze hat mit Feminismus nichts zu tun, im Gegenteil die Frauen bändeln immer mit den Männern an, in dem sie Ihnen Honig um den Bart schmieren („endlich mal ein großer Mann“). Dazu verhalten sie sich ständig so, als wären sie ein bißchen doof . Bei den jungen nach 1940 geborenen Menschen im Film scheint es keinerlei Geschichtsbewußtsein zu geben. Immer wieder läßt Tremper eine junge Frau fragen, was denn damals „ mit dem Hitler oder so...“ gewesen sei. Die Provokation für die damalige Zeit lag trotz dieser Verhaltensmuster einfach darin, daß eine junge Frau sich herausnahm, mit den Männern zu „spielen“ , was gleichzeitig aber ihrem Ansehen sehr schadet.

Ein abwechslungsreicher, unterhaltender, äußerst authentischer Film, der die Deutschen Mitte der 60er Jahre zeigt wie sie sind ohne Schönfärberei und Idealismus, aber auch ohne Kritik daran oder irgendeinen intellektuellen Überbau. Dabei hat der Film den Charakter eines banalen Unterhaltungsfilm gemischt mit einem Dokumentarfilm. Sehr ehrlicher und ansehenswerter Film mit einer wirklich anziehenden Hauptdarstellerin, der in lockerer Weise den Finger in die Wunde legt, die auch heute noch da ist (9/10)

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