Review
von Leimbacher-Mario
Sägegähne
Im Grunde ein Altherren-Rambo - das dachte ich mir öfters bei „Erde und Blut“, einem straighten Crimethriller von unseren französischen Nachbarn. Exklusiv auf Netflix. Und da mir von denen genau dort vor ein paar Wochen „The Decline“ recht gut gemundet hatte, gab ich diesem erstaunlich linearen Sägewerk-Actioner eine Chance. Erst recht, da er schon nach mal gerade 80 Minuten durch das Ziel läuft. Hat sich die Investition gelohnt? Oder kann man sich den schenken? Auch wenn meine Wertung eher zu Letzterem tendiert, sehe ich ihn als harten, unbarmherzigen und simplen Timewaster aber gar nicht soo negativ, wie man vielleicht annehmen könnte. Im Kern ist da vielleicht sogar ein starkes Duell drin, die Westen-Vibes sind cool. Doch es gibt hier halt von allem einfach viel zu wenig, meiner Meinung nach...
Wir folgen einem sterbenskranken Mann, der sein Sägewerk im französischen Waldhinterland verkaufen will. Doch genau jetzt haben ein paar Kriminelle von seinem jungen Mitarbeiter einen Wagen voll mit heißer Ware und Drogen dort parken lassen - was natürlich nur zu einem tödlichen Konflikt und sich stapelnden Leichen zwischen den gefällten Bäumen führen kann... „Erde & Blut“ punktet mit einer klaren Bildsprache (grau in grau), harten Kills (von weggepumpten Schädeldecken bis zu abgesägten Armen ist viel Gekröse dabei), einer intensiven Atmosphäre und soliden Darstellern, die Fans des französischen Kinos definitiv auch etwas sagen. Klingt gar nicht nach einer 4(,5)/10? Ist es aber im Endeffekt leider doch. Denn irgendwie reichen mir dieses Grundgerüst einer Geschichte und diese Skelette von Charakterzeichnungen nicht, um hier mitzufiebern, mitzugehen oder das final abzusegnen. Alles wirkt nur angeschnitten, angeschossen, angepaust, nie voll durchgezogen oder zu Ende gedacht, ausgemalt und nahe gebracht. Fast als ob etliche Minuten fehlen. Manchen mag dieser minimalistische Anstrich und eigentlich durchgehende Showdown reichen - mir war das aber eine ganze Spur zu wenig, zu fad, zu geschludert. Hinzu gesellen sich ein unnötig aufbrausender, sich oft in den Vordergrund stellender Score und etliche fragwürdige bis schlicht dumme Momente, Entscheidungen, Wendungen der grimmig dreinschauenden Figuren. Die packenden, knochentrockenen Ansätze und typische Frenchie-DNA sind da. Doch das können die Franzosen deutlich besser!
Fazit: leider nur die Skizze, die Hülle, die Zusammenfassung eines sehr spannenden French-Neo-Western-Thrillers. Äste, Bäume, Kopfschüsse, Kreissägen und Grautöne. Zu knackig, blass und oberflächlich, vor allem im Bereich der Figuren. Dennoch: wenn man Zeit geraderaus vertreiben will, in dem Moment keinen Anspruch sucht, ein einigermaßen brauchbares Double Feature mit dem klar besseren „Bis zum Untergang“ - die Franzosen wissen grundsätzlich wie man harte Gangsterkrimis aufzieht und runterbricht. Hier sind jedoch nur Spuren (oder ein Hauch der Essenz) davon zu erahnen.