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Ein Sägewerk am Waldrand ist der ganze berufliche Lebensinhalt, der Saïd (Sami Bouajila) geblieben ist, seitdem seine Frau tragisch ums Leben kam. Ansonsten ist da nur noch die junge taubstumme Tochter Sarah (Sofia Lesaffre), die ihre künstlerische Ader viel lieber in der Großstadt verwirklichen will, doch dies kostet viel Geld und die Geschäfte gehen derzeit schlecht. So schlecht, daß Saïd, der bei einer Computer-Tomographie gerade von einer ernsten Krebserkrankung erfahren hat, das Sägewerk nun doch aufgeben und verkaufen will, wogegen er sich früher immer gewehrt hatte. Ein Mitkonkurrent ist zur Übernahme bereit und akzeptiert auch Saïds Bedingung, daß all seine Arbeiter, unter denen sich auch ex-Knackis befinden, übernommen werden.
So glaubt der ernste und sehr sozial eingestellte Saïd alles geregelt zu haben, doch dann kommt doch alles anders: zeitgleich wird eine Polizeistation von einem vierköpfigen Kommando überfallen, das es auf mehrere Kilo konfisziertes Kokain abgesehen hat. Zwar werden zwei der Räuber erschossen, doch die anderen beiden sind mit der heißen Ware, die sie im Auftrag des Drogenhändlers Adama (Eriq Ebouaney) wiederbeschaffen sollten, untergetaucht - sie wollen den Stoff allerdings keineswegs abliefern, sondern selbst verkaufen. Einer der beiden hat einen Bruder, der im Sägewerk arbeitet und sogleich genötigt wird, das Kokain für einige Zeit dort zu verstecken. Der umsichtige Saïd riecht zwar sofort den Braten, doch da ist es schon zu spät: Adama ist mit seiner schwerbewaffneten Truppe bereits am Weg zum Holzwerk...

Der französische Thriller la terre et le sang beginnt und endet mit Szenen im Regen, und alles dazwischen ist in grau-braunen Tönen gehalten, womit Regisseur Julien Leclercq schon einmal für eine grundsätzlich pessimistische Stimmung sorgt - schließlich geht es hier um ernste Themen, und keiner der Darsteller lacht auch nur ein einziges Mal. Stattdessen steuert der Film nach einer etwas ausführlicheren Vorstellung des Protagonisten Saïd recht schnörkellos auf den ungleichen Kampf zu, in dem der Noch-Holzunternehmer fast auf sich allein gestellt ist.

Sami Bouajila bietet eine ebenso glanzlose wie überzeugende Vorstellung, weiß statt mit vielen Worten durch sein sehr bestimmtes Handeln schnell die Sympathien (sofern hier welche vergeben werden können) auf seine Seite zu ziehen und sorgt sich statt um seiner selbst nur um das Wohl seiner Tochter, die er mit dem unglücklichen Rauschgiftkurier in die Wälder schickt, um der Gangster vor dem Sägewerk allein Herr zu werden.
Doch auch die Gegenseite ist nicht dumm, und obwohl Drogenboss Adama, ein ebenso umsichtiger wie vorsichtiger Dealer, schon bald Verluste in seiner Truppe hinnehmen muß, verliert er nie seinen kühlen Kopf. Ob dies ausreicht gegen den beherzten Saïd, der neben einer einfachen Flinte nur seine (natürlich hervorragende) Ortskenntnis in die Waagschale werfen kann?

Erde und Blut (so der diesmal direkt übersetzte deutsche Titel) überzeugt vor allem durch einige Actionszenen in und um das Sägewerk (wobei neben diversen Schießereien auch mal eine Hand abgesägt wird), verzichtet weitgehend auf Dialoge und lebt von der David-gegen-Goliath-Situation. Etwas zu kurz kommt die taubstumme Tochter, die sich nur in einigen wenigen Szenen mit Gebärdensprache verständlich machen kann - ihr Handicap wäre drehbuchtechnisch durchaus vielseitig zu verwenden gewesen, doch dies unterbleibt völlig: sie rennt meist nur davon. Sämtliche anderen Darsteller spielen nur Nebenrollen ohne weitere Charakterisierung, was jedoch nicht weiter auffällt, wenn man der Fokussierung auf Saïd folgt, der sich trickreich mit Holzlore, Bandsäge und altem Traktor zur Wehr setzt.

So bleibt diese französische Netflix-Produktion trotz der nicht sonderlich ausgefeilten Thematik ein dennoch durchweg sehenswert inszenierter Thriller um gesellschaftliche Verlierer, der mit knapp 80 Minuten Laufzeit zwar erstaunlich kurz ausfällt, dafür aber keine Längen aufweist und seine triste Grundstimmung konsequent bis zum Ende durchzieht. 6 Punkte.

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