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Irgendwo in Chicago: Die Mittzwanzigerin Katie (Camila Mendes) jobbt in einem Restaurant, als sich dort abends ein Raubüberfall ereignet - zum Glück greift ihr Freund Adam (Jessie T. Usher), der sie gerade abholen will, mutig ein und kann den Angreifer überwältigen. Doch dies ändert nichts an der prekären Lage des Paars, denn Katie, die ihre Arbeitsstelle wechseln mußte, betreut Monate später als Pflegerin einen alleinstehenden älteren Mann in dessen splendider Villa, während der dunkelhäutige Adam immer noch keinen Job hat, nachdem er aus finanziellen Gründen sein Studium aufgegeben hatte. Die gewissenhafte Katie immerhin macht ihren Job so gut, daß der große Stücke auf sie haltende Leonard (Elliott Gould) bald auch Adam als neuen Gärtner einstellt. Kurze Zeit später jedoch verstirbt der offenbar wohlhabende Senior, der keinerlei Angehörige mehr zu haben scheint, ganz unvermittelt und das junge Paar steht erneut ohne Job da. Zusätzlich ermittelt Detective Chesler (Sasha Alexander) zum Tode von Leonard und stellt unangenehme Fragen. Da tritt plötzlich eine Anwältin auf den Plan und legt ein Testament des Verstorbenen vor, von dessen Existenz niemand gewußt hat: Katie ist als Alleinerbin des gesamten Anwesens bestimmt...

Der TV-erfahrene Regisseur Michael Scott legt die Story seines Films wie in einem Fernsehkrimi an: Eher glatte, nicht besonders auffällige, aber auch nicht unsympathische Figuren bewegen sich rund um das Sujet einer unerwarteten Erbschaft, von der bis zum Schluß nicht sicher ist, ob sie nicht auf kriminellen Machenschaften beruht. Das geht eine zeitlang gut, was neben einem flotten Erzähltempo vor allem Hauptdarstellerin Camila Mendes zu verdanken ist, die als rechtschaffene junge Dame mit Prinzipien dargestellt wird: dabei muß die hübsche Dunkelhaarige sich das eine oder andere Mal dem Lockruf des Geldes widersetzen, das ein solcher Nachlass neben Mißgunst, Neid und falschen Verdächtigungen zwangsläufig mit sich bringt. Freund Adam dagegen (dessen Filmcharakter ebenfalls zurückhaltend, warmherzig und erfreulicherweise ohne jede Rapper-Attitüden angelegt ist) verhält sich eher ambivalent, als er die schlagartige Verbesserung speziell seiner Lebensumstände in greifbarer Nähe sieht. Bis dahin kann man der Geschichte einigermaßen folgen, und dem geneigten Zuschauer stellt sich auch öfters die Frage, wie man sich in solch einer Situation wohl selbst verhalten würde. Gut getroffen auch die Figur der äußerst dezent agierenden Ermittlerin Detective Chesler, die sich fast nur in Anspielungen ergeht.

Dann jedoch obsiegen langsam die Logiklöcher, derer es doch einige gibt: zu den auffälligsten zählen z.B. der Umstand, daß die Leiche des Seniors Katies Zeugenaussage entsprechend wunschgemäß verbrannt wurde, womit die Todesursache nicht mehr ermittelt werden kann - völlig abwegig, da die Ermittlungen noch laufen. Auch daß der korpulente Chef einer Pflegerinnen-Agentur der aufopfernden Katie gegenüber feindselig eingestellt ist und nachts in die Villa einbricht, entbehrt jeder Logik (und wird auch nie erklärt) - und schließlich das Verhalten der beiden Hauptdarsteller selbst, die teilweise extrem blauäugig vorgehen und die geringsten Sicherheitsmaßnahmen außer Acht lassen: Nachdem der Notarzt den Tod des Seniors festgestellt hat, suchen beide (in guter Absicht) nach alten Briefen etc., um eventuell doch vorhandene Angehörige benachrichtigen zu können - dabei stoßen sie auf verstecktes Bargeld, das vor allem Adam fasziniert, der noch einmal wiederkommt, um es genau zu zählen. Ihre Fingerabdrücke oder der Umstand, daß dieses Herumwühlen bei einem (noch) ungeklärten Todesfall deutlich zu ihren Ungunsten ausgelegt werden kann, haben sie bzw. das Drehbuch völlig vergessen. Auch der Fund einer Leiche im Gartenhaus scheint die beiden nicht im Mindesten zu beunruhigen, und als ein schmieriger Makler Katie bedroht, ruft diese weder die Polizei noch besorgen sich die beiden eine Waffe oder nehmen sich selbst endlich einmal aus der Schußlinie (durch vorübergehenden Umzug in ein Hotel o.ä.). So bleibt das Geschehen stets am selben Ort (der Villa) und schon bald ist absehbar, worauf die Geschichte hinausläuft - und genauso geschieht es dann, wobei der künstlich dramatisierte Showdown keinerlei Überraschung bietet und die allerletzte Filmszene dann auch noch mit einem äußerst kitschigen (Happy?)-End aufwartet.

Fazit: Nach durchschnittlichem Beginn verflacht Dangerous Lies zusehends, vor allem im Schlußdrittel fehlen kreative Ideen, doch immerhin weiß die Netflix-Produktion über weite Strecken leidlich zu unterhalten. 4,8 Punkte.

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