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James Rhodes ist ein Idealist, wie sich das kleine Fritzchen einen Idealisten so vorstellt: Lange Haare, wüst aussehender Bart, coole Sonnenbrille, lässige Kleidung, und für eine NGO in den abgefucktesten Gegenden der Welt unterwegs, immer bereit, im Auftrag der Menschenrechte seine Haut zu Markte zu tragen. Eben war er noch in Somalia, wo er Scheiße gebaut hat, jetzt muss er in Tijuana, Mexiko, eine Betriebsratswahl in der Niederlassung einer amerikanischen Firma überwachen. Ein Drecksjob, weil völlig klar ist was passieren wird: Die Arbeiter wollen die Gewerkschaft, die Firmenleitung nicht, und die Polizei lässt sich dafür bezahlen, Provokateure bereitzustellen und die Proteste anschließend mit Gewalt niederzuknüppeln Und weil es keine Beweise gibt sind Rhodes die Hände gebunden, und er muss hilflos zuschauen, wie die Arbeiter vor den Augen gedungener Killer ihren Wunsch nach einer Gewerkschaft begraben müssen. Entweder den Wunsch, oder sie selber …
Aber da sind ja auch noch diese 27 Campesinos, die man tot in einem Tunnel gefunden hat, offensichtlich vergiftet. Männer, Frauen, kleine Kinder, zwischen 3 Monaten und 67 Jahren alt. Tot in einem zusammengestürzten Tunnel. Auf diesen Fall stürzt sich Rhodes, um seine Wut und seine Verzweiflung abzubauen, und tritt damit sehr vielen Leuten böse auf die Füße. Dem mexikanischen Ermittler, der Yankees nicht wirklich ausstehen kann (wer kann das schon in Tijuana?). Dessen Vorgesetzten, der seine Hände offensichtlich in einer Menge schmutziger Geschäfte hat. Einem amerikanischen Cop, der offensichtlich auch nicht so ganz sauber ist. Einer Abgesandten aus dem amerikanischen Handelsministerium, die in ihrer Naivität denkt, dass alle Menschen glücklich sind, wenn Amerikaner sich irgendwo einmischen. Und natürlich dem örtlichen Drogenboss, dem der Tunnel gehört, und der es gar nicht mag, wenn er von Gringos im Fernsehen als „Krebsgeschwür“ bezeichnet wird.

James Rhodes ist ein Idealist wie er im Buche steht. Er zieht durch Tijuana, und versucht Gutes zu tun. Der Unterschied zu der Tussi aus dem Handelsministerium allerdings ist, dass er weiß, dass er nicht willkommen ist. Dass er einer Menge Gewalt begegnen wird auf seiner Mission. Und dass er Verbündete unter den Mexikanern hat. Aber eigentlich ist es vor allem diese Gewalt, die ihn auf Schritt und Tritt begleitet. Männer, die von einer Bank aufstehen nachdem er vorbeigelaufen ist. Augen die ihn verfolgen. Schwarze Vans die langsam, sehr langsam, vorbeifahren. Und neben dieser Gewalt findet das ganz normale Alltagsleben in der Grenzstadt Tijuana statt: Wenn eine Gruppe maskierter Schläger Rhodes und seine Freunde quer durch die Straßen verfolgen und dann schwer zusammenschlagen, dann schauen eine Menge Leute zu, aber keiner ist so dumm sich da einzumischen. Es ist dieser Gegensatz aus den ruhigen und abgeklärten, eigentlich eher resignierten Menschen, die ihrem Alltag nachgehen und versuchen zu überleben, sowie der permanent lauernden Explosion, der I WITNESS sehr spannend macht. Es ist klar, dass es zu einem Blutbad kommen wird, aber wann und wo, das wissen weder Rhodes noch der Zuschauer. Dadurch entsteht eine permanente Grundspannung, die mit der ein wenig plakativen Handlung eine erstklassige Mischung eingeht. Dies, und der ein oder andere kniffige Twist, etwa wenn Rhodes und der mexikanische Detective ihre eigenen Gräber schaufeln müssen.

Der drei Jahre später entstandene BORDERTOWN von Gregory Nava ist delirierender, mutiger, und eine ganze Ecke bedrohlicher. Als ob Nava sich I WITNESS ganz genau angeschaut und bewusst versucht hat, dessen Schwachstellen auszumerzen. Aber das macht den Film nicht schlecht, er wirkt nur oft recht amerikanisch. Im Sinne von niemandem wirklich auf die Füße treten und die kommerziellen Möglichkeiten nicht verhindern. Und Jeff Daniels spielt halt einfach einen Idealisten wie er im Buche steht, aber verdammt noch mal, das steht ihm gut, und seine Schroffheit und seine Wut gleichen diesen Flirt mit dem Mainstream absolut aus. Etwas, was man von den anderen Schauspielern nicht behaupten kann, die ihre pappnasigen Rollen mit bemerkenswertem Gleichmut abspulen. Trotzdem, I WITNESS unterhält, er hinterlässt eine bestimmte, leicht ange-deprimierte Stimmung, er kommt schnell zum Punkt, er verschönert einen Fernsehabend. Passt gut, auch wenn er gerne ein klein wenig mehr wehtun könnte.

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