Es ist schwierig, einen Film wie „Africa Addio“ (Leb’ wohl, Afrika) adäquat zu beschreiben. Gleich zu Beginn sei gesagt, dass es zwei offensichtlich stark unterschiedliche Fassungen des Films gibt Diese Rezension bezieht sich auf den Director’s Cut des Films. Wir sehen einen Dokumentarfilm, der den Zuschauer in Mark und Bein erschüttert. Afrika Addio setzt mit dem Abzug der Kolonialmächte aus Ost-Afrika ein und zeigt zunächst die damit verbundene Hoffnung der schwarzen Bevölkerung auf ein besseres Leben. Allerdings werden sie genau das Gegenteil erfahren müssen, ein Leben am Rande des Abgrunds, geprägt von moralischem, ethnischem und kulturellem Verfall.
Der Film zeigt die Auswirkungen der durch den Weggang der Besatzungsmächte verloren gegangenen Ordnung, einmal auf die Tierwelt und einmal auf den Menschen selbst, der zum schlimmsten Raubtier der Savanne wird.
Wir sehen brutalste Jagdszenen in ehemals befriedeten Naturschutzgebieten. So wird eine Horde Zebras durch ein zwischen zwei Autos gebundenes Seil regelrecht umgemäht, ein Elefant wird mit einem Hubschrauber auf einen touristischen Jäger getrieben, damit der möglichst wenig Mühe bei der Ausübung seines Hobbys hat. Nilpferde werden mit Speeren abgeschlachtet, verschiedenste Tiere vor laufender Kamera ausgeweidet (inkl. Bilder einiger ungeborener Tiere, die aus dem Mutterleib geschnitten werden). Die von den Wilderern an den Tag gelegte Skrupellosigkeit ist tief bestürzend und abstoßend.
Wenn man aber denkt, schlimmer kann es nicht mehr werden, sieht man, was die Bestie Mensch den eigenen Artgenossen antun kann. Bilder von Vernichtungslagern, Massengräbern, LKWs voller Leichen bleiben dem Zuschauer nicht erspart. Man erfährt, dass in einer Nacht 5000 Araber niedergemetzelt worden sind. Bedrückend sind Szenen, in denen hunderte Araber vor dem wütenden Mob zu Fuß ins Meer flüchten (Ohne Boote!). In der nächsten Einstellung wird uns der Strand einige Stunden später gezeigt. Er ist bedeckt mit Leichen, das Massaker selbst bleibt uns Gott sei dank erspart.
Der Film unterbricht diese tief bedrückenden Szenen manchmal mit wunderschönen, friedlichen Naturaufnahmen, aber diese Ruhe hält nicht lange an. Es folgen weitere schockierende Beweise dafür, dass der Mensch das brutalste Tier auf Erden ist (z.B. sieht man ein Loch, in dem dutzende, abgehackte menschliche Hände liegen).
Schrecklich ist auch das Schicksal einer Missionarsstation. Diese wird von schwarzen Aufständischen belagert und kann nur durch eine Luftbrücke der Amerikaner versorgt werden. Laut dem Kommentar sind in der Mission neben vielen Nonnen und Pastoren auch unzählige Kinder. Wir sehen Bilder der Luftversorgung vom 8. Tag (man sieht ganz deutlich, wie sich die hilflosen Menschen scharenweise auf die Care-Pakete stürzen). Am Morgen des 9. Tages der Luftbrücke müssen wir erkennen, dass es niemanden mehr gibt, den man versorgen müsste. Das riesige Gebiet der Mission wurde gestürmt, die Häuser brennen noch und Leichen liegen überall auf dem Grundstück verteilt herum. Massenmord quasi live.
Für den Schluss hat man sich dann noch reale Kriegsszenen aufgehoben. Eine Söldnertruppe erstürmt eine Stadt, deren schwarze Bewohner von MGs zersiebt und von Handgranaten in Stücke gerissen werden, weil sie glauben, Kugeln der Weißen würden auf ihrer Haut in Wassertropfen verwandelt. Dieser religiöse Wahn erinnert frappierend an aktuelle Geschehnisse in unserer modernen Welt.
„Afrika Addio“ ist ein unglaublich intensiver und bewegender Film. Er zeigt, wie ein ganzer Kontinent in Folge von blindem Rassenhass und Stammeskriegen seinem Untergang entgegen rennt. Dieser Eindruck wird um so schlimmer, wenn man bedenkt, dass dieser Film fast 40 Jahre alt ist und sich in diesen 40 Jahren fast nichts geändert hat. Stämme, sogar ganze Völker werden ausgelöscht ohne, das man davon in den Medien viel mitbekommt.
Afrika ist die dritte Welt, Afrika ist arm, aber wenn man sich diese Bilder vor Augen führt, dann kommt diese Armut nicht von ungefähr. Kein Land (und hier reden wir ja praktisch von einem ganzen Kontinent) würde 40 Jahre Krieg und Völkermord überstehen, Afrika schon gar nicht.
Der Regisseur Jacopetti wollte 1966 den beginnenden Untergang Afrikas anhand dieses Films dokumentieren. Heute, 39 Jahre später ist der Verfall noch viel weiter fortgeschritten und „Afrika Addio“ genau so aktuell wie damals. Allein diese Erkenntnis macht den Film auch nachhaltig so erschreckend.
Dieser Streifen ist mit Sicherheit nichts für sensible Gemüter oder einen netten Filmabend mit der Freundin. Es ist auch kein Horror- oder klassischer Mondo-Film, sondern der widerwärtige Beweis, welche Vernichtungskraft die Bestie Mensch der Tierwelt und sich selber entgegen bringt.
Diese Dokumentation sollte man sich im Kreise mehrerer Personen ansehen, weil man es als „normaler“ Zuschauer nicht verkraften kann, mit diesen verstörenden Bildern alleine gelassen zu werden.
Ein Meisterwerk mit nachhaltiger Wirkung, aktuell und schockierend wie am ersten Tag.