„Africa Addio“ zeigt einen Kontinent im Umbruch und dokumentiert auf einzigartig wertvolle Weise die Dekolonisation Afrikas ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Die in den Jahren 1963/64 entstandenen Bilder zeigen ausgebeutete Staaten, welche sich selbst überlassen wurden und nun Nährboden bieten für Korruption, menschenverachtende Diktatoren und allgemeine politische Instabilität, von der Armut mal ganz zu schweigen. Jahre bevor zahllose Bürgerkriege (welche zum Zeitpunkt der Dreharbeiten aber schon im Gange waren) und natürlich der AIDS-Virus die afrikanischen Staaten und damit die Bevölkerung noch weiter schwächen sollten, inszenierte Gualtiero Jacopetti gemeinsam mit seinem langjährigen Partner Franco Prosperi den Höhepunkt eines ganzen Genres und zugleich auch einen ihrer besten Filme.
Auf den ersten Blick wirkt „Africa Addio“ kaum wie ein Mondo, vielmehr wie eine seriöse Dokumentation welche aufgrund der optischen Qualitäten in Verbindung mit brisanter Themenaufbereitung schon fast oscarverdächtig erscheint. Nicht nur die monumentalen Bilder sind exzellent eingefangen, auch der Score (natürlich wieder von Altmeister Riz Ortolani) bietet niveauvolle Klänge. All die Tragik und die Hoffnungslosigkeit finden musikalischen Ausdruck, genauso wie die chaotische Atmosphäre zu jener Zeit. Wie schon in „Mondo Cane“ und später auch in „Addio Onkel Tom“ trifft Ortolani stets den richtigen Ton um die entfesselte Optik zu untermalen. Für den Schnitt und damit auch für die Montage des Filmmaterials waren Jacopetti und Prosperi selbst zuständig und haben ganze Arbeit geleistet: Anders als „Mondo Cane 1 & 2“ oder auch „Alle Frauen dieser Welt“ wirkt dieser Film nicht so beliebig zusammengestellt, der äußere Rahmen hat deutlich mehr Struktur. So verkommen die Bilder nicht zur zusammenhanglosen Collage sondern vermitteln dem Zuschauer auch heute noch, über vierzig Jahre nach der Entstehung, ein adäquates Portrait der ausweglosen Situation des Kontinentes.
Es gilt weitgehend als unbestritten, dass Jacopetti und der Rest der Crew in einigen Szenen fragwürdig vorgingen, so sind beispielsweise Hinrichtungs-Szenen und wohl auch einige Jagd-Szenen vom Filmteam „ästhetisch“ mitgestaltet worden – unter diesem Aspekt betrachtet wirkt „Africa Addio“ extrem verwerflich, sogar vor Gericht musste sich Jacopetti verantworten. Über zehn Jahre später sollte Ruggero Deadato in seinem Meisterwerk „Cannibal Holocaust“ einen überspitzten Kommentar liefern, das reale Filmteam von „Africa Addio“ bildet das Vorbild für das rücksichtlose Team in Deodatos Kannibalenstreifen. Wie auch immer, Fakes verwenden die Filmemacher keine, Straftaten wurden auch niemandem nachgewiesen und letztlich ist im fertigen Film proportional zur Gesamtlänge nur sehr wenig explizites Material enthalten, auch der ansonsten so typische Voyeurismus fehlt fast gänzlich.
Mit „Addio Onkel Tom“ überwand Jacopetti schließlich das Genre der Dokumentation, respektive des Mondos. Die pessimistische Atmosphäre in „Africa Addio“ setzt einen markanten Schlusspunkt über die Berichterstattung Jacopettis und sich anschließend der Geschichte der Sklaverei zu widmen erscheint nur konsequent. Mit ihren einzigartigen Konzepten und der ausnehmend hohen Qualität ergänzen sich die beiden Afrika-Filme äußerst stimmig, anschließend sollte der berüchtigte Regisseur nur noch den gänzlich vom dokumentarischen Genre fremden „Mondo Candido“ drehen. Wer mehr über Afrika sehen möchte und ungern auf Sleaze verzichtet, dem rate ich zu den Mondos von Alfredo und Angelo Castiglioni, die sich in all ihren Werken dem schwarzen Kontinent widmeten und wesentlich drastischere Bilder verwerteten als Jacopetti und Prosperi.
Den Kommentar spricht der Maestro natürlich selbst, schließlich stammt auch der Text aus seiner Feder. Giftig, zynisch und ganz und gar nicht verharmlosend spricht Jacopetti relativ trocken und ohne Humor. Die fast dreijährigen Dreharbeiten waren strapaziös und wären ohne das satte Budget kaum möglich gewesen. Etliche Reisen und viel Recherche waren nötig um den vorliegenden Film in seine Form zu bringen und dem bitteren Thema zumindest annähernd gerecht zu werden. Angelo Rizzoli ließ als Produzent den Filmemachern völlig freie Hand und vertraute anscheinend komplett auf das Endprodukt, immerhin arbeitete Rizzoli schon erfolgreich mit Frederico Fellini zusammen und genoss einen guten Ruf.
Fazit: Mit einer Shockumentary hat „Africa Addio“ nicht viel zu tun, alleine schon die fragwürdigen Methoden hinter der Kamera und der explizite Tier-Snuff kategorisieren den Film aber schon als Mondo. In Anbetracht dessen sollte man aber keine voreiligen Schlüsse ziehen, denn jedes Werk Jacopettis ist etwas Besonderes und hat eine genauere Betrachtung verdient.
8,5 / 10