Ob es Monster gibt, will das kleine Mädchen vor dem Zubettgehen wissen. Eine ebenso naive wie typische Frage für ein Kind ihres Alters. Der Vater gibt eine Antwort, die eher an einen Erwachsenen gerichtet scheint: Menschen seien die wahren Monster. Vermutlich kennt er seine Tochter besser als der Zuschauer und weiß genau, welches Maß an Wahrheit er ihr zumuten kann. Schließlich ist sie kein normales Mädchen. Schon am nächsten Tag wird sie die kreative Schöpferin von PSYCHO GOREMAN sein.
Zwar stammt das hässliche Ungetüm mit schwarzer Gummihaut und rosa Adern eigentlich aus einer fernen Galaxie, doch nicht nur hat es seinen merkwürdigen Namen der herrischen Göre und ihrem Assistenten (aka größeren Bruder) zu verdanken, sondern auch sein gesamtes Gebaren auf der Erde. Denn sie verfügt über den Dirigentenstab des Films und zugleich seinen MacGuffin: Einen leuchtenden Edelstein, mit dem sich das Monster nach Belieben kontrollieren lässt.
Obwohl das Astron-6-Kollektiv um Regisseur Steven Kostanski auch weiterhin hauptsächlich den 80ern zugetan ist, eine Tatsache, die sich überdeutlich in den handgemachten Effekten und der angepeilten Neon-Ästhetik widerspiegelt, so leuchten diesmal noch tiefer verborgene Bezüge durch die Gelatine des ko(s)mischen Horrors. Denn sieht man in dem verzogenen Gesicht der jungen Schauspieldebütantin Nita-Josee Hanna nicht manchmal das schelmische Funkeln eines Bela Lugosi aus „White Zombie“ oder Charles Laughton aus „Island of Lost Souls“? Jedenfalls steuert sie den grimmigen Weltenvernichter mit der gleichen Arroganz, mit der sich Lugosi zum Herrscher der Zombies bzw. Laughton zum Gott der Tiermenschen erklärten. Und das, obwohl sie im Gegensatz zu ihren Urahnen der 30er Jahre gerade mal alt genug scheint, der Grundschule frisch entwachsen zu sein.
Wäre dies eine typische Produktion für einen der hiesigen Streaming-Anbieter, so hätte man wohl eine Gruppe verpeilter, aber liebenswerter Nerds nach Stephen-King-Blaupause in die Konfrontation mit der wandelnden Alien-Bratwurst im Schlafrock geschickt und sie Pläne schmieden lassen in Kinderzimmern voller Plakate zu 35 Jahre alten Kult-Klassikern. Stattdessen hat man sich den ganzen Quatsch gespart und einfach Elliott aus „E.T.“ mitsamt Schwester-Anhängsel Gertie in einen Realitätsumkehrungs-Hyperkonverter gesteckt. Heraus kam das mehr als unkonventionelle Doppel, das PG nun an der Nase herum- und uns durch die Handlung führt.
Das Ergebnis ist also überaus gewöhnungsbedürftig in der Charakterzeichnung, so sehr, dass mancher Zeitgenosse der Hauptdarstellerin wahrscheinlich am liebsten den Hals umdrehen oder ihr alternativ den Preis für das nervigste Filmkind des Postmillenniums überreichen würde. In jedem Fall aber ist ihre Rolle äußerst interessant geschrieben, zumal Kostanski ihre verrückte Denkweise wunderbar in Bild und Wort übersetzt. Wie ein privates Sprachspiel eröffnet der Film so beispielsweise mit dem Ballspiel „Crazy Ball“, das sich dem Außenstehenden auf den ersten Blick ebenso wenig erschließt wie „Blernsball“ aus „Futurama“ (oder auch einfach so wenig wie Baseball für den Europäer). Nur die spielenden Kinder scheinen zu verstehen, wie das Spiel funktioniert. Noch mehr private Regeln (im Sinne familiärer Grenzen) kommen kurz darauf im Gespräch mit den Eltern zur Geltung. So entsteht langsam ein Geflecht aus kauzigen Verhaltenskonventionen, mit dem die abgeschirmte Luftblase der 80er nachgestellt wird. Das versteht man eben nur, wenn man dabei war. Dem zur damaligen Zeit aufgewachsenen Zielpublikum wird damit direkt der Hof gemacht. Well done, Mr. Director.
Daraus ergibt sich schließlich auch pures Verständnis für die Frage, wieso man sich heutzutage noch die Mühe macht, aufwändige und im Ergebnis trotzdem billig wirkende Body Suits anzufertigen, bei denen jede einzelne Prothese so selbstständig auf dem Meer des Körpers treibt wie ein eigenes Floß. Oder diese Muppets-Versammlung im Weltall, die in ihrer verschwenderischen Vielfalt kurz an Clive Barkers Faschingsgesellschaft aus „Cabal“ denken lässt… oder die Plastik-Flora auf dem Heimatplaneten wie aus einer Episode der originalen Star-Trek-Serie… und überhaupt, die Sauerei mit dem Blut, das real am Set auf dem blütenweißen Outfit eines Erzengels verteilt wird. Geht das nicht auch mit CGI, würden später Geborene fragen. Na, eben nicht! In den 80er und 90er Jahren mögen es kleine Billigproduktionen wie „Rawhead Rex“ oder „Guyver“ gewesen sein, die mit solchen Gummikostümen Effekthascherei für Videothekengänger betrieben, doch heute sind solche Vertreter zu Raritäten gereift, völlig verdrängt vom Digitalozän. Was Kostanski hier also betreibt, ist nicht einfach nur Dialektik mit seinesgleichen. Er konserviert die letzte kleine Insel von einer ansonsten längst untergegangenen Welt, auch wenn es bedeutet, sie als Anachronismus in eine Gegenwart zu pflanzen, die nicht mehr an physikalische Kräfte glaubt, sondern sie höchstens noch am Rande duldet.
Gerade die handgemachte Billigkeit ist es also, die einen nicht unerheblichen Teil des Charmes von „Psycho Goreman“ ausmacht. Denn das alte billig ist das neue wertvoll, wenn computergenerierte Effekte ebenso günstig zu bekommen wie oft zu sehen sind und altmodische SFX einfach nicht mehr gefragt und deswegen nicht mehr verfügbar sind. Wie ungewöhnlich muss es da wirken, wenn ein Mann neunzig Minuten lang unter einer zweiten, mutmaßlich nicht atmungsaktiven Haut übellaunig grunzend durch die Pampa schlurft und ihm dabei von einer Zwergengöre mit Fernbedienung die Hörner aufgesetzt werden? Respekt an dieser Stelle für den Einsatz von Matthew Ninaber im Kostüm und Steven Vlahos am Mikrofon, die gemeinsam einen spektakulären Kampf um die Würde des Monsters austragen, das irgendwo in der evolutionären Stufe zwischen dem “Schrecken von Amazonas” und dem Monster aus “Jeepers Creepers” stecken geblieben ist. Dabei stehen sie tief im Erbe japanischer Suitmation-Schausteller, welche in den Godzilla-Klassikern unzählige Tonnen an Silikon durch Miniaturstädte schleiften. Und gerade hier befindet sich dann auch die Eizelle des Humors, denn zu einer Komödie wird der Film durch den Kontrast des garstigen Monsterdesigns mit der eher knautschigen Umsetzung.
Nur weil sich Kostanski mit dieser umständlichen und mühseligen Prioritätensetzung fast schon ein Alleinstellungsmerkmal erarbeitet hat, ist die Miete mit einer Handvoll handgemachter Kostüme und Spezialeffekte natürlich noch längst nicht im Sack. Das begrenzte Budget fühlt man dann doch schmerzlich: Warum sonst sollte sich die Handlung in grauen Vorstädten, auf Industrieanlagen und in irdischen Wäldern abspielen? „Psycho Goreman“ teilt sich da konsequent die Problemzonen mit der „Masters of the Universe“-Verfilmung, die ebenfalls ein Zombie-Dasein auf der langweiligen Erde fristete, wo man als Kind doch am liebsten für immer auf Eternia geschwelgt hätte. Der kurze Ausblick auf die Herkunft des glitschigen Hünen ist nicht mehr als ein unbefriedigender Teaser, der nichts Geringeres hinterlässt als das unbändige Verlangen nach einem SciFi-Epos mit der Abenteuerlichkeit eines „Valerian“, nur eben komplett analog umgesetzt. Zwar hat es durchaus seinen Reiz, die herrlich verkorkst designten Invasoren unbeholfen über den irdischen Boden stapfen zu sehen, doch setzt man zu lange auf diesen Kontrast, läuft man Gefahr, dass die Kostümierung nur noch als solche wahrgenommen wird. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Humor: Zur Mitte hin läuft Kostanski nämlich Gefahr, sein grausames Monster zum Softie geraten zu lassen – ein schmaler Grat, der sich letztlich nur durch derbe Splatter-Einlagen und düstere Momente ausgleichen lässt, von denen es gerne noch ein paar mehr geben hätte können.
Aber wie könnte man hier anders als mit einem positiven Fazit abschließen. „Psycho Goreman“ ist Medizin in einer Filmlandschaft, die längst dazu übergegangen ist, angetrieben vom Wunsch nach absoluter Kontrolle nicht nur Phantastisches im Computer entstehen zu lassen, sondern bisweilen sogar vorhandene Ressourcen wie menschliche Gesichter. Dabei ist es doch gerade die Unvollkommenheit, die Filme lebendig werden lässt. Auch wenn augenscheinlich die Mittel fehlen, um diesen Standpunkt noch einmal rot zu unterstreichen: Der Gummimann aus dem Weltall weckt Sehnsüchte nach einer verheißungsvollen Rückkehr verloren geglaubter Tugenden. Ob eine solche Rückkehr gelingt und eine Renaissance der praktischen Effekte einläuten kann, liegt einzig an der Absorptionskraft der neuen 80er-Luftblase.