Als in der spanischen Wüste durch einen dort seltenen Regenguß eine skelettierte Leiche auftaucht, wird schnell klar, daß es sich dabei um den seit 20 Jahren abgängigen Briten Axel Collins (Tom Rhys Harries) aus Manchester handelt. Zur Identifikation reisen seine jüngere Schwester Zoe Walker (Laura Haddock), begleitet von Ehemann und Tochter, sowie der Vater des Toten, ein pensionierter Polizist, aus England an.
Zoe, die unbedingt herausfinden will, wie ihr Bruder zu Tode kam, beschließt daraufhin, vorerst in Ibiza zu bleiben und schickt Gatten und Tochter zurück. Sie kontaktiert ehemalige Freunde und Weggefährten ihres Bruders und rekonstruiert auf diese Weise Stück für Stück die Geschehnisse von damals: Der musikbegeisterte Axel veranstaltete Ende der 90er Jahre illegale Raves in Manchester, landete dafür diverse Male vor Gericht, zeigte sich aber, sehr zum Leidwesen seines Vaters, stets uneinsichtig. Irgendwann schmiss ihn dieser dann raus, woraufhin sich Axel mit seinen drei besten Freunden David, Marcus und dessen Freundin Anna nach Ibiza absetzte, wo er als DJ schnell Furore machte. In kürzester Zeit gehörten ihnen fünf angesagte Clubs, und Axels Parties wurden immer exzentrischer - bis er eines Tages spurlos verschwand.
Axels drei beste Freunde wohnen immer noch auf Ibiza, haben sich sehr unterschiedlich entwickelt, liefern Zoe aber immer wieder Anhaltspunkte auf ihrer Suche nach dem Mörder ihres Bruders. Auch die ortsansässige reiche Familie Calafat, der diverse Nachtclubs und ein Casino gehören und mit deren Sicherheitschef Boxer (Nuno Lopes) Zoe gleich im Bett landet, scheint wie die ehemaligen Weggefährten einige Geheimnisse zu verbergen...
Nach seinem großen Erfolg mit Haus des Geldes waren die Erwartungen an Álex Pinas Nachfolgewerk entsprechend hoch, doch gemessen an seiner mehrstaffeligen Heist-Movie-Serie erweist sich die Ibiza-Seifenoper White Lines als Rohrkrepierer: nicht nur, daß seine Darsteller (bis auf einen) sämtlichst unsympathisch bis nervtötend rüberkommen, ist auch die Story um den verschwundenen DJ wenig ergiebig und zudem, wie leider öfters bei Netflix-Serien zu konstatieren, durch ewig lange Monologe, pseudo-dramatische Nebensächlichkeiten und uninteressante Gefühlsduseleien bis zum Gehtnichtmehr aufgeblasen. Mit reichlich vermeintlich zeitgenössischer Musik versucht Pina dabei krampfhaft ein Lebensgefühl darzustellen, das seiner Meinung nach die späten 1990er Jahre auf Ibiza bestimmt haben soll: wilde Parties mit Drogen und Exstase. Dies gelingt ihm in den Rückblenden allerdings mehr schlecht als recht und kontrastiert noch dazu in bemerkenswertem Gegensatz zu den Akteuren der Gegenwart, die in einer Mischung aus Komödiantentum und Selbstgerechtigkeit wenig Interesse an den Vorgängen von einst zeigen.
Was die Filmcharaktäre betrifft, so fällt einem besonders der als junger Himmelsstürmer apostrophierte Axel sofort als schwer überbewertet auf: die blonde Hühnerbrust mit der Ausstrahlung einer Mineralwasserflasche scheint so gar nicht dem kolportierten Bild zu entsprechen - daß sich der zunächst von seiner jüngeren Schwester Zoe vergötterte Bruder im Lauf der Serie rückblickend als exzentrischer Egoist erweist, mag daher folgerichtig sein, für das Publikum jedoch stellt sich Axel von Anfang an ein heiße Luft produzierender Allerwelts-Charakter dar. Daran ändert auch die Rolle des Polizisten-Vaters Clint (Francis Magee), der seinen Kindern stets als strenger Familientyrann erschien, recht wenig.
Ganz anders verlief die Karriere von Marcus, einem Loser in Axels Schatten: das vollbärtige Ohrfeigengesicht, das in fast jedes Fettnäpfchen tritt, stellt den komödiantischen Teil dieser Ibiza-Serie dar. Seine vergeblichen Versuche, eine Lieferung von ein paar Kilo(!) Koks, die er gelegentlich bei seinen lauen Auftritten als (immer noch) DJ vertickt, in der Garage zu verstecken, führen zu einer breiten weißen Linie auf seinem Rasen, die prompt als Markierung für ein Fußballfeld wahrgenommen wird. Auch die beiden (lachhaft stereotypen) Rumänen, denen der Stoff gehört, beweisen eine humoristische Ader, als sie Marcus wählen lassen, ob er lieber ein Auge verliert oder das Schienbein gebrochen bekommt. Ach wie lustig...
Gar nicht mehr lustig sind dagegen seine zahlreichen Versuche, die inzwischen vom ihm geschiedene dunkelhäutige Anne (eine lebenslustige, kein bißchen zu dem traurigen Tropf passende Frau, die einen schwerreichen arroganten Künstler heiraten will) durch zur Schau gestelltes erbärmliches Selbstmitleid zurückzugewinnen (oder besser zurückzuerjammern) - was für ein unerträgliches Gejaule...
Hauptdarstellerin Zoe wiederum vereint alle Eigenschaften einer nervtötenden Zicke, ist launisch, wechselt ihre Meinung alle paar Minuten und verhält sich zudem oftmals völlig unlogisch - kein Wunder, daß sie einem schon nach kurzer Zeit schwer auf den Wecker fällt, doch der im Lauf der Zeit aufkeimende Wunsch, sie - statt der rumänischen Dealer - mit Ketten beschwert am Grund des Atlantiks zu sehen, erfüllt sich - wie so oft - leider nicht.
Die weiteren Nebenrollen (der in Indien erleuchtete David mit seinen Selbstfindungstrips, die er allen Beteiligten großmütig anbietet oder die aus den USA zurückgekehrte, total frustrierte Calafat-Tochter Kika, die sich merkwürdigerweise sehr genau an ihre erste, nur sehr kurze Romanze mit Axel vor 20 Jahren erinnert, als hätte sie seitdem nichts mehr erlebt - wtf?) geben nicht viel her oder sind aus reiner Effekthascherei grotesk übertrieben (wie die nymphomane Mama Conchita Calafat, die ein Verhältnis mit ihrem Sohn Oriol hat, während Papa Andreu dies jahrelang nicht bemerkt haben will - gähn). Überhaupt ist jene als typisches Ibiza-Attribut thematisierte hemmungslose Promiskuität äußerst fragwürdig - sowohl in moralischer wie auch in historischer Hinsicht.
Am ungewöhnlichsten (und nebenbei die einzige sympathische Rolle verkörpernd) erweist sich der Türsteher und Sicherheitsmann Boxer (Nuno Lopes): bis zum Hals tätowiert ist der breitschultrige Vollbartträger für die Familie Calafat der Mann fürs Grobe, einer Prügelei oder auch Mord keineswegs abgeneigt - gleichzeitig aber ist dieser Boxer auch ein veritabler Feingeist: belesen, rücksichtsvoll und empathisch, kurzum eine völlig unrealistische Filmrolle. Darüberhinaus ist der Türsteher der einzige Beteiligte, der nicht unmittelbar mit Axel zu tun hatte und unter dessen Einfluß stand, was seiner Sicht auf die Dinge sehr entgegenkommt. Seit er Zoe ein höfliches Kompliment gemacht hatte (was diese freilich mißdeutete und mit ihm flugs in die Kiste sprang) ist er trotz zwischenzeitlicher Zurückweisung durch die unstete Britin immer wieder im richtigen Moment zur Stelle und bringt deren private Ermittlungen entscheidend weiter.
In insgesamt 10 Episoden von jeweils etwas unter einer Stunde Laufzeit entfaltet sich ein buntes Kaleidoskop menschlicher Schicksale, das mehrwöchigen Fortsetzungsgeschichten in der Regenbogenpresse zur Ehre gereichen würde, in einer als Krimi titulierten Serie jedoch kaum etwas zu suchen hat - den Thriller-Anteil von White Lines hätte man ohne den Telenovela-Schmus locker in 2 Episoden abhandeln können.
Immerhin - und das bewahrt die Serie vor dem vorzeitigen Abdrehen - kehrt Regisseur Pina in jeder Episode wenigstens 2 - 3 mal kurz zum ursprünglichen Whodunit-Konzept zurück und serviert dem Zuseher zwischen all der unergiebig-zähen Weitschweifigkeit jeweils ein weitere kleine Puzzleteile. Fazit: kein kompletter Schrott, aber äußerst mühsam mitzuverfolgen: 3 Punkte.