The Old Guard (Netflix Marke Eigenbau 5)
Man kann dem gefräßigen Streaming-Giganten Netflix ja so einiges vorwerfen, aber Konzeptlosigkeit oder mangelnden Ehrgeiz sicher nicht. Das wäre schlicht unfair. Nachdem man den TV-Serien-Markt teilweise revolutioniert hat und inzwischen, zumindest gefühlt, beinahe nach Belieben beherrscht, rückt immer mehr die ureigene Domäne des Kinos in den Fokus, der Spielfilm. Die Devise heißt hier ganz klar Klotzen und nicht Kleckern, frei nach dem Motto „Wer in die Champions League will, der muss die Schatulle öffnen“. Und die von Netflix ist bekanntermaßen prall gefüllt. Also buttert man mal schnell 100 Millionen in Martin Scorseses sperriges Alterswerk THE IRISHMAN oder in Michael Bays neueste ADS-Extravaganz 6 UNDERGROUND, Namen wie Robert De Niro, Ryan Reynolds, Mark Wahlberg oder Chris Hemsworth lassen sich da nicht lange betteln. Vor allem aber nimmt man beliebte und gewinnträchtige Genres ins Visier. War Scorseses Gangstersaga noch ein reines Prestigeprojekt mit dem man aller Welt zeigte, dass man kann und will, zeigen die Buddykomödie SPENSER CONFIDENTIAL und die beiden Actionkracher 6 UNDERGROUND und TYLER RAKE: EXTRACTION wo die Reise wirklich hingehen soll. Fehlen eigentlich nur noch Science Fiction und Fantasy im Portfolio.
Gesagt, getan. Mit dem Superhelden- bzw. Comic-Vehikel THE OLD GUARD wird nun auch diese Lücke geschlossen. „Highlander meets The Expendables“ war ein gängiger Werbeslogan für die dem Film zugrundeliegende Graphic Novel und der cheesige Vergleich ist so falsch nicht. Im Kern geht es um einen Trupp unsterblicher Söldner, die seit Jahrhunderten als globales Feuerwehr-Einsatzkommando unterwegs sind. Irgendwie haben sie es dabei geschafft einem Avengers-ähnlichen Aufmerksamkeitshype zu vermeiden und weitestgehend inkognito ihrem blutigen Kerngeschäft nachzugehen. Sonderlich glaubwürdig oder logisch ist das nicht, aber im Fantasy-Genre verzeiht man ja für gewöhnlich so Einiges an Ungereimtheiten, sofern Unterhaltung und Schauwert auf der Habenseite stehen.
Zumindest unter Punkt eins kann ein Haken gesetzt werden. Die banale und wenig originelle Story um einen machtgierigen Pharma-CEO, der mit der DNA unserer Helden der Medizinwelt und vor allem sich selbst ein Denkmal setzen will, wird flott und actionreich abgespult. Die gängigen Plotpoints Entdeckung, Verrat, Gefangennahme, Befreiung und Ausbruch sorgen für ein ordentliches Maß an Twists, Action und Spannung. Überirdisch ist da außer der exorbitanten Lebenserwartung gar nichts, aber für die Couch reicht es allemal. Zumal der Gewaltlevel für das ansonsten so familienfreundliche Genre recht ordentlich ausfällt und man auch in punkto Setting, Optik und Figuren eher die Düsterkarte zückt. Immer mehr zeigt sich auch der Trendsetter-Impact von John Wick, dem man hier, wie übrigens auch schon in TYLER RAKE, mehr als deutlich huldigt, ohne allerdings die ästhetische Klasse oder die wuchtige Dynamik des großen Vorbilds auch nur anzukratzen. Der Stallkollege TYLER RAKE war da versierter, aber dort saß auch Stunt-Größe Sam Hargrave auf dem Regiestuhl.
Gyna Prince-Bythewood hatte bisher lediglich ein paar kleinere (Romantik)-Dramen und diverse TV-Filme inszeniert, was man THE OLD GUARD auch anmerkt. Die bei modernen Superheldenabenteuern fast schon obligatorische Scale sucht man vergebens. Außer ein paar Fahrten durch karge Wüstenlandschaften wird fürs Auge nur wenig geboten. Vieles spielt sich in geschlossenen Räumen ab und wird mit einer gräulichen Farbpalette noch zusätzlich eingetrübt. Was vermutlich als Verstärker der pessimistischen Grundstimmung gedacht war, visualisiert eher die Austauschbarkeit des Ganzen. Ähnliches gilt auch für die Charaktere.
Inzwischen gehört es ja zum guten Ton selbst der bunten Marvel-Helden sich permanent zu hinterfragen und über Sinn und Wirkung des eigenen Superheldendaseins zu grübeln. Die schwermütigen Mono- und Dialoge über die Last der Unsterblichkeit in THE OLD GUARD bleiben allerdings allesamt an der Oberfläche und bringen weder Handlung noch Figurenzeichnung voran. Auch hier herrscht also eher TV-Serien-Einerlei. Das ist besonders ärgerlich, da man mit Teamleaderin Charlize Theron (Andy alias Andromache of Scythia), dem Schweden Matthias Schoenaerts (Booker alias Sebastian Le Livre), dem Tunesier Marvan Kenzari (Joe alias Yusuf Al-Kaysani) und dem Italiener Luca Marinelli (Nicky alias Niciolo di Genova) einen international renommierten Charaktercast vor der Kamera hatte, der geradezu prädestiniert schien, die seelisch deformierten Unsterblichen mit Leben zu füllen. Chance vertan. Statt dessen gibt man sich hemmungslos der politischen Überkorrektheit hin, was dann so Blüten treibt wie einen rein weiblichen Marines-Trupp im blutigen Kampfeinsatz, oder die ausschweifenden Liebesschwüre des schwulen Superheldenpärchens Joe und Nikki, enormes Fremdschämpotential quasi frei Haus.
Dennoch steckt in dem Projekt Potential. Nicht nur weil Rookie Nile Freeman (KiKi Layne) das Quartett mit einer ordentlichen Portion Aufmüpfigkeit und Wut aufmischt und Ex-CIA-Mann Copley (Chiwetel Ejiofor) die Seiten wechselt und den neuen I(mmortal)-Team-Organizer gibt. Auch ein paar (hier nur angeteaserte) Abstecher in die Vergangenheit (u.a Antike, Kreuzzüge, Weltkriege) der Helden könnten reizvoll sein, ebenso wie eine stärkere Auseinandersetzung mit Psyche und Emotionen der Truppe. Dann aber unbedingt mit einem Regisseur hinter der Kamera, der eine eigene Vision verfolgt und vor allem mehr von moderner Actioninszenierung der härteren Sorte versteht. Ein Mehr an Schauwerten, sei es geographisch, pyrotechnisch, oder visuell wäre ebenfalls wünschenswert, am nötigen Kleingeld sollte es jedenfalls nicht scheitern. Auf dem angestrebten Weg in die Oberliga hat Netflix sich bisher ja keineswegs lumpen lassen, aber wer sich dauerhaft etablieren will, darf halt auch nicht plötzlich wieder den Rotstift zücken. Also ran an die Schatztruhen, der erzwungene Mäusewinterschlaf wird nicht ewig währen.