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„Um jeden Preis… um jeden!“

Fall Nummer 8 des Essener „Tatort“-Kommissars Heinz Haferkamp (Hansjörg Felmy) und dessen Assistenten Willy Kreutzer (Willy Semmelrogge), die einmal mehr von Stammregisseur Wolfgang Becker inszenierte Episode „Fortuna III“, wurde nicht wie üblich an einem Sonntag gesendet, sondern ausnahmsweise an einem Montag: dem Pfingstmontag des Jahres 1976. Das Drehbuch verfassten Hanuš Burger und Wolfgang Mühlbauer.

Der zwölfjährige Paul Starczik (Oliver Urlichs) ist ein echter Lausebengel, an dem sein Vater (Ferdinand Dux, „Chinesische Mauer“), Platzwart eines Betriebssportvereins, verzweifelt. Schon oft ist Paul weggelaufen und hat sich auf dem Gelände der verlassenen Zeche „Fortuna III“ versteckt, wo er Ruhe vor seinem Vater hat. So auch an diesem Abend, als er Zeuge wird, wie der angetrunkene Likörfabrikbesitzer Jul (Gerd Böckmann, „Jeder stirbt für sich allein“) die neue Vereinsheimsaushilfe Ellen Schelle (Evelyn Palek, „Der gestohlene Himmel“) auf ihrem Heimweg belästigt und zu vergewaltigen versucht, sie dabei versehentlich totschlägt. Wie soll Paul sich nun verhalten? Jul ist einer der wenigen, die immer zu ihm gehalten haben. Er hat ihm eine Lehrstelle in seiner Fabrik in Aussicht gestellt und ist außerdem mit Pauls großer Schwester Birgit (Gracia-Maria Kaus, „Das Spukschloss von Baskermore“) verlobt. Paul verspricht Jul auf dessen Drängen hin, Stillschweigen zu bewahren. Kommissar Haferkamp und dessen Assistent Kreutzer nehmen die Ermittlungen auf und treten dabei auch an den widerborstigen Paul heran. Mit Paul, der mittlerweile von seinem überforderten Vater ins Erziehungsheim gesteckt wurde, war auch vorm Totschlag nicht gut Kirschen essen: Seit sein bester Freund Ali zusammen mit seiner Familie nach Australien ausgewandert ist, hat er gar keine Freunde mehr. Am liebsten würde er auch nach Australien abhauen, benötigt dafür jedoch 2.000 Mark. Die sollten Jul Pauls Schweigen doch wert sein, oder…?

„Er mag eben keine Bullen!“

„Fortuna III“ erobert mit seinen authentischen Ruhrpott-Bildern, die von einer Kamera mit viel Verve eingefangen werden, die Herzen des Publikums – insbesondere in der Retrospektive mit ein paar Dekaden Abstand. Vergewaltigungsversuch und Totschlag werden in allen Details gezeigt und bereiten angemessenes Unwohlsein, Täter und Motiv stehen dadurch jedoch von vornherein fest. Dafür entbrennt ein ungleiches Psychoduell zwischen Jul, der Paul unter Druck setzt, ihm Angst macht und droht, und Paul, der sich zwischen Loyalität zu Jul, etwaigen unangenehmen Folgen, Zusammenarbeit mit der Polizei oder Ausnutzen der Situation für seine eigenen Zwecke entscheiden muss. Das ist von Jungdarsteller Oliver Urlichs fantastisch gespielt, dessen einzige Filmrolle diese Verpflichtung blieb. Anhand der zerrütteten Beziehung zwischen Pauls Vater und Paul wird das Versagen autoritärer Erziehungsmethoden offenbar, und dass Paul seinem Umfeld entkommen und alles hinter sich lassen möchte, ist nur allzu verständlich: Der Junge braucht eine Art Neuanfang.

„Sie sind gegen mich!“

Haferkamp hat als einziger den richtigen Riecher, dass Paul etwas mit dem Fall zu tun hat. Eigentlich kann er mit Kindern nicht umgehen, muss aber einen Zugang zu Paul finden – was zum einen die Kommissarsfigur weiter charakterisiert und zum anderen einen besonderen Reiz dieser Episode ausmacht. Kreutzer recherchiert entscheidende Hinweise, Haferkamps Ex-Frau Ingrid hingegen taucht diesmal überraschenderweise nicht auf. Paul fährt bereits selbst Auto und raucht, Hafi gibt ihm sogar Feuer, um sich mit ihm gutzustellen – und beißt doch immer wieder auf Granit. Damit nicht genug: Paul lernt die „Hot Wheels“ kennen und wird zum Rocker gemacht, wenngleich die es nur auf sein Geld abgesehen haben. Dafür sieht er nun aus wie einer von Judas Priest. Der Showdown an der Autobahn ist spannend und brutal, der Fall am Ende gelöst, das eigentliche Ende aber offen.

„Ehrenwort gegen Bullen zählt nicht!“

Auffallend hübsch sind die die Frauen in diesem „Tatort“. Evelyn Palek als Ellen verschwindet zwar recht bald aus der Handlung, dafür ist Gracia-Maria Kaus als Birgit in jeder ihrer Szenen ein Hingucker. Der Fall ist insgesamt etwas sehr konstruiert und mit ein paar Unwahrscheinlichkeiten gespickt, hat aber Stil, ist gut und relativ temporeich erzählt und verbreitet mit seiner Geschichte vom juvenilen Delinquenten, der tapfer gegen die Erwachsenenwelt und ihn überfordernde Entscheidungen ankämpft, diese spezielle Außenseiter-Abenteuer-Stimmung. Vivaldi und Black Sabbath („Laguna Sunrise“) spielen den Soundtrack dazu, und am liebsten würde man sich nach dem Abspann in eine Ruhrpottpinte setzen und mit Haferkamp das eine oder andere Pilsken heben.

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