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„Das würd‘ ich mal Massaker nennen!“

Zum 40-jährigen Jubiläum seines subgenredefinierenden Slasher-Originals beteiligte sich John Carpenter an der Produktion eines neuen zweiten „Halloween“-Teils, der sämtliche Remakes und bisherigen Fortsetzungen ignorierte, im Herbst 2018 pünktlich zu Halloween in die Kinos fand und neben dem ersten Michael-Myers-Darsteller Nick Castle mit der Original-Scream-Queen Jamie Lee Curtis in ihrer Paraderolle als Laurie Strode aufwartete. Der schlicht „Halloween“ betitelte Film wurde ein echter Kassenknüller und schon bald war zu vernehmen, dass es sich um den Auftakt einer Trilogie handelte. Deren zweiter Teil „Halloween Kills“ (also der neue Teil 3 – es bleibt kompliziert in der Kontinuität der Reihe…) versetzte ab Oktober 2021 sein Publikum in Entsetzen respektive Verzückung. Auch dieser entstand unter der Regie David Gordon Greens, der auch wie zuvor zusammen mit Danny McBride das Drehbuch verfasste. Co-Autor Jeff Fradley wurde diesmal durch Scott Teems ersetzt.

„Das Böse stirbt heute!“

Die Handlung knüpft nahtlos an die Ereignisse des Vorgängers an und spielt in derselben Nacht: Laurie Strode (Jamie Lee Curtis), deren Tochter Karen (Judy Greer, „Into the Dark: Ein braver Junge“) und Enkelin Allyson (Andi Matichak, „Life-Snatcher“) haben Michael Myers zwar in die Falle gelockt und im Keller einen brennenden Hauses eingesperrt, doch die Feuerwehr ist schnell zur Stelle und beginnt, das Inferno zu löschen. Michael erfreut sich noch bester Gesundheit, dezimiert die Feuerwehr und mordet sich durch Haddonfield. Laurie und Co. bekommen davon zunächst nichts mit, da sie im Krankenhaus weilen, wo Lauries Verletzungen behandelt werden. Dort liegt auch Deputy Frank Hawkins (Will Patton, „Susan... verzweifelt gesucht“), der es in der ersten Horrornacht 1978 versäumte, Michael den Garaus zu machen. Als Tommy Doyle (Anthony Michael Hall, „Breakfast Club“) zusammen mit anderen Myers-Überlebenden in einer Kneipe zum Veteranentreff zusammensitzt und dort erfährt, dass Michael wieder on the loose ist, trommelt er die Bewohner(innen) Haddonfields zusammen, um Jagd auf ihn zu machen und diesmal endgültig auszuschalten…

„Er schleicht sich an, er tötet und geht nach Hause!“

„Halloween Kills“ erzählt nicht nur die 2018er-, sondern auch die 1978er-Handlung weiter, verneigt sich vor dem Original und bietet in Form von Parallelen zur ursprünglichen Reihe und einigen Referenzen eine Menge Fanservice. In Form von auf alt getrimmten Rückblenden in die ‘78er-Halloween-Nacht wird die Basisgeschichte um einige Aspekte erweitert, die eng mit der Figur Frank Hawkins verknüpft sind (in den Rückblenden gespielt von Thomas Mann, „The Highwaymen“) und sogar einem von Tom Jones Jr. gedoubelten Dr. Loomis einen Kurzauftritt bescheren. Die Quasi-Bürgerwehr, die Doyle heraufbeschwört, gab es in abgewandelter Form bereits in früheren Fortsetzungen, eine Demaskierung, ohne dass man dadurch nun signifikant mehr von Myers sehen würde, gelang bereits des Öfteren, und ein paar Gören tragen doch tatsächlich „Silver Shamrock“-Masken spazieren! Das Krankenhaus und der Umstand, dass die Handlung noch in derselben Nacht spielt, sind indes Reminiszenzen an „Halloween II – Das Grauen kehrt zurück“ aus dem Jahre 1981 – und ganz so, wie dieser seinerzeit über einen deutlich gesteigerten Härtegrad verfügte, warfen auch Green und sein Team in dieser Hinsicht einige Briketts nach.

Nicht nur Michael Myers serviert eine deftige, übertriebene Schlachtplatte inklusive manch derbem Splatter-Spezialeffekt, wenn er seine Opfer genüsslich, jedoch ohne erkennbare Gefühlsregung sadistisch mit Stichwaffen oder gleich mit bloßen Händen zu Tode quält. Dass diese Szenen ohne jede Brechung mittels schwarzem Humor oder ironischem Augenzwinkern durchexerziert werden, lässt mitunter Erinnerungen an den Terror in der zweiten Hälfte des Rob-Zombie-„Halloween“-Unterfangens wach werden und ist grimmig und unverfälscht böse, manchmal aber auch drüber, zu dick aufgetragen, zu viel des „Guten“. Daran werden sich die Geister scheiden. Dass dieser Absatz mit „Nicht nur…“ beginnt, ist dem aufgeheizten Lynchmob zu verdanken, der einen armen Teufel in den Tod hetzt. „Halloween Kills“ lässt keinen Zweifel daran, was von Bürgerwehren und ähnlichen Erscheinungen zu halten ist. Der Bodycount ist vermutlich der höchste aller „Halloween“-Filme.

Vor Ehepaaren gemischter Hautfarben (Diva Tyler, „Captive“ und Lenny Clarke, „Stronger“) oder gleichen Geschlechts (Scott MacArthur, „The Mick“ und Michael McDonald, „The Happytime Murders“) macht Michael Myers ebenso wenig Halt wie vor allen anderen, womit „Halloween Kills“ Teile einer diversen Gesellschaft auf selbstverständliche und unaufdringliche Weise abbildet. Worauf der Film hingegen verzichtet und woran es ihm zuweilen dann leider auch tatsächlich etwas mangelt, ist die eigentlich subgenreimmanente Person, die zum dezidierten starken Gegenspieler avanciert, Stichworte Scream Queen und Final Girl. Beibehalten wurde aber das Motiv der starken Frauen, die dem Grauen mehr entgegenzusetzen haben als das ach so starke Geschlecht. Dennoch bekommt Jamie Lee Curtis weit weniger zu tun als im Vorgänger. Schön, dass sowohl Greer als auch Matichak auch für diese Fortsetzung gewonnen werden konnten und das aus dem Vorgänger bekannte Damentrio komplettieren. Leider bremsen die vielen Szenen an Lauries Krankenbett den Film etwas aus. Währen des Veteranentreffens zu Beginn fühlt man sich als Zuschauer(in), der oder die die Reihe bereits seit etlichen Jahren interessiert begleitet, dieser Gruppe beinahe selbst zugehörig. Diese Sequenz dürfte also auch einen Hinweis darauf geben, dass man sich darüber im Klaren war, welch hoher Anteil des Publikums zusammen mit der Filmreihe gealtert ist.

Mehr denn je zuvor zeichnet man hier nach und nach Michael Myers als eine Allegorie auf Terror und darauf, was dieser mit den Menschen macht, indem er sie verroht, hassen, selbst gewalttätig und ungerecht werden lässt. Schön auch die eingebrachte Idee, dass Michael als Kind am Fenster stehend gar nicht auf Haddonfield geblickt hat, sondern auf sich selbst, auf seine Reflexion in der Scheibe. Als erwachsener Massenmörder bleibt er auch demaskiert der „schwarze Mann“, man bekommt nur schemenhafte Details zu sehen – mehr nicht. Myers bleibt konsequent bis zum Gänsehaut-Finale die Inkarnation des ultimativ Bösen, unaufhaltsam, unverwundbar, unerklärbar. Die Ernsthaftigkeit des Films, der nicht viel mit Teenie-Slashern nach Schema F gemein hat, wird auch von den Schauspielerinnen und Schauspielern konsequent getragen. Emotionen scheinen echt, Verzweiflung und Wut steigern sich permanent und machen den Film zu einem No-Bullshit-Horrorerlebnis.

Die skandinavische Rockband Ghost unterlegt den Abspann mit ihrer eingängigen Goth-Metal-Nummer „Hunter’s Moon“, und den genannten Kritikpunkten zum Trotz darf man sich sicherlich auf den Abschluss der Trilogie freuen. 7,5 von 10 Augäpfeln werfe ich für „Halloween Kills“ in den Kürbiseintopf.

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