Review
von Leimbacher-Mario
Calling Down
Russel Crowe war schon immer eine wuchtige Erscheinung. Ob als Neonazis ganz früh noch in seiner Heimat oder als Gladiator auf dem Höhepunkt angekommen - aber was er sich nun für eine Figur angefuttert hat... Respekt! Wenn das Coronapfunde wie bei vielen von uns sind, dann wusste der Mann schon früh bescheid ;). Spaß beiseite - in dem straighten Strassenthriller „Unhinged“, einem der ersten brandneuen Filme nach C-Pause und auch internationales Testmodell für frische Kinostarts jeweils nur in jeweiliger Landessprache und nicht (!) im O-Ton, spielt der nun mächtige Charakterdarsteller einen psychopathischen Ausraster, der mit dem Verhalten einer jungen Mutter im Straßenverkehr gar nicht zufrieden ist und ihr den schlimmsten Tag ihres Lebens bereitet...
Cape Bier
„Unhinged“ geht weit unter 90 Minuten, ist durchaus überraschend biestige Genreware. Eigentlich zwar eher ein Film, bei dem man sagen würde „Da reicht Netflix!“ - dennoch war es schön, ihn auf der großen Leinwand über sich drüberbrettern zu lassen. Crowe ist ein waschechtes Highlight, der grimmige Australier lässt hier rein gar nichts anbrennen, ein paar böse Gewaltausbrüche haben es in sich und können zumindest gewöhnliche Zuschauer schonmal schockieren, das Intro und die immer wieder angeschnittenen Hintergründe mit den vielen „uns langsam verrückt machenden“ Entwicklungen ist gelungen und nicht total aus der Luft gegriffen. Von Handysucht oder Egoismus über viel zu schnell laufende Leben bis hin zu Oberflächlichkeiten, Gewalt und Abstumpfung ist einiges dabei. In seinen besten Momenten kommen sogar leichte „Duel“-Vibes auf und grundsätzlich ist „Unhinged“ ein netter Timewaster. Nur besser nicht an der Ampel oder im Stau! ;)
Fettsack - Der Highwaypiller!
Doch das kann doch nicht alles gewesen sein? Nur Positives? Nein. Leider nein. Leider gar nicht. Denn „Unhinged“ ist alles andere als perfekt. Er schafft es zuverlässig immer wieder zu enttäuschen und sogar sprachlos zu machen. Denn wie er sich mit einem stupiden Drehbuch seine aufgebauten Qualitäten runterzieht, ist eine Nummer für sich. Es fängt schon in der ersten Szene an, wo wir sehen, wie böse und verrückt Crowes Charakter ist. Es wäre viel interessanter und spannender gewesen, dies erst im Verlauf zu erfahren. Desweiteren ist unsere „Mami“ weder die Hellste noch die Sympathischste, um es mal nett auszudrücken. Doch nicht nur bei ihr gibt es immer wieder krasse Aussetzer und Lächerlichkeiten und Dummheiten und Klischees, bei denen man sich nur noch an den Kopf fasst und fragt, wer das durchgewunken hat, ob man das noch ernst nehmen soll. Das hat mich teilweise echt aus den spannendsten Sequenzen gerissen. Wirklich schade. Und da sind ganz einfache Dinge wie die Polizei anrufen oder einfach mal anzuhalten und um Hilfe zu bitten nur die Spitzen auf dem Eisberg gewesen. Und als Letztes finde ich es noch schade, dass man im Endeffekt dann doch super wenig über Crowes Figur und seine Beweggründe erfährt, der ganze Krach trotz geheuchelter Sozialkritik unfassbar oberflächlich und egal bleibt.
Fazit: „Unhinged“ hat gesellschaftskritische Ansätze, einen brachialen Crowe und eine gesunde, zum Teil sogar richtig fiese Härte. Nur reißt er sich das immer wieder mit seinem unheimlich ungeschickten Hinterteil ein, wie Crowes grauer Pick-Up unbeteiligte Passanten. Zu diesen massiven Macken gehören dummes Verhalten, unsympathische Figuren (und damit meine ich nicht Russel, die Dampfwalze!) und Klischees, die glatt aus den 90ern sein könnten. Insgesamt kommt der kaputte Crowdpleaser (?) noch mit einer Verwarnung und einem „Kann man gucken“ davon. Trotz viel Augenrollen.