Review
von Leimbacher-Mario
Wurzeln des Wir
„Minari“ ist als diesjähriger Oscarnominee natürlich heiß erwartet, wenn’s bald hoffentlich wieder in die Kinos geht. Zumindest sollte er auf allen Zetteln der Filmfans stehen, denn er ist weitaus mehr als nur biederes Oscarfutter mit gern gesehenem „Exotikbonus“. Erzählt wird von einer koreanisch-amerikanischen Einwandererfamilie in den 80ern, die sich (etwas notgedrungen) dem Landleben inklusive Gemüseanbau mitten in Arkansas widmet, dabei sowohl mit Vorurteilen der Nachbarn als auch mit eigenen Konflikten und Problemen kämpfen muss...
Was wirkt wie das zehnte ruhige, fast etwas oscarbaitige Familiendrama in dieser Richtung, entpuppt sich bei „Minari“ schnell als nächster A24-Geniestreich und viel mehr als nur preisverdächtig, artsy, künstlerisch wertvoll. Emotionen werden hier groß geschrieben und understatet. Die 80er werden hier mal fast überhaupt nicht betont, für Steven Yeun freut einen der sich scheinbar immer besser auszahlende Serientod umso mehr, sowohl die alten (Stiefmutter) als auch jungen Familienmitglieder (Sohn) verleihen dieser mutigen Bande Charme, Authentizität und Zusammenhalt. Und sehr viel Herz. Frech und liebevoll. „Minari“ ist einer dieser großen kleinen Filme. Ein intimer Zweistünder, der vorher bieder und trocken wirkt, dann jedoch vor unseren Augen zu Qualitätskino ohne Wenn und Aber reift. Das plötzliche Ende lässt mir einige Fragen zu viel offen - der Rest ist edel und nahezu fehlerfrei. Von dem erfrischenden koreanischen Blickwinkel auf das Einwandern und den amerikanischen Traum über einen sehr sensiblen Pianoscore bis hin zu aufopferungsvollen, nuancierten Darstellungsleistungen - „Minari“ ist eine Empfehlung und zeigt in sich ruhend und kraftvoll, dass auch „ganz klassisches Oscarkino“ einen selbst um 1 Uhr nachts in seiner feinsten Form besser unterhalten kann als der zwölfte beliebige Slasher, den man vielleicht vorher im Sinn hatte. So macht Oscarvorbereitung (oder -nachlese) Sinn und Spaß!
Fazit: leiseste Töne, die noch umso lauter nachhallen. „Minari“ ist ein packendes, zutiefst berührendes Familiendrama über mehr als nur den US-Traum, viel Tiefgreifenderes. Famos. Amerikanisch-koreanisches Meisterwerk - nur das Ende lässt ein paar offene Fragen und Stränge zu viel. Ansonsten amtlich.