„Sehr geehrte Frau König, sie sind tot.“
In ihrem 22. „Polizeiruf 110“ sieht sich das Rostocker Ermittlungsduo Alexander Bukow (Charly Hübner) und Katrin König (Anneke Kim Sarnau) erneut mit Frauenmörder Guido Wachs (Peter Trabner) konfrontiert, der in der Episode „Für Janina“ eingeführt wurde und seither Teil der horizontalen, also episodenübergreifenden Erzählebene ist. Für Eoin Moore, Stammregisseur der Reihe, ist es bereits der elfte „Polizeiruf“, das Drehbuch stammt von Florian Oeller. Gedreht im August und September 2019, erfolgte die Erstausstrahlung am 14.06.2020 als letzter neuer öffentlich-rechtlich produzierter Sonntags-Prime-Time-Krimi vor der Sommerpause.
„Wir bereuen und erlösen uns von dem Bösen!“
Der Frauenmörder Guido Wachs, der für seine eigentliche Tat nicht belangt werden konnte, aufgrund von König gefälschter Beweise jedoch für einen anderen Mord hinter Gittern landete, gibt sich als reuiger Sünder und verfasst Briefe an König, mit denen er sie psychisch zu manipulieren versucht. Seither leidet sie unter Schlafstörungen und Hautausschlag, droht, medikamentenabhängig zu werden, und entwickelt eine Psychose. Doch damit längst nicht genug: Beim Joggen am Rostocker Hafen wird sie Zeugin, wie zwei Jugendliche (Anton Weil und Florian Kroop) eine Frau sexistisch belästigen. Als sie ihr zur Hilfe eilt, wird sie von den Tätern K.O. geschlagen. Als sie im Krankenhaus erwacht, erfährt sie, dass die Frau, die sie aus der misslichen Lage rettete, tot ist: Die Leichtathletin und Einzelgängerin Nadja Flemming (Xenia Rahn, auch im wahren Leben Athletin) wurde erstochen aufgefunden. Die Kripo geht von Raubmord aus. Während Wachs König zu sich ins Gefängnis zu locken versucht, nimmt sie in ihrem schwer angeschlagenen Zustand die Ermittlungen auf und besucht u.a. den Ex-Mann (Andreas Helgi Schmid, „Verpiss Dich, Schneewittchen“) der Toten, der als einziger noch regelmäßigen Kontakt zu ihr unterhielt und mit seiner neuen Lebensgefährtin Annie (Victoria Schulz, „Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern“) eine kleine Familie aufgebaut hat, zu der auch der kleine Sohn aus seiner Beziehung mit Nadja gehört. Königs Verdacht richtet sich schließlich nicht mehr gegen die juvenilen Schläger, sondern gegen Annie… Zeitgleich geht eine neue harte Droge in Rostock um und hängt Bukows Vater (Klaus Manchen, „Der rote Kakadu“) in diesen Geschäften mit drin, und polizeiintern macht sich Kollege Pöschel (Andreas Guenther, „Anatomie“) Hoffnungen, die Nachfolge der Anti-Drogen-Einheit-Chefin anzutreten. Es ist viel los in Rostock, Dinge sind im Umbruch und die Ermittler(innen) müssen versuchen, dem Stress zu trotzen und den Überblick zu wahren.
„Die Zeit ist zu kostbar, also hör auf zu warten!“
Nach dem missglückten „Söhne Rostocks“ ist der horizontale Handlungsstrang nun so dominant wie nie zuvor im Rostocker „Polizeiruf 110“ – und, um es gleich vorwegzunehmen: Das Regie- und Drehbuchteam aus Moore und Oeller versteht es, beinahe allen anderen TV-Krimireihen, die das mittlerweile zum guten Ton gehörende horizontale Erzählen aufgegriffen haben, zu demonstrieren, wie man es macht, wenn es richtig gut werden soll. Obwohl „Der Tag wird kommen“ knapp an motivischer Überfrachtung vorbeischrammt, wirkt er letztlich doch wie aus einem Guss. Aus Wachs hat man nun einen psychologisch extrem manipulativen Schurken gemacht, dem eine sehr unheimliche Aura anhaftet. In Bender (Björn Meyer, „Sarah Kohr: Das verschwundene Mädchen“), vorgeblich Königs Hausmeister, hat er einen Handlanger gefunden, der Königs Wohnung mit Geheimdienstmethoden überwacht und der durch gezielte unbemerkte Vergiftungen für Königs desolaten Zustand mitverantwortlich ist, bis hin zu einem bösen Ausschlag, an dem sie herumkratzt – beängstigend und fies. Die Kamera visualisiert Königs Medikamentenmissbrauch durch visualisierte Trips mithilfe winziger Action-Cams und überträgt ihren psychischen Zustand damit ins Bild. Der dauergehrende Wachs-Konflikt wächst hier zu Psychoduellen im Gefängnis heran, in die auch Bukow und Wachs‘ Ex-Frau (Florentine Schara, „Tatort: Der scheidende Schupo“) involviert werden.
Ferner greift „Der Tag wird kommen“ das Verhältnis zwischen Bukow und seinem sich eher auf der anderen Seite des Gesetzes bewegenden Vater wieder auf, um sich gleichzeitig von dieser Figur zu verabschieden – und damit auch von Schauspieler Klaus Manchen, der bereits im allerersten „Polizeiruf“ aus dem Jahre 1971 mitgespielt hat. Seine letzten Szenen spielen auf der Halbinsel Wustrow, die erstmals als Krimikulisse dient. Bukow junior hat seinen ersten Auftritt in dieser Episode in einer „Bratort“-Schürze, einer Verballhornung der ARD-Partnerserie. Nach einem Perspektivwechsel zu den jugendlichen Schlägern, die sich als großmäulige Drogenhonks entpuppen, landen diese im von Bukow beeindruckend geführten getrennten Verhör auf der Wache. Das war es dann aber auch beinahe an klassischer Polizeiarbeit, zumindest, was Bukow und König betrifft. Letztere erfährt vom Broken-Heart-Syndrom der toten Athletin, was die Handlung um eine weitere tragische Note emotionalisierend ergänzt. Tatsächlich gelingt es Moore und seinem Team, dem empathiefähigen Teil des Publikums quasi alle verhandelten Fälle und Schicksale auf unterschiedliche Weise emotional nahezubringen. Dies gilt auch für die Beziehung zwischen Bukow und König, einmal mehr schauspielerisch brillant verkörpert von Hübner und Sarnau, einem wahren Dreamteam.
Wenn sich am Ende die Ereignisse überschlagen, weiß man, dass zukünftig vieles nicht mehr so sein wird, wie es einmal war. „Der Tag wird kommen“ bringt drastische Einschnitte ins horizontale Narrativ der Rostock-Reihe mit sich. In seinem Mix aus Krimi, Psycho-Thriller und Drama ist dieser „Polizeiruf 110“ mehr (gelungene) Genre-Kost denn Abbildung realistischer Polizeiarbeit – auf einem Niveau, das diesem Konzept recht gibt.