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Wenn sich sogar ein relativ neutrales Nachrichtenportal mit einem Streifen kritisch auseinandersetzt, der bei einem Streaming-Dienst relativ häufig angeklickt wird, kann auch das negative Werbung sein. Die polnische Antwort auf Fuffzig Shades of Grey präsentiert äußerst fragwürdige sexuelle Gesellschaftsbilder, bei der gleich vier Drehbuchschreiber auf nahezu ganzer Linie versagen.

Die polnische Geschäftsfrau Laura (Anna Maria Sieklucka) verbringt einige Urlaubstage in Sizilien, als sie von dem jungen Mafiaboss Massimo (Michele Morrone) gekidnappt und auf sein prunkvolles Anwesen verschleppt wird. Ihr bleiben 365 Tage, sich in ihn zu verlieben, sonst…

Wer braucht schon Christian Grey, wenn Hengst Massimo nur seine Hose öffnen muss, damit jede Stewardess sogleich auf die Knie geht. In einer Parallelmontage schiebt sich Laura derweil ihren Blinki-Dildo ins Gestüt, weil ihr Freund auf dem Egotrip weilt, - beste Voraussetzungen also fürs Stockholm-Syndrom, zumal der goldene Käfig von Massimo für alles einen Bediensteten bereithält und Shoppen in Luxus-Galerien inbegriffen ist.
Ach so. Grund für die Entführung: Massimos Vater wurde erschossen, er selbst fast. Als Scheintoter sah er kurz das Gesicht von Laura, die er zuvor natürlich noch nie sah. Wie klein die Welt doch ist.

Zugegeben, in Berlin-Mahrzahn hätte die Handlung in dieser Form nur bedingt funktioniert. Hier ein wenig Prunk, eine Yacht, ein Nobelclub und dazwischen vermeintliches Knistern, weil Laura zunächst versucht, mit den Waffen einer Frau die Machtverhältnisse ein wenig auszugleichen. Zwar kommt es zu keiner Vergewaltigung, aber ein „Ich habe jederzeit uneingeschränkten Zugriff auf deinen Körper“ lässt Menschen allgemein auch nicht ruhig schlafen.

Ein wenig oetkern muss im Verlauf dennoch sein, sonst käme die vermeintliche erotische Komponente zu kurz. Explizit ist nichts, allerdings wird dreimal ein Blowjob angedeutet. Einmal sieht man ganz kurz ein hautfarbenes Plastikimitat, wohl zur räumlichen und rhythmischen Orientierung der Bläserin. Manche Zungen behaupten natürlich, dass diverse Sexstellungen auf einer Yacht recht realistisch aussähen, - sofern man dies aus einer gefilmten Distanz von rund 50 Metern aus der Luft tatsächlich noch ausmachen kann.

Darstellerisch ergänzen sich die beiden recht gut, denn allzu viel Ausdruck ist da nicht auszumachen. Sieklucka erinnert über weite Strecken an eine Billigvariante von Lena Meyer-Landrut, während ihr männliches Pendant den typischen Italiener verkörpert, nur in Groß.
Viel Talent ist allerdings auch nicht gefordert, wenn nach einem unfreiwilligen Bad Sätze wie „Du bist nass!!!“ fallen. Schlimm ist noch die musikalische Untermalung mit drittklassigen Popsongs, die phasenweise pausenlos im Hintergrund dudeln.

Das dramaturgisch unausgereifte Werk voller (psychologischer) Logiklücken, reflektiert erst gar nicht das Problem sexueller Unterdrückung, was falsche Signale an labile Seelen senden könnte. Ansonsten mangelt es an (erotischer) Spannung, nur optisch geht das harmlos inszenierte Softsexdramas noch halbwegs in Ordnung. Am Ende weiß man noch nicht einmal, wie viele Tage vom titelgebendem Jahr überhaupt vergangen sind, - 114 Minuten Laufzeit erscheinen zumindest nicht gerade kurz.
3 von 10

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