Amicus meus, inimicus inimici mei (Mein Freund, der Feind meines Feindes)
Quo vadis, Godzilla, quo vadis, King Kong, quo vadis, Humanitas. Viel Glück dem, der ein möglichst ertragreiches Universum um die mächtigsten Giganten der Filmgeschichte plant und dabei Kontinuität bewahren möchte. Über kurz oder lang wird er dabei auf ähnliche Probleme stoßen wie der Homo Sapiens in den letzten Zügen seiner Existenz: Es gehen ihm in rapider Geschwindigkeit die Ressourcen aus. Wie vielen Monster Brawls mögen amerikanische und asiatische Großstädte wohl standhalten können, bevor sich Riesenaffe Kong und Reptil Godzilla schließlich mutterseelenallein auf einem Trümmerberg gegenüberstehen und kein Mensch mehr da ist, der das Spektakel vom Sessel aus mit Popcorn im Schoß honorieren kann?
Aus dieser Warte betrachtet wird der interkontinentale Masterplan von Legendary Pictures mit den Vertriebspartnern Warner und Toho von einem tiefen Zwiespalt geschüttelt. Und der hat sehr viel mehr mit der bitteren globalen Realität zu tun, als man bei einem phantastischen Genre wie dem Monsterfilm meinen könnte. Gesetzt den Fall, dass fehlendes Zuschauerinteresse oder die Folgen von Corona die Reihe nicht sowieso früher beenden als von den Produzenten gewünscht, so wird sich ihr zentrales Dilemma mit jeder weiteren Fortsetzung verschärfen: Wie steigert man den Bestand an Riesen-Attraktionen, wie sorgt man also für die notwendige Expansion, ohne das kleine blaue Kügelchen unter den haarigen Pranken und schuppigen Stampfern im Nullkommanichts wie einen Haferkeks zu zerbröseln?
Wenn wir uns sogar außerhalb des Films Gedanken über die Besiedlung fremder Planeten machen, um einem Untergang unseres eigenen Planeten zu entgehen, kann man einem Monsterfilm schwerlich vorwerfen, dass er ähnliche Fluchtwege aus der Realität zu finden versucht. Dabei ist es schon nachvollziehbar, wenn man die abstruse Entwicklung der Franchise, die 2014 noch recht nüchtern eingeleitet wurde, mit Befremden verfolgt. Die Versuche der vom Realismus der Nolan-Blockbuster beeinflussten Initialzündung „Godzilla“, biologische Unmöglichkeiten wie einen Koloss von mehr als 100 Metern Höhe nahtlos in die uns bekannte Wirklichkeit einzugliedern, wurden spätestens mit „Godzilla II: King of the Monsters“ eingestellt, der sich in Tradition seiner japanischen Gummi-Vorfahren stellte. Schurken-Fantasien aus Larger-Than-Life-Groschenheften traten in Vera Farmigas Bond-Villain-Ansprachen bereits an die Stelle eines vorstellbaren Katastrophenszenarios, das seine Vorbilder noch in wahren Begebenheiten suchte und sich als Verweis auf jene verstand. Oberflächlich betrachtet wurde es also mit Godzilla Nr. 2 comicartiger, dümmer und hanebüchener. Dabei reagierte man lediglich auf die Einführung der neuen Monster: Denn wollte man das Universum tatsächlich ausbauen, musste man irgendwann Fan-Lieblinge wie King Ghidorah ins Spiel bringen. Und wenn man das tut, kann man unmöglich auf dem Pfad des Realismus bleiben.
Wie die Saat, so die Ernte. Nun ist „Godzilla vs. Kong“ also endlich da, in Marvelismen gesprochen: Das Ende von Phase I. Es ist das lang herbeigesehnte erste Aufeinandertreffen der beiden größten Filmmonster aller Zeiten seit, nun, immerhin fast sechzig Jahren. Ein Versus-Duell, das für sich betrachtet schon jeder Wahrscheinlichkeit spottet und noch vor sieben Jahren, als Godzilla erstmals wieder aus dem Winterschlaf erwachte, völlig undenkbar war. Die Drehbuchautoren mussten den Riesenaffen aus „Skull Island“ ja sogar noch einmal gut siebzig Meter wachsen lassen, um das Duell einigermaßen fair zu gestalten; Peter Jacksons Version von 2005 würde nun glatt in die Faust der 2021er Version passen. Auf den Filmplakaten wird es sogar noch abenteuerlicher, denn da reichen die größten Wolkenkratzer von Hongkong den Ungeheuern gerade noch bis zur Hüfte.
Der Aufhänger jedenfalls, Godzilla gegen King Kong, ist vielleicht der eindeutigste Nachweis für die Existenz des eingangs genannten Dilemmas. Er drückt einen äußerst simplen Wunsch des Publikums aus: Zwei Ikonen, die binnen Jahrzehnten beinharte Fanscharen hinter sich versammelt haben, sollen sich gefälligst ordentlich gegenseitig die Kauleiste polieren. Wie im Sport, wie in der Wirtschaft, wie eigentlich überall auf der Welt geht um die Frage: Wer ist der wahre König? Schön und gut, nur, wie bleibt man bei derart frommen Wünschen der Fans als Filmemacher diplomatisch genug, um alle Seiten zu bedienen?
Ganz einfach: Man wirft einen noch größeren Fisch in den Teich, der eine so große Bedrohung darstellt, dass man seine Meinungsverschiedenheiten beiseite legt, um mit gemeinsamer Kraft den gemeinsamen Gegner zu bezwingen. Dieses Konzept ist momentan nicht nur dank diverser Comicverfilmungen (u.a. „Batman v Superman: Dawn of Justice“) en vogue, es wurde auch bereits in unzähligen japanischen Godzilla-Streifen erprobt und ist demnach mehr als ein einfacher Kinotrend. So ist „Godzilla vs. Kong“ ein weiterer Schritt Richtung Toho-Rezeptur und eine weitere Verbeugung vor dem Suitmation-Trash, den man in den USA zwar stets mit Freuden konsumierte, dem nachzueifern aber nie zur Debatte stand. Fest steht, spätestens jetzt ist die Box der Pandora geöffnet und kann theoretisch alle möglichen Verrücktheiten zu Tage bringen, für die in den letzten 60 Jahren in Japan Kostüme angefertigt wurden. Für den Moment kehrt ein alter Bekannter zurück, dessen Auftritt als Nemesis nun nicht allzu überraschend kommt. Die Rolle füllt er aber mit Feuereifer aus. Um dafür zu sorgen, dass sich Godzilla und Kong in einem zugegeben vorhersehbaren Verlauf zusammenraufen, ist er jedenfalls wohl die Idealbesetzung, auch wenn man ihn gerne noch eine Spur dämonischer hätte inszenieren dürfen.
Im Kern dreht sich aber alles um die Herrschaften aus dem Filmtitel. Die Face-to-Face-Begegnungen der Kontrahenten fühlen sich irreal an, wie tonnenschwere Sinnbilder unserer eigenen Urinstinkte, die nur dummerweise wie eine Abrissbirne alles dem Erdboden gleichmachen, was der der „vernünftige Mensch“ sich in seinen helleren Momenten aufgebaut hat. Das Hadern des Menschen mit seiner monströsen Seite wird in diesen Begegnungen aufs Ursprünglichste reduziert. Die Animatoren haben selbstverständlich längst alle Mittel in der Hand, um Kongs Antlitz zu einem Spiegelbild menschlicher Emotionen zu formen. Obwohl die in einen Nebenstrang geschriebene Kommunikation zwischen dem Riesen und einem taubstummen Mädchen (Kaylee Hottle) per Gebärdensprache durchaus gefühlvoll geschrieben ist, ist sie gar nicht notwendig, um das Publikum beim Anblick des von Narben und Falten überzogenen Gesichts über sich selbst reflektieren zu lassen. In das direkte Duell geht er stets mit Stolz und unbändigem Willen, in seinem Ausdruck spiegeln sich Wut und Aggression, aber bisweilen auch Schmerz, Unsicherheit und Erschöpfung. Da fällt die Identifikation nicht schwer, was die Entscheidung nur logisch erscheinen lässt, ihn zum Protagonisten zu erklären. Das ergibt sich schon aus der Historie der Filmmonster, ungeachtet der Tatsache, dass ein paar japanische Jungs Godzilla am Strand gerne mal hinterhergewunken haben, als er nach getaner Arbeit langsam wieder ins Meer stapfte, die Rückenflossen rot leuchtend von der untergehenden Abendsonne.
Godzilla-Fans müssen sich also wohl oder übel damit abfinden, dass ihr Favorit – zumindest in der ersten Filmhälfte – die Rolle des bösartigen, mitunter auch leicht überheblichen Antagonisten einnimmt. Wenn Regisseur Adam Wingard den Bildschirm mit einer Frontalen von Godzillas Gesicht in Nahaufnahme einfängt, dann sieht man darin nichts Menschliches, sondern etwas Uraltes und Unzerstörbares. Das Re-Design wurde bereits unter Edwards 2014 vorgenommen und später allenfalls kosmetisch minimal verändert, es spielt aber immer noch seine bewährten Qualitäten aus: Die winzigen Augen bis zur Unkenntlichkeit in dem Geröll aus Schuppen verborgen, ist es eine Maske aus Stein, die sich dem Affen gegenüber als Zerrspiegel aufbäumt. Hier und da meint man ein teuflisches Grinsen aus spitzen Zähnen darin aufblitzen zu sehen, sofern es nicht die Fantasie ist, die mit dem Betrachter durchgeht. Die Close-Ups der Gesichter jedenfalls, manchmal seitlich in einem Shot gegenübergestellt, manchmal per Schnitt/Gegenschnitt miteinander verknüpft, sind für Wingard Ausgangspunkt dessen, was sich anschließend an Kinetik auf der Leinwand entladen wird. Und da wird keine Rücksicht genommen auf Kollateralschäden. Kein strategisches Herumtänzeln, kein Lustverzögern – in unter zwei Stunden hat der Regisseur keine Zeit zu verlieren und lässt den Tanz der Ungetüme praktisch die gesamte Laufzeit bestimmen. Es ist nicht der Weg zur Eskalation, den er inszeniert, sondern die Eskalation selbst, verteilt auf mehrere Versus-Duelle, mal länger, mal kürzer, so wie sie seit „Godzillas Rückkehr“ einfach zur DNA eines jeden guten Kaiju Eiga gehören. Das Spielfeld wird auseinandergenommen, als hätten die Drehbuchautoren noch eine zweite Erde in der Schublade, auf die man notfalls ausweichen könnte. In einer Sequenz bohrt Godzilla seinen Atomstrahl sogar vertikal in die Erde anstatt in den Himmel, was zugleich auch noch eine ironische Abkehr von dem universalen Schlüsselbild darstellt, nach dem sich in Phantastischen Filmen stets irgendwo am Horizont ein Energiestrahl gen Himmel richtet. Das war schon in „Ghostbusters“ so, das war auch in „Godzilla II: King of the Monsters“ so, doch diesmal weist der Richtungspfeil zu den Ursprüngen der Monster, und der liegt nicht etwa im Weltall, sondern im Erdreich.
Bei derartiger Prioritätensetzung versteht es sich von selbst, dass der Pfad der Realität von den Drehbuchautoren nur zu gerne verlassen wird. Sie lassen sich von Elementen der Science Fiction und der Fantasy so weit hinaus ins Blaue entführen, dass die gezeigten Welten und Artefakte von Zeit und Ort unserer Gegenwart fast völlig entkoppelt scheinen. Das beginnt bereits in dem Prolog, der Kong in seinem vermeintlich vertrautem Dschungel-Habitat zu den beruhigenden Klängen von Bobby Vintons „Over the Mountain, Across the Sea“ den Alltag bestreiten lässt, bevor ein mit Hochdruck geworfener Baumstamm die Illusion zerstört. Kong als Hauptdarsteller seiner eigenen Truman Show in einem Film, der sein Bewusstsein für die eigene Künstlichkeit früh signalisiert. Da fühlt man sich nicht umsonst auch ein wenig an die neue „Jurassic World“-Trilogie erinnert, die ebenso darauf abzielte, Relikte der alten Welt in eine artifizielle Umgebung zu verpflanzen.
Bestehen bleibt die Künstlichkeit als Stilmittel auch für den zentralen Kampf mitten in den blinkenden Hochhausschluchten von Hongkong. Die Neon-Beleuchtung taucht Fell, Panzer und Zähne in ein unwirkliches Licht, das im radikalen Kontrast zu den schmutzigen Sepiatönen von „Godzilla“ und den satten Grünflächen von „Skull Island“ steht. Der Realismus geht vor den tonnenschweren Leuchtreklametafeln umgehend in die Knie, als neuer Vergleichswert qualifiziert sich nun Guillermo del Toros „Pacific Rim“. Die atomare Entladung Godzillas schmiegt sich so harmonisch in das artifizielle Stadtbild, dass man meinen könnte, es sei Teil einer virtuellen Lichtshow, mit dem einen Unterschied, dass sich Schweinwerfer nicht wie Butter durch Beton schmelzen. Doch eigentlich ist es trotz der grellen Farben und glatten Flächen Kong, der in diesem Kampf Heimrecht einfordert, nutzt er die Gebäude doch wie Bäume im Urwald, um sich durch das Areal zu bewegen. Dazu erklingen blubbernde Elektroklänge von Junkie XL, die im Verbund mit den kühlen Bildern eine Stimmung nahe „Tron: Legacy“ erzeugen. Hongkongs Bewohner und Touristen sind übrigens auf dem Schlachtfeld nicht weiter von Belang; kaum einer von ihnen ist im Bild zu sehen. Vielmehr gleitet die Kamera wie eine verirrte Drohne durch die zerfallenden Schluchten und offenbart kaum Zeichen von Leben. Abgebildet wird letztlich eine Landschaft wie aus einem Flipperautomaten, die fast so leer wirkt wie das Tokio in der letzten Viertelstunde von Gaspar Noés Experimentalfilm „Enter The Void“.
Überhaupt spielen Schauspieler, sprich Menschen, kaum mehr eine Rolle. Bekannte Gesichter wie Alexander Skarsgård, Rebecca Hall oder die aus dem Vorgänger bekannte Millie Bobby Brown (so sehr in die Höhe geschossen, dass man sich um die vierte Staffel von „Stranger Things“ sorgt) wurden engagiert, um kommerzielle Mindestanforderungen zu erfüllen, sie nehmen aber praktisch keinen Einfluss auf das Geschehen und bestimmen auch nicht mehr zwingend den Blickwinkel der Narration, so wie es in den überlangen „Transformers“-Verfilmungen von Michael Bay durch Shia LaBeouf und Mark Wahlberg noch der Fall war. Sie sind einfach da und werden Zeuge dessen, was da im Neonlicht geschieht. Um die Figuren „böse“ oder „gut“ wirken zu lassen und die erstere Gruppe kurz und schmerzlos ihrer Bestimmung zuzuführen, reicht es gerade noch aus, mehr darf man sich von der Präsentation der Darsteller aber nicht erwarten.
Es ist also ein durch und durch synthetischer, anorganischer Film, doch die eigentliche Künstlichkeit spielt sich im Produktionsdesign ab. Wird zunächst mit den Flugzeugträgern noch ein weitgehend realistisches Setting mit militärischem Bezug geboten, das lediglich durch die schlecht animierten Wassermassen aus dem Rechner artifiziell wirkt, so lehnt man sich bald darauf ziemlich weit aus dem Fenster. Da werden dann nicht nur futuristische Fluggeräte aufgefahren, die aus dem Fuhrpark der Justice League zu stammen scheinen, sondern per Antigravitation außerdem Welten erkundet, wie sie bis dato höchstens aus alten amerikanischen Fantasy-Abenteuerfilmen der Marke „Caprona“ oder „Der sechste Kontinent“ bekannt waren. Die bei diesen Trips in die Schwerelosigkeit entstehenden Einschläge der Erkenntnis à la Kubrick in den leuchtenden Augen Kongs mal beiseite geschoben, sind das sicherlich nicht zwangsläufig die Szenarien, die man von einem bodenständigen Monsterfilm erwarten würde. Aber wer sagt denn auch, dass Monsterfilme bodenständig sein müssen?
„Godzilla vs. Kong“ dürfte vor allem jene verärgern, die die Abkehr vom (halbwegs) realistischen Ansatz der beiden Einführungsfilme der Monster mit Bedauern zur Kenntnis nehmen. Das Produktionsdesign nimmt stellenweise den Hut und schwebt in tiefste Fantasy-Gefilde. Hier wird nicht mehr länger Phantastisches in unsere Welt gebracht wie einst noch im originalen „King Kong“ von Cooper und Schoedsack; das genaue Gegenteil ist der Fall. Konsequenter noch als „Godzilla II: King of the Monsters“ beschränkt sich Adam Wingard dabei auf das Wesentliche und zeigt in knappen 105 Minuten Nettospielzeit einfach nur, wie sich zwei Monster auf die Kimme geben. Nicht immer mit der ganz heftigen Wucht der besten Momente von Ghidorah und Rodan im Vorgänger, auch nicht mit der harmonischen Mischung, die „Skull Island“ auf allen Ebenen bot, der weiterhin der wohl beste Film der Franchise bleibt. Die durchaus namhaften Darsteller sind nichts als Garnitur am Rand, allenfalls wuseln sie aufgeregt umher wie kleine Schiedsrichter im Straßenkampf, auf die niemand hört. Hier wird wirklich Trash mit Millionenbudget gelebt, ohne jede Angst davor, absoluten Blödsinn abzuliefern. Es geht eben um Massen, die mit Massen kollidieren, und um den Existenzialismus, der sich in den Fenstern zur Seele der Monster spiegelt. Für dieses Ziel wird alles andere geopfert. Aber ist es nicht letztlich genau das, was man sich von einem solchen Film erhofft?