Zu Beginn der 2010er war „The Raid“ zu einem Phänomen geworden, das Indonesien quasi im Alleingang auf der Action-Landkarte etablierte. Andere asiatische Filmländer wollten nachziehen, wobei „Wira“ in Malaysia nicht nur mit staatlicher Filmförderung gedreht wurde, sondern „The Raid“-Fight-Choreographer und -Schurkendarsteller Yayan Ruhian in genau diesen Funktionen an Bord holte.
Es ist die alte Geschichte eines kampfgestählten Mannes, der in seinen Heimatort zurückkehrt, wo ein gieriger Schurke mit eiserner Hand herrscht. Eine klassische Westernplotte, auch gern im Actionkino verwendet, unter anderem in den Videothekenreißern der 1990er. Der Heimkehrer ist in diesem Fall Hassan (Hairul Azreen), sowohl in Benehmen als auch in Kampfkunst geschliffen durch Jahre des Militärdienstes. Früher war er selbst ein Troublemaker, der für den lokalen Crime-Boss Raja (Dain Said) bei Untergrund-MMA-Matches in den Ring stieg. Noch so ein beliebter Topos, der durch die Schule des Militärs reformierte Kleingangster, auch in gehobenem Kino wie „Blood In Blood Out“ zu sehen, gern aber in Genrereißern.
In Hassans Heimat läuft alles bei Raja zusammen: Ihm gehört die lokale Fabrik, in dem die meisten Bewohner arbeiten, ehe sie in den kargen Wohnblock zurückkehren, der ihnen nach Baumaßnahmen Rajas zugewiesen wurde. Dazu gehört auch Hassans Vater Munas (Hilal Azman), während sich Raja in gewohnt dekadenter B-Schurken-Tradition weiter an den Underground-Fights erfreut. An diesen nimmt auch Hassans Schwester Zain (Fify Azmi) teil, verliert das Match gegen Rajas Tochter Vee (Ismi Melinda) aber aufgrund schmutziger Tricks und steht damit bei dem Oberbösewicht in der Kreide. Im Western wäre Raja vermutlich ein Viehbaron, hier ein unantastbarer Industrieller und Gangster, dem die lokale Polizei gern beikommen würde, allerdings machtlos ist.
Hassan will mit Vater und Schwester wegziehen, ein neues Leben beginnen, vorher aber Zains Schuld begleichen. Trotz ihrer früheren Verbindung ist Raja unkooperativ, will Hassan zur Rückkehr in den Ring zwingen. Als der Ex-Soldat dies nach ersten Weigerungen tut, kommt es zu einem Fight mit fatalen Konsequenzen…
„Wira“ erinnert in Sachen Plot zwar an die Videothekenklopper der Nineties, bringt seine Geschichte allerdings nicht wie diese in rund 90 Minuten über die Bühne, sondern in 108. Dabei hätte dem Ganzen eine kürzere Laufzeit gut zu Gesicht gestanden, denn manche Subplots haben absolut keinen Wert. Weder die vergangene Vertreibung der Familie durch die Baumaßnahmen noch Munras‘ Beweissammlung gegen Raja bei der Arbeit tragen etwas zum Film bei und werden irgendwann fallen gelassen. Es ist einfach unnötiger Ballast und für echte Charakterzeichnung hakt der Film seine generischen Plot Points dann einfach zu brav und leblos ab. Sogar die Tatsache, dass Raja in seiner Kondomfabrik eigentlich Drogen herstellt, mag zwar eine wohlige Reminiszenz an Mid-Budget-Actionfilme der 1990er wie „Rapid Fire – Unbewaffnet und extrem gefährlich“ oder „Showdown in Little Tokyo“ sein, wird aber auch eher nebenbei abgehandelt, sodass sie fast unnötig erscheint.
Dass Raja ständig zwischen Englisch und Malaysisch hin und her wechselt, ist im asiatischen Actionfilm wohl das schurkische Markenzeichen für Verwestlichung und Korruption, allerdings nicht ganz so penetrant wie in manchem chinesischen Film. Dain Said ist als Schurke ganz okay, Hairul Azreen und Fify Azmi empfehlen sich nichts als große Charakterdarsteller, können aber immerhin ordentlich draufhauen. Das kann natürlich auch Yayan Ruhian, der als Rajas Sicherheitschef Ifrit von Anfang als Endgegner feststeht, diese Rolle aber auch mit einem Charisma ausfüllt, das ihn schnell als besten Darsteller im Cast dastehen lässt. Als Fight Choreographer ist sowieso mit der wichtigste Mann im Team hier.
Gemeinsam mit Regisseur Adrian Teh sorgt er dann für die Set Pieces des Films, die aber eine ganze Weile auf sich warten lassen. Es beginnt immerhin mit dem ersten Match zwischen Zain und Vee, danach ist aber bis zur Halbzeitmarke beinahe Sendepause. Es wird viel Zeit für die Erklärung des Simpelplots aufgebracht, das Drehbuch versucht sich an Charakterzeichnung und scheitert. Die Geschichte eines früheren Kumpels Hassans, jetzt ein Raja-Handlanger, der irgendwann zur Besinnung kommt, funktioniert ironischerweise noch mit am besten, besser als das schwierige Familienverhältnis der Hauptfiguren. Hassan wird als Mann gezeichnet, der einfach nur in Frieden leben möchte, weshalb er bei der ersten Auseinandersetzung mit den Schurken meist einfach nur ausweicht und diese ins Leere laufen oder fallen lässt. Eine nette choreographische Idee, sauber umgesetzt, aber auch noch etwas schwach auf der Brust – aber immerhin die Chance für die Action sich weiter zu steigern.
So gibt es zur Filmmitte ein gemischtes Doppel beim Cagefight, später eine Konfrontation in einem Bus auf engem Raum, einen Überfall auf den Wohnblock mit entsprechender Gegenwehr und das obligatorische Finale, in dem Hassan und Zain in der Schurkenfabrik aufräumen und dabei natürlich gegen Ifrit bestehen müssen. Die Schnittfrequenz in den Fights ist niedrig, die Kamera auf Übersicht bedacht, damit man die Martial-Arts-Fähigkeiten der Beteiligten gebührend bestaunen kann, gerne auch mal in langen Einstellungen. Gekämpft wird manchmal waffenlos, manchmal mit Hieb- und Stichutensilien, einer gegen einen, zwei gegen zwei, allein oder zu zweit gegen ganze Gegnerhorden. In Sachen Inszenierung sticht vor allem der Busfight hinaus, in dem die Kamera dynamisch zwischen den Kämpfenden und um den Bus herumwirbelt. In Sachen Choreographie, Härte und Ausdauer punktet der Finalkampf, der ein würdiger Abschluss der ganzen Sache ist.
So kommt „Wira“ etwas schwer in Schwung, bietet einen simplen Plot und versucht sich an Charakterzeichnung, die aber aufgrund des Scripts und der Darstellerleistungen nur so semi funktioniert. Aber in der zweiten Filmhälfte wird die Actiondichte immer höher, die gebotenen Fights immer besser, sodass man die sichere Hand von Yayan Ruhian als Choreographer merkt. Malaysias „The Raid“ ist dabei vielleicht nicht herumgekommen, aber ein ordentlicher Martial-Arts-Reißer ohne allzu hohes Budget oder allzu hohe Ansprüche.