Lino (Alban Lenoir) ist ein richtiger Auto-Nerd: Der Mechaniker tunt nicht nur Strassenfahrzeuge (vorzugsweise der Marke Renault) sondern schweißt auch eigenhändig Verstärkungs-streben und -Bleche ein, sodaß die Wagen als Rammfahrzeuge (von Kriminellen) benutzt werden können. Gerade hat er wieder einen solchen Wagen mit Lamborghini-Mittelmotor ausgestattet, da holt er sich seinen jüngeren Bruder Quentin an Bord, um mit Vollgas in einen (nächtlich leeren) Laden zu rasen. Die Durchschlagswirkung seines neuesten Umbaus ist verblüffend: Der Wagen durchbricht mehrere Mauern und kommt auf der Rückseite des Hauses wieder auf die Strasse. Dumm nur, daß Lino - im Gegensatz zu Quentin - nicht aus den Gurten kommt und eingebuchtet wird. Doch lange wird er nicht im Knast bleiben, denn schon bald erhält er Besuch von Charas (Ramzy Bedia), dem Chef einer Sondereinheit der französischen Polizei. Dessen kleine Truppe macht Jagd auf motorisierte Drogendealer, ist deren speziell ausgerüsteten Fahrzeugen bei diversen Autobahnduellen aber bisher hoffnungslos unterlegen gewesen. Charas erkennt sofort das Potential Linos und bietet ihm einen Deal: Er tunt ab sofort französische Polizeiwagen und darf dafür als Freigänger mit elektronischer Fußfessel draußen arbeiten. Der Deal funktioniert, Lino liefert gute Arbeit und die kleine Truppe kann erste Erfolge gegen die Dealer verbuchen. Charas erwirkt für Lino sogar eine vorzeitige Haftentlassung, nur sein bester Teamster Areski (Nicolas Duvauchelle), der gerne die Gruppe leiten würde, bleibt Lino gegenüber reserviert. Als Lino mit Charas eines Tages nach seinem Bruder Quentin schauen will, der als Jung-Mechaniker in einer dubiosen Werkstatt für die Drogendealer arbeitet, spitzen sich die Dinge zu: Der zu Hilfe gerufene Areski und ein weiterer Polizist des Spezialteams erweisen sich als korrupt und erschießen eiskalt ihren Boss Charas - Lino kann gerade noch abhauen. Fortan wird er von allen Seiten gejagt und muß seine Unschuld beweisen, wird ihm doch der Mord an Charas angelastet...
Das Spielfilmdebut von Regisseur Guillaume Pierret ist ein temporeicher Actionfilm, der mit diversen Versatzstücken aus The Fast and The Furious, Ronin oder auch Mad Max vor allem von seinen unverbrauchten, frischen Darstellern lebt: Alban Lenoir, ein kurzhaariger, drahtiger Auto-Freak redet nicht viel, sondern macht einfach, und zwar meistens das Richtige - ein Hauptdarsteller, dem dümmliche Macho-Posen à la Jason Statham fremd sind und mit dem man sich schnell identifizieren kann. Auch sein neuer Chef Charas, ein Kumpeltyp mit nordafrikanischen Wurzeln, der ihm eine zweite Chance gibt, ist auf Anhieb sympathisch und selbst der "Falschspieler" Areski hat ein nicht uninteressantes Persönlichkeitsprofil.
Nun ist die Geschichte eines die Seiten wechselnden Spezialisten oder korrupter Bullen zwar nicht sonderlich innovativ, und Balle perdue enthält neben fehlender tieferer Charakterisierung seiner Darsteller auch diverse Logikfehler, dennoch kann man dem roten Faden der Geschichte um die Flucht von Lino, der mit diversen Aktionen seine Unschuld beweisen will und muß, ganz gut folgen, zumal viele Actionszenen auch mit einem Augenzwinkern wahrgenommen werden sollten - beispielsweise, wenn Charas seinem Schützling eine ganze Halle neuer Renault-Clio-Sportwagen zum "bearbeiten" zeigt oder der zwischenzeitlich geschnappte Mechaniker eine ganze Wachstubenbesatzung vermöbelt und dennoch entkommen kann. Die Auto-Stunt-Szenen, in denen neben den Renaults auch BMW und Mercedes (übrigens ohne erkennbare CGI-Effekte) zum Einsatz kommen, können sich ebenfalls sehen lassen, Höhepunkt ist ein getunter roter Renault mit zwei Stahlhaken, der einem Polizeifahrzeug in voller Fahrt die Hinterachse herausreißt... Ernst nehmen kann man das alles freilich nicht so recht, aber anhand des hohen Erzähltempos und des stets impulsiven Lino findet man auch gar keine Zeit, über manche Ungereimtheiten nachzudenken - dennoch wirkt Balle perdue deutlich realistischer als das soundsovielte FnF-Sequel.
Man merkt der mit vermutlich weniger großem Budget gedrehten Produktion jedoch jederzeit das Herzblut an, mit der hier von allen Beteiligten gearbeitet wurde, und dies läßt einen über einige Kontinuitätsfehler (wie z.B. beim finalen Duell, welches natürlich auf der Autobahn stattfindet und mit verschiedenen Wagen - Stichwort Auspuff - gedreht wurde) gnädig hinwegsehen, denn bei Balle perdue (dessen genaue und inhaltsbezogene Übersetzung eigentlich verlorene Kugel statt verirrte Kugel lauten sollte) steht weniger die kriminelle Rahmenhandlung als vielmehr der Spaß an purer Action an erster Stelle. 8 Punkte.