Als Staatsanwalt Paweł Kopiński (Grzegorz Damięcki) von einem Kommissar zu einer unbekannten Leiche zitiert wird, kann er mit dem Toten, der Unterlagen mit seinem Namen bei sich trug, zunächst nicht viel anfangen. Dann aber vermeint er - anhand einer größeren Narbe an dessen Arm - doch schon einmal Bekanntschaft mit diesem gemacht zu haben: 25 Jahre zuvor gab es in einem Ferienlager im Wald vor den Toren Warschaus eine Tragödie, als 4 Jugendliche plötzlich verschwanden.
Paweł gehörte trotz seines jugendlichen Alters seinerzeit zu den Betreuern des Camps und hatte die Situation unmittelbar miterlebt. Den Toten des Jahres 2019 identifiziert er als Artur Perkowski (Adam Wietrzyński), seinen damals besten Freund, der zu den Verschwundenen gehörte. Auch seine Schwester Kamila war darunter, was Paweł nie mehr aus dem Kopf ging. Die beiden anderen Jugendlichen, Monika und Daniel, wurden kurz nach ihrem Verschwinden 1994 tot aufgefunden, doch von Artur und Kamila fehlte seitdem jede Spur. Mit dem Auffinden von Artur, der ganz offensichtlich noch jahrelang weitergelebt hatte, erhält Pawełs Hoffnung, doch noch das Schicksal seiner Schwester aufklären zu können, neue Nahrung. Vielleicht hatte sie auch überlebt, vielleicht war sie sogar noch am Leben?
Die Polizei läßt Arturs Eltern kommen, doch zu Pawełs großer Enttäuschung wollen diese die unbekannte Leiche nicht als ihren Sohn identifizieren - die Narbe sei am anderen Arm gewesen, behaupten sie. Doch der Staatsanwalt ist sich seiner Sache ganz sicher. Er versucht Kontakt zu früheren Gefährten aufzunehmen und kann immerhin die Professorin Laura Goldsztajn (Agnieszka Grochowska) für seine Nachforschungen gewinnen. Laura war seinerzeit seine große Liebe, allerdings auch die Tochter des Campleiters Dawid Goldsztajn (Jacek Koman), dem im Zuge der Ermittlungen die ganze Schuld an Tod und Verschwinden der Jugendlichen gegeben wurde. Durch die Privatklagen der hinterbliebenen Eltern finanziell ruiniert, mußten die Goldsztajns wegziehen, doch Laura, inzwischen wohlsituiert und verheiratet, hat auch ein Interesse an der Aufklärung der damaligen Geschehnisse...
Das Grab im Wald ist die dritte Netflix-Adaption eines Romans von Harlan Coben und rollt in 6 Teilen zu je etwa 50 Minuten eine Mordserie an und von Jugendlichen im post-kommunistischen Polen auf. Zahlreiche, auf Grund der jugendlichen Darsteller jedoch eindeutig zu identifizierende Rückblenden ergeben langsam, Stück für Stück aus jeweils unterschiedlichen Perspektiven geschildert, ein Gesamtbild dessen, was damals geschah. Das ist durchaus spannend mitzuverfolgen, zumal das von den Regisseuren Leszek Dawid und Bartosz Konopka adaptierte Drehbuch in seinen zahlreichen Wendungen mitunter auch einige falche Fährten legt, kaum Logiklöcher offenbart und die Handlung somit jederzeit glaubwürdig vorantreibt.
Gleichwohl Hauptdarsteller Damięcki, ein drahtiger, grauhaariger Mann Anfang Vierzig, stets in Anzug und Krawatte gekleidet, eher distanziert auftritt und sich als Sympathieträger nicht unbedingt aufdrängt, vermag er mit seinem Kombinationsvermögen und Wissensdrang das Interesse der Zuseher zu wecken. Sein Paweł Kopiński hatte eine schwere Kindheit, nachdem seine Mutter eines Tages (nach den schicksalhaften Ereignissen) weglief und er alleine mit seinem alkoholkranken Vater blieb. Auch seine Frau starb kürzlich an Krebs und so muß er seine kleine Tochter alleine großziehen. Daneben droht dem Staatsanwalt auch noch Ungemach von Seiten eines Boulevard-Journalisten, der mit allen Mitteln eine von Kopiński geführte Anklage gegen zwei der Vergewaltigung beschuldigte Bürschchen zu verhindern sucht - doch den ungleichen Kampf gegen einflußreiche, neureiche Polen nimmt er gerne auf.
Unterstützung erfährt er teilweise durch seine verflossene Jugendliebe Laura, die ihrerseits unter den seinerzeitigen Ereignissen litt, als nämlich ihr Vater als Jude übelst diffamiert wurde und sie fortziehen mußten. Dieser Nebenstrang polnischen Antisemitismus wird in Das Grab im Wald ebenso beleuchtet wie die ruppigen Ermittlungsmethoden der post-kommunistischen Polizei, die unter Ergebniszwang dann einen (tatsächlich an einem Mord) Schuldigen einsperrten. Doch damit waren nur die Akten geschlossen, der Fall jedoch keineswegs gelöst. Dies obliegt nun 25 Jahre später dem stillen Paweł Kopiński, der sich akribisch vortastet - denn mit dem Morden ist auch 2019 noch keineswegs Schluß...
Fazit: Spannender und abwechslungsreicher Thriller, dessen Verlegung der ursprünglich in den USA spielenden Handlung nach Polen als geglückt bezeichnet werden darf und der neben dem üblichen whodunit auch durchwegs interessante, wenngleich auch ambivalente Persönlichkeiten einführt. 7 Punkte.
Wer sich für die Harlan-Coben-Reihe bei Netflix interessiert, dem sei diese Liste mit meinen Rezensionen bisher verfilmter Romane empfohlen:
Ich schweige für dich (2020) 9 Punkte
Das Grab im Wald (2020) 7 Punkte
Kein Friede den Toten (2021) 7 Punkte
Kein Lebenszeichen (2021) 5 Punkte
Wer einmal lügt (2021) 6 Punkte
Sie sehen dich (2022) 4 Punkte