Review

Fürchte die Folklore... und die Frauen!


„Bulbbul“ ist ein indischer Netflixtitel im Genre Horror, den ich eher in Richtung Fantasy, Historie, Mystery und Drama einordnen würde. Eine gegen Ende des 19. Jahrhunderts spielende indische Fabel über die gewaltsame Unterdrückung (und blutige Rache!) der Frauen, über ein weibliches Fantasiewesen mit umgedrehten Füßen und Blutdurst, über einen Mann, der versucht hinter die Wahrheit und das Geheimnis einer Mordserie zu kommen...

Indien hat in Sachen Spannung und Horror durchaus ein paar Asse im Ärmel. „Tumbbad“ zum Beispiel muss quasi auf jede Best Of-Horrorliste der 2010er, „Andhadhun“ ist einer der gewieftesten Thriller der letzten Jahre. Kein Wunder, dass Netflix da nun deutlich mehr investiert und Projekte in Auftrag gibt. „Bulbbul“ hält dieses Niveau und diese geweckten Erwartungen zwar nicht, ist aber dennoch thematisch und audiovisuell interessant genug, um zu fesseln und westlichen Sehern die Augen zu öffnen, teilweise vielleicht sogar überlaufen zu lassen. Voller prächtiger Farben und einem massiven Rotfilter, blutenden Monden und einer verstörenden Vergewaltigung, pulsierender Mandalas und rotierender Rache, voller Gothic-Vibes und spürbarem Zorn der Frauen. Erzählerisch und von den Charakterisierungen her knirscht und kracht es zwar noch etwas im Gebälk, manchmal verlässt man sich auch zu sehr auf seine Message, sein Thema, vergisst die Übersicht und eigentlich Geschichte. Ob die vielen Zeitsprünge wirklich sinnig und notwendig sind, wage ich zu bezweifeln. Der Vorwurf von „Style over Substance“ ist sicher auch nicht weit und an die Art zu schauspielen muss man sich als selten indische Filme sehender Zuschauer auch erstmal gewöhnen. Doch insgesamt ist das eine exotische Brise mit viel lobenswertem Rückenwind, einem frischen Gefühl und klarer Kernaussage, die in die aktuelle Zeit passt und nicht predigend wirkt. Wer jedoch Schocks und Fratzen a la dem Basic-Stoff von Blumhouse sucht, könnte hiermit kaum falscher abgebogen sein. 

Fazit: audiovisuell ein exotisches Erlebnis, ein hypnotisch-hübscher Rausch. Erzählerisch sehr holprig und leider mit wenig handfestem Horror. Dennoch: eine teilweise sehr sehenswerte indische Familien- und Folkloregeschichte mit vielsagenden feministischen Vibes. Zwischen Poe und Bollywood. Gewöhnungsbedürftig, aber nicht ungut. 

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