Moctezumas "Alucarda, la hija de las tinieblas" hat sich längst zu einem kleinen Kultklassiker entwickelt, der zwischen kruder Exploitation und den eigenwilligen künstlerischen Ambitionen eines auteurs des mexikanischen Films insgesamt recht ausgewogen die Waage hält - er dürfte sich mittlerweile gar zum Hauptwerk Moctezumas gemausert haben, noch vor seinem kleinen Achtungserfolg "La Mansión de la locura" (1972).
Der ganz eigene Mix aus Exploitation und ästhetischem Konzept, der die Einzigartigkeit von "Alucarda, la hija de las tinieblas" ausmacht, welcher etliche Liebhaber verfallen sind, wurzelt in zwei doch recht unterschiedlichen Vorlieben Moctezumas. Die interessantere davon dürfte zweifelsfrei sein Engagement für das Theater sein, das sich hier im Filmgeschäft fortsetzt: Moctezuma gehörte zusammen mit der Mitternachtskino-Ikone Alejandro Jodorowsky (Regisseur, Happening-Künstler, Comiczeichner und Schriftsteller) und dem großen Film-Surrealisten und Schriftsteller Fernando Arrabal, sowie dem Autor und Zeichner Roland Topor zur Panik Gruppe, zum "Mouvement Panique", entstanden in den frühen 60er Jahren. Gemeinsam erschuf man ein Theater, das so brutal wie lustvoll war, grotesk und exzessiv, ekstatisch, enthemmt, vital und provozierend - der Name war Programm, der Gott Pan stand quasi Pate und mit ihm Tanz und Wollust, aber auch Antonin Artaud mit seinem "Theater der Grausamkeit" war ein fruchtbares Vorbild.
Den Dialog zurückfahren und die Körperlichkeit überbetonen - das war das Prinzip von Jodorowsky, Arrabal, Topor und Moctezuma, das Jodorowsky und Arrabal mit ihren frühen Filmen in variierter Form weiterverfolgten: "Fando y Lis" (1968) - basierend auf einem Stück Arrabals - stärker noch "El Topo" (1970) und "Subida al Monte Carmelo" (1973) von Jodorowsky, und "Viva la Muerte" (1970) und "J'irai comme un cheval fou" (1973) von Arrabal trieben die Filme nicht zuletzt über unmittelbare Schocks und visuelle Reize voran, um eine heilsame Wirkung anzustreben: reale Tiertötungen, Mord und Sex, Defäkation, Gewalt, Blut, menschliche Körper in den Extremzuständen von Leid und Lust und Tod treten mal mehr, mal weniger stark hervor, und tragen zur Aussage des Films anders, aber nicht weniger bei als die Dialoge.
Moctezuma, der bereits als Produzent von "Fando y Lis" und "El Topo" in Erscheinung getreten war, machte es seinen Wegbegleitern nach und nahm 1972 erstmals selbst auf dem Regiestuhl Platz: "La Mansión de la locura" war sein Debutfilm, basierend auf E. A. Poes Erzählung "The System of Dr. Tarr and Prof. Fether" (1845). Wie in der Vorlage gelangt der Protagonist [Achtung: Spoiler!] in eine Irrenanstalt, die schon längst von den einstigen Insassen übernommen worden ist, welche nun die Anstalt leiten - dass mit den sonderbaren Pflegern und Ärzten etwas nicht stimmt, wird zur schleichenden Erkenntnis die in der ebenso grotesken wie beunruhigenden Auflösung mündet. Abgesehen von der hier und da recht interessanten, phantasievollen Ausstattung und dem auffälligen Farbeinsatz, bleibt Moctezumas Erstling lange Zeit noch recht konventionell, ist eher typischer Gothic Horror und weniger Film gewordenes "Mouvement Panique" - das ändert sich allerdings zum Ende hin, indem sich Massen von Leibern in ekstatischer Verzückung winden, indem sich die Darsteller durch die Tonspur kreischen und schreien, indem gehüpft, geschunkelt, getanzt und gerauft wird: hier wird der Film zum Spektakel, hier wurzelt er in Moctezumas Theatererfahrungen.
"Alucarda, la hija de las tinieblas" wird das Verhältnis von Gothic Horror - der zweite große Einfluss bei Moctezuma - und "Mouvement Panique" etwas stimmiger miteinander verweben. Erneut liegt eine literarische Vorlage zugrunde, erneut von einem großen Autor des Phantastischen: "Carmilla" (1872), J. S. LeFanus lesbische Vampirin, gab die Schablone ab - wie schon bei Dreyers "Vampyr" (1932), Vadims "Et mourir de plaisir" (1960) und der Karnstein-Trilogie der Hammer-Studios. Geblieben sind [Achtung: Spoiler!] nur grobe Bruchstücke der Handlung:
Alucarda (quasi die weibliche Variante des Dracula-Anagramms Alucard, die als eigenes Anagramm zugleich auf eine unheilige Herkunft der Figur verweist: "a Dracula") wird gleich nach ihrer Geburt von der Mutter (Tina Romero, die auch Alucarda spielt) fortgegeben, um vor IHM geschützt zu werden - ER, offenbar der Leibhaftige, meldet sich gleich darauf als düsteres Raunen zu Wort.
Es folgt der Vorspann, dann setzt die Handlung Jahre später wieder ein: Justine kommt als Waise ins Kloster, wo sie Alucarda kennenlernt, welche dort aufgewachsen ist. Es entsteht eine Freundschaft zwischen den beiden, durchzogen von dezent lesbischer Zuneigung füreinander. Beim Herumtollen im Wald stoßen beide auf einen buckligen Sonderling (Claudio Brook, der äußerst wandlungsreich auch den ganz anders konzipierten Dr. Oszek gibt), der ein mehrsprachiges Kauderwelsch spricht und beide in die schwarze Magie einführen und sie dazu bringen wird, sich dem Leibhaftigen zu verschreiben - begünstigt dadurch, dass Alucarda ohnehin besessen zu sein scheint, seit sie unwissentlich den Sarg ihrer Mutter - "Lucy Westenra" steht auf den Sarg geschrieben - geöffnet hat. (Es ist wohl kein Zufall, dass der Bucklige mit seinem Fellumhang, dem Ziegenbart und seiner auffälligen, krummen Beinhaltung an Pan erinnert.)
Das bleibt nicht ohne folgen: während des Klosterunterrichts versteigen sich die beiden Mädchen in Blasphemien und Satansanrufungen, die Nonnen schlagen Alarm, ein Exorzismus wird in die Wege geleitet, der mit den peinlichen Verhörmethoden des Hexenjäger- und "Nunploitation"-Genres einhergeht. Justine überlebt die Marter nicht, was den zu spät hinzukommenden Dr. Oszek dazu verleitet, diese Barbarei abzubrechen. Er bringt Alucarda bei sich und seiner Tochter Daniela unter, wird aber kurz darauf Zeuge, dass der Exorzismus nicht grundlos war - jetzt beginnt das tosende Finale des Films, in dem Justine splitternackt aus einem blutgefüllten Sarg entsteigt, einer der Schwestern in den Hals beißt und kurz darauf unter Weihwassereinsatz verdampft, woraufhin Alucarda Rache übt, die Gemäuer zum Einsturz bringt, die Nonnen und gar den Heiland am Holzkreuz in Flammen aufgehen lässt und Heulen und Wehklagen auslöst, ehe sie beim Anblick der toten und in gekreuzigter Haltung von anderen Nonnen herbeigetragenen Schwester Angelica, die zuvor noch um Justines Seelenheil gerungen hat, raucht, kreischt, herumwirbelt und verpufft.
Die Handlung ist simpel, nicht sonderlich aufregend und leider keinesfalls so eindeutig antiklerikal, wie man es sich wünschen würde: Justine, dem bei de Sade entlehnten Namen nach bereits als Opferrolle ausgewiesen, steht hier zwischen der frommen Schwester Angelica und ihrer satanischen Freundin Alucarda, die sie beide nach ihrem jeweiligen Bilde formen möchten - und am Ende sind die drei zentralen Figuren tot, das fromme Prinzip hat aber letztlich gesiegt.
Dieses frömmelnde Ende enttäuscht ein wenig; aber berücksichtigt man, dass es die Geistlichen mit ihrem Exorzismus sind, die das eigentliche Unheil erst auslösen, während sich die Vergehen der beiden Mädchen auf rituelle Verzückung, Blasphemie und sadosexuelle Kontakte beschränken (also Tätigkeiten, die erst dann einen negativen Beigeschmack bekommen, wenn man aus christlich-gläubiger Sicht darauf sieht) so verweigert sich der Film immerhin einer ausdrücklichen Gleichsetzung der Beziehung fromm/blasphemisch mit der Beziehung gut/böse.
Entschädigt wird man dann auf jeden Fall mit dem langen Finale (das ein wenig an "Carrie" (1976) erinnert), in dem die Geistlichen wie die Fliegen fallen - den Angriff auf die Kirche inszeniert Moctezuma als einen Höhepunkt des Films, als ausgelassenes Spektakel, bei dem man als Zuschauer ohnehin eher mit Alucarda sympathisieren dürfte, die hier den Tod ihrer Freundin rächt. Die Zerstörung von Nonnen, Priestern, Jesusfiguren und Kreuzen setzt Moctezuma so langanhaltend und ausdauernd in Szene, dass der Film in diesen Szenen durchaus an einige der blasphemischeren Beiträge Jess Francos erinnert.[1]
Überzeugender ist da die formale Umsetzung: neben den teils hübschen Kulissen sind es die spektakulären Höhepunkte des Films, in denen tosende Synthesizer-Musik aufspielt, minutenlang geschrieen und gekeucht wird, nackte, verrenkte oder verletzte Körper zuhauf auftreten. Da wären vor allem noch das gemeinsame satanische Ritual Alucardas und Justines, bei dem es am Ende Unmengen von Blut regnet, der Exorzismus und die von den Blasphemien gesprengte Unterrichtsstunde zu nennen: überall hier inszeniert Moctezuma den Film als "Mouvement Panique", als enthemmtes Spektakel des Ekstase, fordert seinen Darstellern keine charakterliche Tiefe mehr ab, sondern eher die Bebilderung größtmöglicher Enthemmung (hier mag Moctezuma ein wenig nach Grotowski geschielt haben).
In diesen Szenen ist er nicht weit entfernt von Ken Russells jeweiligen Höhepunkten - kein Wunder also, dass der Film mehrfach mit dessen "The Devils" (1970) verglichen worden ist.
Diese ekstatischen Höhepunkte durchziehen den Film in recht regelmäßigen Abständen (wer generell so seine Probleme mit Geschrei und Getobe hat, ist bei "Alucarda, la hija de las tinieblas" völlig falsch), dazwischen bleibt der Film recht typischer Gothic Horror - etwas blutrünstiger und freizügiger bisweilen (da können selbst die späteren Hammer-Produktionen nicht mehr mithalten), ansonsten aber durchzogen von den typischen Motiven: angesiedelt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts werden sturmgepeitschte Nächte, Ruinen, Spinnweben, düstere Grüfte usw. aneinandergereiht, um diese Geschichte von Hexerei, Besessenheit, Vampirismus und Teufelskult zu erzählen. Das Blutrünstige und die Freizügigkeit von "Alucarda, la hija de las tinieblas" harmonieren durchaus noch mit diesen Motiven des Gothic Horrors (schließlich wird hier nur zugespitzt, was spätere Hammer- und AIP-Filme, oder Paul Naschy Klassiker im Gothic Horror eingeleitet haben), schlagen aber zugleich die Brücke zu den ekstatischen Höhepunkten. Beides mischt sich so regelmäßig und geht so fließend ineinander über, dass "Alucarda, la hija de las tinieblas" stimmungsmäßig weit einheitlicher daherkommt als Moctezumas Debut.
"Alucarda, la hija de las tinieblas" ist die Weiterentwicklung des klassischen mexikanischen Gothic Horrorfilms im Stile eines Fernando Mendez, der sich recht deutlich an den Universal Horrorfilmen orientierte, und zudem ein Wegbereiter für etwa Guillermo del Toro, der Moctezumas künstlerisch ambitionierte Genrearbeit, die sich vom Gros mexikanischer Billig-Horrorfilmchen vollkommen unterscheidet, überaus bewundert und in dieser Hinsicht zum Vorbild nahm.[2] Beeinflusst vom Jodorowsky-Arrabal-Umfeld erweitert Moctezuma hier wie schon in seinem Debut den konventionalisierten mexikanischen Genrefilm um künstlerische Freiheiten und trug mit dazu bei, die Zukunft eines durchaus hochwertigen mexikanischen Genrefilms zu sichern, nachdem dieser allmählich mit Werken wie "El barón del terror" (1962), "El Charro de las Calaveras" (1965), "La horripilante bestia humana" (1969) und den "Blue Demon"- und "Santo"-Filmen gegen Ende der 60er Jahre beinahe schon zu einem Synonym für reine Trashfilme geworden ist, während er in den 50er und frühen 60er Jahren mit Werken wie "El Vampiro" (1957), "El Átaud del Vampiro" (1958), "El Espejo de la bruja" (1962) oder "El vampiro sangriento" (1962) durchaus noch recht stimmungsvollen Grusel geliefert hat.
Innerhalb der Subgenres um "Nunploitation", Hexerei, Exorzismus usw. steht "Alucarda, la hija de las tinieblas" wohl irgendwo zwischen "Hexen bis aufs Blut gequält" (1970) - als dessen zweites Sequel er bisweilen vermarktet worden ist - Ken Russells "The Devils" und einigen Jess Francos wie "Les Dèmons" (1972), die allesamt (wenn auch auf jeweils andere Art und Weise und auf unterschiedlichem Niveau) krude Effekte mit künstlerischen Ambitionen mischen.
Kleinere Schwachstellen sind eine geringfügig unzufriedenstellend ausgearbeiteten Geschichte, die ihr Potential zur grimmigen Kirchenkritik nicht ganz ausreizt (oder ausreizen will), und leider ausgerechnet das Schauspiel der Hauptdarstellerin Tina Romero, die zwar nicht ganz ohne Reiz daherkommt, aber gerade bei den ekstatischeren Auftritten im Gegensatz zu den anderen Darsteller(inne)n doch etwas gezwungen wirkt.
7/10
1.) Die katholische Kirche hatte Franco neben Bunuel immerhin zu einem der für sie gefährlichsten Regisseure erklärt. (Und auch Franco hat - ähnlich wie Moctezuma in "Alucarda, la hija de las tinieblas" - trotz seiner agressiv-antiklerikalen Haltung hin und wieder Inquisition und Exorzismus in seinen Filmen legitimisiert, indem er Hexerei innerhalb der Handlung als reale Bedrohung präsentiert hat.)
2.) In del Toros "Cronos" (1993) sollte Claudio Brook ebenfalls eine der großen Rollen bekleiden.