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Die 15-jährige Justine hat eben ihre Eltern verloren - ohne Verwandte, die sie aufnehmen könnten, geht sie in ein Kloster für Waisenmädchen. Dort, wo sie eigentlich auf geistige Unterstützung treffen sollte, wo sie den Geist Gottes zur Hilfe verspüren sollte, bekommt sie es mit einer wahren Hölle zu tun. Sie freundet sich schnell mit der rebellischen Alucarda an - eine verhängnisvolle Freundschaft. Alucarda kam bereits als Baby in das Waisenhaus, und ist dank ihrer vom Satan besessenen, direkt nach der Geburt verstorbenen Mutter, auf schreckliche Art verbunden mit anti-christlichem Gedankengut, von dem ihre Klosterschwestern noch niemand etwas ahnt.

Aus der Mädchenfreundschaft entwickelt sich eine sexuelle Beziehung, unter dem Schatten von dem Leibhaftigen. Alucarda und Justine schließen sogar einen Blutpakt, der besagt, dass beide Mädchen die Schwelle zum Tod gemeinsam überschreiten wollen, sollte es je dazu kommen. Alucarda scheint allerdings, wie ihre Mutter, besessen von Satan zu sein - sie ruft den Namen "Belzebub" beschwörend in die Nacht hinein, und scheint sich physisch nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Nachdem die Mädchen im tiefen Wald einer fragwürdigen Zeremonie beiwohnen, haben sie einen satantischen Anfall während des Gottesdienstes vor ihren Glaubensschwestern. Um den satanischen Einfluss unter Kontrolle zu bringen plant Vater Lázaro (David Silva) einen Exorzismus an Justine. Obwohl unter der Hand der Kirche, ein gottloses Ritual, bei dem Justine ums Leben kommt. Die christliche Gemeinschaft erwartet die infernalische Rache Alucardas.

Soweit die Geschichte des mexikanischen Filmes "Alucarda". Regisseur Juan López Moctezuma, ein Weggefährte Alejandro Jodorowskys, gelang ein halluzinatorischer Horrorfilm, der auf so viele Weise faszinieren mag. Die Grundstimmung des Filmes kann man am besten mit der aus "Der Exorzist" und "Carrie" vergleichen, ebenfalls über jugendliche Jungfrauen, die auf unheimlichen Weg mit dem Belzebub Kontakt bekommen. Der creepy Look des Films wird unterstrichen mittels einer sehr surrealen Bildkraft. Zu Anfang gibt es beispielsweise eine grandiose Sequenz, in der Alucarda und Justine in den Wald rennen. Das Grad wirkt wie ein grünes Meer, kaum ist nur ein ein einzelner Grashalm auszumachen, die grüne Pracht wirkt wie eine massive Decke. Sie kommen an eine Lichtung, wo ein obskurer Waldschrat, halb französisch, halb deutsch redend, sie zu einem Verkaufsstand einer Zigeunerfamilie lockt. Hier möchte er den beiden Mädchen okkulte Gegenstände andrehen. Doch die Beiden laufen weg, und finden ein riesiges, gigantisches Haus vor. Beängstigend märchenhaft und gothisch ist das Design jenes Herrenhauses, das sowohl mit knarrenden Türen und Spinnweben-befallenden Statuen im Stande ist, Schrecken aus der Kindheit eines jeden Zuschauers hervorzurufen.

Doch so surrealistisch-kraftvoll, wie die Filme seines Freundes Jodorowsky, gelang Moctezuma "Alucarda" nicht. Viel mehr wirkt der Film streckenweise wie ein sleaziger Nunploitation-Film á la Jess Franco. Das mag an der durchschnittlichen Musik oder auch an dem nicht immer ganz geglückten Schauspiel Tina Romeros liegen, die ihre Alucarda besonders bei den Szenen, in denen sie die Kontrolle über ihren Körper verliert, überfordert ist. Zwar kann sie ein Paar erschreckend tiefe, bösartige Augen vorweisen, doch neben einem dämonischen Funkeln kann man ihrer Darstellung kaum etwas abgewinnen. Das heißt allerdings nicht, dass "Alucarda" schlecht sei. Die aufwändige Optik, die Tonspur, die mit Soundeffekten spärlich umgeht und gerade das brutale, bluttriefende Finale sind aufregend!

Das unvergessliche Finale hält Bilder bereit, die selbst die Enthauptung nach zirka einer Stunde Laufzeit toppen können: Der Höhepunkt des Filmes ist die erschreckend verstört dreinschauende Susana Kamini, die sich aus einem mit Blut gefüllten Sarg erhebt. In dieser Szene gibt es auch, neben dem Namen Alucardas, die einzige Anspielung auf den Vampirmythos, da die besessene Justine ihre Glaubensschwester Angelique den Hals aufbeißt.

"Alucarda" fühlt sich wie ein Mix aus Jodorowsky und Franco an. Ohne je den Stil des Erstgenannten zu erreichen, oder in billige Exploitation-Gefilde Letzteren zu fallen. "Alucarda" ist ein ungewöhnlicher Horrortrip, visuell und bis auf Tina Romero schauspielerisch beeindruckend. Der zynische Kommentar auf die katholische Kirche, und die irre Geschichte über Gut und Böse (ein wahres Gut gibt es in diesem Film eigentlich nicht, alle Identifikationsfiguren hadern mit dem Satan) sind technisch großartig umgesetzt. "Alucarda" ist Underground-Kino für diejenigen, die sich nicht unbedingt nach dem neuesten Hollywood-Blockbuster umsehen, sondern energetisches, andersartiges Horrorkino erwarten.

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