Review
von Sauza
Als Rettungssanitäter Als Rettungssanitäter in einer spanischen Großstadt hat Ángel (Mario Casas) ein abwechslungsreiches Leben, doch gehört seine Aufmerksamkeit ganz seiner französischen Freundin Vanessa (Déborah François), mit der er sich ein Kind wünscht. Die mangelnde Zeugungsfähigkeit des bärtigen Spaniers steht der Familienplanung jedoch im Weg, wie sich herausstellt, als Ángel sich auf Anraten Vanessas dann mal untersuchen lassen hat. Eine nicht ganz billige künstliche Befruchtung (IVF) scheint die einzige Möglichkeit für die beiden Mittdreißiger zu sein, ihren Kinderwunsch doch noch zu erfüllen. Aber bevor es dazu kommt, ereignet sich auf einer Blaulichtfahrt ein schrecklicher Unfall, als das Rettungsfahrzeug von einem LKW gerammt wird: der hinten einen Verletzten versorgende Ángel überlebt zwar den Unfall, ist seitdem jedoch von der Hüfte an abwärts gelähmt und auf einen Rollstuhl angewiesen.
Seitdem gezwungenermaßen seine Zeit zu Hause verbringend, wird der früher unternehmungslustige und sportliche Ángel mit der Zeit immer übellauniger und bezüglich seiner Freundin irgendwann auch mißtrauisch. Hat die schlanke Französin mit den kurzen blonden Haaren, die in einem Callcenter jobbt, vielleicht einen Anderen? Über ein gemeinsames Kind wurde seit dem Unfall nämlich nicht mehr gesprochen, und Ángel fühlt sich auch allgemein von Vane, wie er sie nennt, zurückgesetzt, was freilich hauptsächlich auf seinen stark eingeschränkten Aktionsradius zurückzuführen ist. Da verfällt er eines Tages auf die Idee, auf dem Handy der Freundin eine Spy-Software zu installieren. Gesagt und getan, doch auf den live übertragenen Bildern entdeckt er nichts, was seinen Verdacht bestätigen würde. Dafür entdeckt Vane den Trojaner...
Die spanische Produktion El practicante klingt in der ersten Viertelstunde nach einem sich anbahnenden Beziehungsdrama, wird dann jedoch zu einem mörderischen Psychospiel, in welchem der vermeintlich schwache Rollstuhlfahrer eine perfide Idee umsetzt - die Ungewissheit über sein weiteres Vorgehen erzeugt einen durchgehenden Spannungsbogen, der den mit kleinem Budget abgedrehten Streifen bis zum Ende spannend
macht.
El practicante widmet sich vor allem einer feinen, teilweise kleinteiligen Charakterisierung seines Hauptdarstellers Ángel, einer moralisch äußerst fragwürdigen Person, die ihren Beruf eines professionellen Helfers u.a. dazu nutzt, Unfallopfer zu bestehlen. Nach außen hin sympathisch, in jedem Fall aber normal wirkend, legt der an den Rollstuhl Gefesselte schließlich ein durchweg bösartiges Verhalten an den Tag, das vor allem durch manipulatives Verhalten geprägt ist. Dabei spielt die Regie zunächst noch gekonnt mit den Gefühlen des Publikums, als sie Ángel unter dem permanenten Gebell des Nachbarhundes leidend als schlafloses Opfer zeigt, doch dauert es nicht lange, bis der Rollstuhlfahrer brutale Gegenmaßnahmen ergreift. Die zumindest anfängliche Ambivalenz seines Filmcharakters wird auch durch die Tatsache unterstrichen, daß Ángel diversen Hindernissen erst einmal ausweicht, bevor er diese dann entschlossen zur Seite räumt. Darstellerisch eine bemerkenswerte Leistung von Mario Casas, von dem trotz seines bösartigen Wesens eine gewisse Faszination ausgeht.
Im Gegensatz dazu wird die Figur seiner Freundin Vanessa eher zu wenig charakterisiert, die anderen Mitspieler sind ohnehin nur unwichtige Randerscheinungen. Hier liegt auch eine gewisse Schwäche des Drehbuchs, das gewisse Zusammenhänge nicht weiter erklärt, so daß manche für die Filmhandlung an sich wichtige Szene nicht zuzuordnen ist: wann beispielsweise hat sich die Begebenheit mit dem Unglücksfahrer des Rettungswagens abgespielt, und in welchem Verhältnis zu Vanessa steht dieser, seit wann und warum? Auch der "Cleaner", der unvermittelt auftaucht, hätte sich etwas mehr Hintergrundinfos verdient, und warum öfters angekündigt wird, die Polizei zu rufen, dies dann aber doch stets unterbleibt, kann nur als unverdienter Glücksfall für Ángel bezeichnet werden, dessen Treiben sonst vorzeitig ein Ende gefunden hätte.
So aber steigert sich das Geschehen bis zum dramatischen Finale, nach dem eigentlich Schluß sein müßte, doch der Film wird dann noch um einer Epilog-artigen Szene fortgesetzt, die bezüglich des orangegangenen vollkommen unverständlich bleibt.
Fazit: Ein kleiner aber feiner spanischer Psychothriller mit leichten Drehbuchschwächen, dennoch durchaus sehenswert: 7 Punkte.