Review

Staffel 1


Die Geister, die ich verschlief

Die langjährige und vielteilige „Ju-On“-/„The Grudge“-Reihe hat sich, egal ob in Fernost oder in Übersee, totgelaufen, holt keine Geister mehr hinter'm Vorgang hervor oder Zuschauer ins Kino. Selbst als Crossover mit „Ringu“ nicht und vom neuesten amerikanischen Restart von Anfang des Jahres wollen wir gar nicht erst anfangen. Und dann kommt Netflix diesen Sommer mit einer knackigen sechsteiligen Serienstaffel daher, die sich zwar auf die wahren Ereignisse hinter der Saga bezieht, zu den massig Filmen aber keine Verbindung besitzt - und die kann zum Teil richtig was, hat ziemlich heftige und unangenehme Ansätze und Highlights. Erzählt wird im Grunde von dem berühmt-berüchtigten Haus, schrecklichen, traumatischen Ereignissen darin und etlichen Leuten, die (mal freiwillig, mal unfreiwillig) einen Fuß hineinsetzen - und somit sehr zuverlässig das Zeitliche segnen, da sie ab dann den anhängenden Fluch und dessen Dunkelheit, Wut und Gewalt nie wirklich loswerden, über die gesamte Nation verteilen, mit sich ziehen... Would the Real Kayako please stand up?!

KAISERSCHNITT
+ J-Horror trifft Terrorkino
+ Episode 4 ist ein großartiger Tiefschlag und thront weiter über dem Rest 
+ ziemlich fordernd, zum Mitdenken
+ viel Show, wenig Tell
+ Mysterium des Hauses bleibt spannend 
+ besser als der Großteil der Filme 
+ unfassbar hart und fies in seinen Spitzen 
+ neuer Blickwinkel auf die realen Geschehnisse 
+ erfolgreiche Reinterpretation 
+ aufwändiges Worldbuilding (z.B. durch Nachrichtenberichte im Hintergrund)
+ sehr einfach zu bingen
+ wenn man bedenkt, dass es auf wahren Begebenheiten beruht, ziemlich scary
+ kurze, flotte Folgen 
+ hochwertiger Look 
+ verschiedene Jahrzehnte garantieren Abwechslung
+ geht weit in Sachen Gewalt (auch sexueller) 
+ tolle Mindfuck und WTF?!-Momente+ überschreitet zum Teil Grenzen 
+ elegantes Outro (samt choralem Ohrwurm)
+ sehr emotionaler und bitterer Kern 
+ interessante Mythologie 
+ als Metapher auf das ganze Land bzw. das Böse lesbar 
+ eher psychologisch verunsichernd und nachwirkend 
+ ein paar Easter Eggs zur Reihe für Kenner 
+ viele Rätsel und Mysterien

KATZENJAMMER
— oft unübersichtlich und kleinteilig durch hohe Zahl an Zeitsprüngen und heftig vielen Figuren (die sich zudem noch ähneln oder in verschiedenen Jahren von anderen Schauspieler verkörpert werden)
— keine/kaum Verbindung zu den Filmen 
— einige Darsteller/Gesichter ähneln sich sehr 
— eher ein langer Film als wirklich seriell 
— nicht alle Darsteller auf Topniveau
— keine klassische Kayako
— auch kein Toshio
— nicht allzu viele Höhepunkte und wirklich bleibende Szenen (bis auf „die Geburt“)
— schläfert einen manchmal (auch beabsichtigt) etwas ein 
— ungewöhnlich und schwer zugänglich (besonders für westliche Zuschauer)
— eher für J-Horror-Pros
— einige Schicksale bleiben unnötig vage und in der Luft (z.B. das der beiden Mädels in der Disco)
— macht sehr viele Baustellen gleichzeitig auf 
— macht mir (trotz klarer Qualitäten) nicht 100% Lust auf Mehr
— nicht ganz so gruselig wie erhofft 
— nicht ideal inszeniert/geschrieben/zusammengesteckt 
— es fehlt etwas die Konzentration und der rote Faden, vielleicht auch EINE Hauptfigur (obwohl die wohl am ehesten das Haus selbst ist)

Fazit: viele Zeitsprünge, noch mehr Figuren und (typisch für die Reihe!) verworrene Handlungen erhöhen nicht gerade die Übersicht und Identifikationsmögkichkeiten, eher den Frust und die Unlust. Allerdings retten das elegant in die Moderne überführte J-Horror-Feeling inklusive einiger wirklich böser, düsterer, verstörender, überraschend brutaler Höhepunkte die Serie. Wenn sie trifft, dann richtig hart. Leider etwas zu inkohärent für einen Toptitel. Dem neuesten US-Restart ist dieser ideale Bingewatch-Schauer jedoch offensichtlich und drastisch überlegen. Und er bietet Etliches zu erforschen, viel Platz für Theorien. (6,5/10)

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