Review

Ungünstig, da als einer der letzten Mainstream-Titel Ende Februar 2020 und damit zu spät veröffentlichtes Debüt von Kim Yong-hoon, welches aufgrund der grassierenden COVID-19 Pandemie 'nur' ca. 630.000 Zuschauer in die Lichtspielstätten anlocken konnte, und anschliessend Mitte April schnell den Weg in den Video On Demand - Bereich und damit ähnlich dem exklusiv von Netflix okkupierten Time to Hunt ging. Während andere theoretisch zugkräftige Produktionen wie Intruder, Call oder Innocence verschoben wurden, ist die hiesige Adaption eines (2011 veröffentlichten) Romans des japanischen Autoren Keisuke Sone auch aufgrund mangelnder Konkurrenz zwar als Erster an den Kinokassen durch das Ziel gegangen, aber dennoch mit Verlusten; vielleicht dürfte es ein wenig trösten, dass die Kritiken durchweg gut waren und noch spätere Distributionen finanziell gleich ganz desaströs:

Der in einer Sauna tätige Joong-man [ Bae Sung-woo ] findet eines Abends kurz vor Ladenschluss beim Aufräumen eine Reisetasche mit viel Geld. Zwar wird diese seinerseits erst ordentlich im Lager deponiert, als sich die Schicksalsschläge in seinem eh schon mäßigen Leben noch häufen, überlegt er sich die Sache noch einmal und ist dann doch auf die 'Notlösung' erpicht. Währenddessen hat der Zollbeamte Tae-yeong [ Jung Woo-sung ] Ärger mit dem Kredithai Park Doo-man [ Jung Man-sik ], was er vor allem seiner ehemaligen Liebschaft mit Yeon-hee [ Jeon Do-yeon ] zu verdanken hat. Und die bei der im Nachtclub von Yeon-hee als Hostess tätige Mi-ran [ Shin Hyun-bin ] wird von ihrem gewalttätigen Ehemann drangsaliert; einen möglichen Ausweg bietet ihr ein Kunde, der aus China geflohene Jin-tae [ Jung Ga-ram ], der auf die hohe Lebensversicherung ihres Gatten anspielt.

Das Objekt der Begierde und die zu verfolgende Beute eine unauffällige Reisetasche, im simplen Grau mit dunkelgelben Aufdrücken gehalten, eher kein hübsches Accessoire und rein funktional beschränkt. Wichtig ist natürlich bloss der Inhalt dessen, nicht die Fassade selber, ist die Tasche auch offensichtlich mit gut Volumen ausgestattet und mit dem eigentlichen Interesse prall gefüllt. Der erste und da noch unfreiwillige Finder der Tasche zögert nicht lange, und ist dann dennoch im Entscheidungsfindungsprozess verstrickt.

Drei Nachrichten im Fernsehen, im Hintergrund verbreitet reichen scheinbar aus, um den Zuschauer die Sachlage klar zu machen, dazu noch die erste Kapiteleinblendung und die Reaktion des Mannes, der sich schon prüfend umsieht, als noch gar keiner in der Nähe ist und die Tasche noch verschlossen, dann beim Öffnen und der Entdeckung umso deutlicher involviert. "Schuld" oder "Schulden" lautet die erste Einteilung, oftmals, aber nicht nur finanzieller Art und Weise, ein Hängen in der Misere, in der Bredouille, manchmal aufgrund der Lebens- und v.a. Arbeitssituation ausgehend und manchmal mit eigenen Fehlern und falschen Handlungen direkt hinein in das Missgeschick. Beruflich und privat werden beizeiten drei Leute gezeigt und angerissen und mit knappen Situationen schon ausführlich porträtiert; die Motive sind klar und deutlich, das zweite Kapitel beginnt. Ein böser Krimi steht an, eine schwarze Komödie, ein Drama, ein Neo Noir vor Neonlichter.

Die Absätze im Drehbuch sind unterschiedlich lang gehalten, mal eine Viertelstunde, mal die Hälfte davon, folgen ihrer eigenen Logik, welche unvorhersehbar für den Zuschauer und analog dazu auch die jeweilige Wendung und Beifügung in der Erzählung ist. Zwei der drei Leute suchen sich Verbündete in ihrem jeweiligen Vorhaben, auch hier mal mit Absicht und mal unbewusst, die Mitteln aus der Misere hinaus sind gleich so unterschiedlich ausgesucht und die Vorhaben jeweils unabhängig voneinander gewählt. Um die Tasche selber geht es eingangs auch noch gar nicht, so einfach macht es sich der Film doch nicht, das Erschleichen einer Lebensversicherung steht an oder Diebstahl im großen Stil oder auch ein Raub, diverse Wege führen hier in der Theorie zumindest zum Ziel. Zwischendurch (oder auch vorher, denn die scheinbare Chronologie der Ereignisse ist auch gebrochen, das weiß man lange nur noch nicht) taucht auch noch ein Polizist auf, der auch Columbo sein könnte, und die Angelegenheit auch durch die Verbündeten, was jeweils ein falscher Fehler ist, wird zunehmend verzwickt, verzwackt und kompliziert.

Regisseur Kim, der das Ganze als Debüt schreibt und inszeniert, beweist dabei eine wundersame Ruhe in den Betrachtungen der Wendungen und dem Schicksal der Geschehnisse, die Auswahl der Darsteller ist allumfassend gelungen, die Bilder selten auf herausstechende Wirkung und dennoch der Unterstützung der räumlich und zeitlich breiten Erzählung mit ihren vielen Perspektiven angelegt. Die Herkunft des Stoffes aus Japan und die Art der Behandlung hier stellt indirekt die Frage, warum sich vorher niemand des Buches angenommen hat und warum das vorher kein japanischer Filmemacher hat ausprobiert, Stärken von dort werden mit Stärken des koreanischen Kinos – von dem Keisuke Sone ein Fan ist – vereint und so in der Qualifikation potenziert.

Details
Ähnliche Filme