Review
von Leimbacher-Mario
Erfolg vor Gerechtigkeit, Kindheit, Freiheit, Unschuld
„Athlete A“ ist eine weitere wichtige Netflix-Doku - und dieses Mal geht es um Gymnastik. Auf Weltklasseniveau. Um das US-Olympiateam. Um die immer jünger, schmaler werdenden Athletinnen. Um drakonische Trainingsmethoden. Um scheinbar lange Zeit und teilweise noch immer blinde Punkte einer ganzen Nation - nur um des Willens „die Besten“ zu sein. Und zudem und vor allem um einen fiesen, kranken Teamarzt, der seine Position und Beliebtheit bei den jungen Mädchen ekelhaft ausnutzte...
Sportdokus erleben gerade eine kleine Renaissance. Meist euphorisch und motivierend, oft auch kritisch und erschütternd. Und „Athlete A“ gehört definitiv zu Letzterem und ist genauso schockierend und eigentlich unumgänglich wie die besten seines Fachs. Ein Denkmal für mutigen Journalismus und noch mutigere Frauen, mit ihren grausamen, oft lebensverändernden Erfahrungen ins Licht zu treten. „Athlete A“ deckt einen Skandal auf, an den kein Doping und keine Erfolge in Sachen Impact heranreichen (sollten). Es geht um kleine Mädchen, um Missbrauch und zerstörte Unschuld, um ungesunden Ehrgeiz - einer ganzen Nation und einzelner Menschen insbesondere. Von komplett bizarren Muskelmonstern im Bodybuilding über dauergedopte Radfahrer bis hin zu regelmäßig geschädigten Footballerhirnen - der Profisport auf dieser Welt hat oftmals ganz unangenehme und fiese Gesichtszüge entwickelt, die dringend gestoppt oder umgekehrt werden müssten. „Athlete A“ geht allerdings noch wesentlich tiefer und beleuchtet Schicksale und Seelenwunden einiger Frauen, die nur ganz schwer zu ertragen und mit anzusehen sind. Das fängt an mit dauerhaften körperlichen Schäden geht über die Vergewaltigung dieses kaputten Mannes bis hin zu ganzen Systemen und Leistungsgedanken, die sich mir und gesundem Menschenverstand nur schwer bis gar nicht erklären wollen. „Athlete A“ ist in jeder Beziehung erinnerungswürdig. Und sehr schmerzhaft. Aber auch mutmachend und hoffnungsvoll. Das zerstört einen ziemlich - baut einen danach aber erstaunlich robust wieder auf!
Fazit: ein krachender und enorm wichtiger Stich in den US-Sport. Und vielleicht sogar auch allgemein ins Herz einer Nation, deren Einstellung, Ehrgeiz und Erfolgsgedanke, deren scheinbar oft blinde Stellen wenn es um „Erfolg“ geht, sich ganz dringend ändern müssten... „Athlete A“ ist eine große, unverzichtbare und mutige Journalismusleistung. Mehr realer Horror geht kaum. Und eine ehrliche Verbeugung vor den vielen Opfern. Respekt.