Review
von Leimbacher-Mario
Chinese Pixar Mashup
Netflix und die chinesische Animationselite tun sich zusammen um Disney und Pixar Konkurrenz zu machen. Nur (leider?) hat „Over The Moon“ letztes Jahr im Programm des Streaminggiganten überspitzt gesagt keinen interessiert. Dabei macht das ambitionierte Asiaprojekt gar nicht allzu viel falsch und kann sich zumindest verdammt toll sehen lassen… Erzählt wird von einem jungen Mädchen, das mit einer selbstgebauten Rakete zum Mond fliegt, um zu beweisen, dass es eine alte, chinesische, romantische Sagengestalt wirklich gibt - und dabei erlebt sie ein strahlend buntes Abenteuer, das irgendwo zwischen „Soul“, „Inside Out“ und „Trolls“ einer Gummibärentüte mit Sternenstaubglitzerüberzug gleicht, bei dem jedoch (zumindest zeitweise) auch Emotionen, Kitsch und Familie nicht zu kurz kommen (sollen)…
„Die bunte Seite des Mondes“ wirkt, als ob man einem hochtalentierten chinesischen Animationsteam ein Jahr lang ausschließlich Pixarmeisterwerke Uhrwerk Orange-gleich vorgehalten, viel Geld in die Hand gedrückt hätte und sie dann ihre Version solcher Hits mit der chinesischen Kultur vermischen hat lassen. Das ist emotional. Das ist familiär. Das ist bunt. Das ist wunderschön zum Teil. Das ist flott. Das kann berühren und lässt sich gut weggucken. Kann sich tatsächlich jedoch auch etwas nach „Reißbrettplanung“ anfühlen. Nach Berechnung und Gewohntem. Nur eben mit knackigem „Frühlingsrollenüberzug“. Politisch unkorrekt geschrieben. Aber ganz gelogen oder unbegründet ist das nicht. Die vielen Nebenfiguren wirken wie aus der Retorte, die familiären Tränendrüsen werden konsequent nach Schema F gedrückt, die Vorbilder werden eher kopiert als zitiert. Dazwischen sogar mal ein wilder Asiapopsong. Sagenfiguren wie die bulligen Drachen, die wir dieses Jahr auch schon in „Shang-Chi“ hatten. Die erste Hälfte ist klar besser als die in generische Muster fallende letztere. Netflix will hier den „Big Boys“ Konkurrenz machen. Eindeutig, mit aller Macht und fast dreist. Schafft es jedoch nicht ganz. Trotz Exotikbonus und technischer Kompetenz bis Exzellenz. Dass „Over The Moon“ ein Fest für die Augen und dennoch teilweise erfrischend für die westliche Filmseele ist, mir gut gefallen hat, will ich damit aber keine Sekunde anzweifeln. Die Songs sind (gerade im Vergleich zu Disney als Klassenprimus) auffällig schwach. Die Synchronsprecher (auf englisch geguckt) auffällig gut. Mehr gibt’s hier nicht zu sagen.
Fazit: das erste Drittel ist famos, visuell ist der Reiz groß. Die Songs und Muster wirken etwas wie'n Klos. Dennoch: für Animationsfans (gerade mit Hang zur chinesischen Kultur) ein Geheimtipp. Mit Abstrichen.