Review

„Die NDW war zum Teil kein Schöngesang!“

Der rund eineinhalbstündige Dokumentarfilm „Neue Deutsche Welle – Revolte, Spaß und Da-Da-Da“ der Autorin Melanie Didier für den WDR aus dem Jahre 2019 versammelt NDW-Musiker aus der zweiten Reihe wie Markus, Ixi und Geier Sturzflug sowie Zeitzeuginnen und -zeugen wie Lisa Feller, Stefanie Tücking/Ingolf Lück, Dieter Falk oder Aleksandra Bechtel, um gemeinsam das Musikphänomen Neue Deutsche Welle Revue passieren zu lassen. Dieses wirbelte die deutsche Musiklandschaft von Ende der 1970er bis ungefähr Mitte der 1980er ordentlich durch. Ursprünglich vom Punk kommend, etablierte die NDW deutschsprachige Popmusik im Mainstream, wurde aber auch im Eiltempo kommerzialisiert, bis sie als Trend recht bald bedeutungslos wurde. Sie hat aber ihre Klassiker und Evergreens hervorgebracht und wird seither regelmäßig wiederentdeckt.

Susanne Hampl führt als Off-Sprecherin durch den Film, der zahlreiche Original-TV-Aufnahmen in Form von Archivmaterial aneinanderreiht, darunter Ausschnitte aus Musikvideos, Auftritten von NDW-Künstlerinnen und -Künstlern in Fernsehsendungen sowie Interview-Ausschnitte, und von den o.g. Mitwirkenden kommentieren lässt. Natürlich macht man mit Nena den Anfang, beleuchtet aber auch Hubert Kah näher, dessen Musik seit jeher dem Mainstream zugeneigt war, jedoch mit Look und öffentlichen Auftritten für Furore sorgte, und widmet sich schließlich den Punkwurzeln der NDW, vor allem anhand der Düsseldorfer Szene und ihren Übergängen zur NDW, sowie der Stadt Hagen mit ihren Hybridbands Extrabreit und Ideal. Joachim Witt, Frl. Menke, Trio und die Spider Murphy Gang geben sich ebenfalls ein Stelldichein; sogar das kuriose Projekt „Deutsch-Österreichisches Feingefühl (DÖF)“ findet Erwähnung.

Am Beispiel von Ixis „Knutschfleck“ wird schließlich die Kommerzialisierung und Verflachung der NDW problematisiert, aber auch Ixis spaßiges Skandälchen um Detlef, den sie auf den Strich schicken wollte, wird ins Gedächtnis gerufen. Die Geier-Sturzflug-Jungs dürfen noch mal erläutern, wie sehr sie mit ihrem „Bruttosozialprodukt“ missverstanden wurden und stehen doch so einigem, das die NDW hervorbrachte, skeptisch gegenüber; insbesondere Klaus „John“ Fiehe, der sich im schicken T-Shirt des Hamburger Musikclubs „Molotow“ präsentiert und heute 1Live-Moderator ist, wirkt recht grantelig – Geier Sturzflug hatten einen etwas anderen Anspruch als viele NDW-Acts.

„Neue Deutsche Welle – Revolte, Spaß und Da-Da-Da“ ist unterm Strich eine nette Doku, die mit ihren repetitiven „Da da da“-Samples, abgewechselt vom offenbar unvermeidlichen „Es geht voran“ (Fehlfarben), bisweilen ebenso enerviert wie mit der ständig singenden Aleks Bechtel, anhand des geballten Archivmaterials aber einen für den Einstieg (und natürlich die Nostalgie) recht geeigneten Überblick über ein zeitlich begrenztes musikalisches, popkulturelles Phänomen zwischen Mode und Oberflächlichkeit auf der einen und Rebellion und Selbstverwirklichung auf der anderen Seite liefert. Didiers Film zeichnet die Neue Deutsche Welle als kreativen Zeitabschnitt, in dem sich viele (auch tänzerisch…) ausprobieren konnten, wodurch die Bewegung doch ziemlich heterogen geriet. Zudem fand die NDW offenbar zu großen Teilen im damals noch sehr eingeschränkten TV-Musikprogramm statt, wodurch sie vor allem in der „ZDF Hitparade“ für ein Skandälchen nach dem anderen sorgte und sie somit nicht nur zu einem Musik-, sondern auch zu einem Medienphänomen machte.

Die Doku bietet für eineinhalb Stunden Laufzeit einen passablen Querschnitt durch die Neue Deutsche Welle, wenngleich es schade ist, dass der damalige NDW-Underground quasi komplett unerwähnt bleibt. Und wo ist eigentlich Peter Schilling abgeblieben? Tragischerweise handelt es sich bei diesem Film um einen der letzten TV-Auftritte der ehemaligen „Formel Eins“-Moderatorin Stefanie Tücking, die 2018 unerwartet und viel zu früh verstarb. Ihr ist „Neue Deutsche Welle – Revolte, Spaß und Da-Da-Da“ gewidmet – eine schöne Geste.

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