Der junge Tomasz (Maciej Musialowski) studiert an einer Warschauer Uni und lebt ein einigermaßen unbeschwertes Studentenleben, als ihm bei seiner Abschlußarbeit der Tatbestand des Plagiierens nachgewiesen wird: kurzerhand fliegt er hinaus. Jetzt ist guter Rat teuer: Als Waisenkind zeitweilig bei der Gastfamilie Krasucki untergekommen, wollte er seinen Pflegeeltern eigentlich seine Eigenständigkeit beweisen - besonders aber deren etwa gleichaltriger Tochter Gabi (Vanessa Aleksander), in die er heimlich verliebt ist. Doch die linksliberalen Krasuckis, ein wohlhabendes, gesellschaftlich stark engagiertes Ehepaar, haben für ihre zweite Tochter Gabi andere Pläne - das Mädchen ist so etwas wie das schwarze Schaf der Familie, hat wegen Drogen und psychischer Probleme bereits ärztliche Hilfe notwendig und soll nach dem Wunsch der Eltern eine erfolgreiche Karriere einschlagen wie ihre ältere Schwester Zsofia. Da kommt ihnen jemand wie Tomasz, den sie als Versager und Schwindler kennengelernt haben, eher ungelegen: Nachdem sie von seinem Rausschmiß von der Uni erfahren, erhält er Hausverbot bei den Krasuckis. Doch der eher schmächtige Tomasz nimmt sich vor, die Scharte wieder auszuwetzen: Da er nicht auf den Mund gefallen ist, bewirbt er sich kurzerhand bei einer etwas anrüchigen Media-Agentur, die sich auf Skandale und Aufdeckungsgeschichten spezialisiert hat. Deren Chefin Beata (Agata Kulesza) ist schon nach kurzer Zeit von ihrem neuen Schützling überzeugt, arbeitet dieser doch schnell, effizient und ohne Skrupel. Tomasz hat bei den Krasuckis, die einen sozialdemokratischen Kandidaten um den Bürgermeisterposten von Warschau unterstützen, eine Wanze installiert und kann deren strategische Besprechungen live mithören - dieses Wissen verwendet seine Agentur um damit dem rechtskonservativen Gegenkandidaten (der sie bezahlt) Wahlkampfmunition zuzuspielen: Ist der bürgerliche Kandidat, der sich für Flüchtlinge einsetzt, etwa schwul? Der pc-technisch versierte Tomasz dringt immer tiefer in schmutzige Geschichten ein, manipuliert Fotos, erfindet Lügengeschichten, hackt Facebook-Accounts, ruft Unterstützertreffen ins Leben, provoziert Straßenschlachten und sorgt für eine zunehmende politische Eskalation - was er meist emotional teilnahmslos anrichtet, wird ihm selbst kaum bewußt. Am Ende versucht er auf eigene Faust einen "polnischen Breivik" aufzubauen - kann diese Katastrophe noch verhindert werden?
The Hater ist ein fast schon klassisches Lehrstück über Medienmacht und Medienmanipulation: angesiedelt im polnischen Warschau vor dem Hintergrund der Flüchtlingswelle und dagegen demonstrierender rechtsradikaler Polen könnte der Film aber auch genausogut in Paris, Köln oder Amsterdam spielen. Im Vordergrund steht allerdings weniger der politische Kontext als vielmehr ein zielloser junger Mann, der um (übrigens ganz bescheidene) gesellschaftliche Anerkennung kämpft und den Verstoß aus seiner Pflegefamilie rückgängig machen will. Hauptdarsteller Maciej Musialowski gibt den biederen Brandstifter mit erstaunlicher Zurückhaltung, sodaß sein Filmcharakter zu keiner Zeit unsympathisch rüberkommt - und das trotz seiner teilweise wahnsinnig zu nennenden Aktionen: Als seine Chefin ihn im Privatleben des liberalen Kandidaten stochern läßt, Tomasz aber nichts findet, besucht er diesen höchstpersönlich auf einer Wahlveranstaltung und bietet sich als Helfer an. Es gelingt ihm - mittels Pillen in einem Drink - den Kandidaten am Heimweg noch zu einem kurzen Discobesuch zu animieren, wo er ihn prompt in eine Schwulenbar dirigiert und den kurzen Moment mit dem Handy festhält - womit der Agentur am nächsten Morgen eine satte Schlagzeile (und das Wohlwollen des Gegenkandidaten) sicher ist. Dennoch leugnet Anti-Held Tomasz dann konsequent seine Beteiligung beim nächsten Besuch beim Bloßgestellten, um weiterhin am "Gegner" dranbleiben zu können. Voller Einsatz auch auf ungewohntem Terrain zeichnet den kindlich-unschuldig wirkenden notorischen Lügner aus, der seine "Triumphe" aber niemals auskostet, sondern einfach unbeeindruckt weitermacht. Ein unspektakulärer Fick mit der deutlich älteren Chefin gehört genauso dazu wie das Ausspionieren eines rechtsradikalen Demo-Teilnehmers, dem sich Tomasz über die Chatfunktion eines Online-PC-Spiels nähert - mit verfremdeter Stimme macht er diesem klar, daß er "mehr" für sein Land tun müsse als nur zu demonstrieren...
Die mehr als 2 Stunden Lauflänge der polnischen Produktion vergehen wie im Flug, immer unheimlicher werden Tomasz´ Aktionen, der scheinbar ziellos eine Eskalation herausbeschwört, von der er selbst augenscheinlich nichts zu haben scheint. Aber dies macht u.a. den Reiz dieses Films aus, der ohne spektakuläre Aktionen, politische Fingerzeige oder humoristische Pointen auskommt und am Ende eine etwas bittere Wahrheit offenbart: Nämlich wie wir alle uns - mehr oder weniger - täuschen und manipulieren lassen. Absolut empfehlenswert: 8,51 Punkte.