Review
von Leimbacher-Mario
Quarantäne zeigt Zähne
Was macht man als Filmemacher oder Schauspieler bei Langeweile in Coronaquarantäne? Man dreht mit ein paar Freunden, die mehr oder weniger sich selbst spielen, einen Desktop-Horrorfilm. Keine Ansteckungsgefahr, kaum Kosten, absolut machbar. Und durch Hits wie „Unfriended“ oder „Searching“ seit ein paar Jahren sogar richtig angesagt. „Host“ ist eben genau dieser Quarantäne-Exclusive auf Shudder und handelt von einer Gruppe von Mädels, die über einen Videochat während des Lockdowns recht unüberlegt eine virtuelle (!) Seance abhalten - und dabei, wie könnte es auch anders sein, Bekanntschaft mit eher ungebetenen Gästen machen, sodass Corona plötzlich deren geringste Sorge sein sollte...
Wenige Filme haben die Eier, schon vor der 60 Minuten Marke fertig zu werden - „Host“ hat damit kein Problem und nahezu alles überflüssige Gewicht abgeschnitten. Erster Punkt. Dazu gesellen sich authentische Bedingungen (inklusive nerviger Tonaussetzer) und natürliche, unbekannte Darsteller. Zweites Plus. Dann hat er, wenn sich z.B. mitten im dämonisch aufgewühlten und vor Tod nur so strotzenden Finale auf Grund Corona zwei Mädels doch nur einen Ellenbogen-Bump geben oder bei der Ton angebenden Spiritualistin, der einzigen Figur die sich auszukennen scheint, plötzlich die Internetverbindung versagt, auch enorm viel Humor. Guten Humor sogar. Drittes +. Und dann zum fettesten Punkt auf der Habenseite: „Host“ ist gruselig. Klar hat man Ähnliches schon gesehen, klar ist das nicht super kreativ (selbst in aktuellen Krisenzeiten), klar sieht man insgesamt das niedrige Budget und klar ist das kein Meisterwerk. ABER: „Host“ macht das, worauf er es von Anfang an abgezielt hat, verdammt effektiv und kurzweilig. Außerdem entführt er einen erfolgreich für 60 Minuten aus dem ganzen realen Schlamassel. In ein noch viel größeres, teuflischeres und wesentlich unterhaltsameres. Egal ob JumpScares oder Atmosphäre, egal ob Schocks oder Jokes, egal ob Aktualität oder Notgeburt - „Host“ hat bei mir überraschend toll funktioniert. Einfach, straight, creepy. Licht aus, ins Bett gekuschelt, Kopfhörer auf - viel Spaß beim Angsteinjagenlassen!
Fazit: UnQuarantined. Coronacreeper. Simpel & effektiv. Auch Pandemie und Lockdown können das (erweiterte) Found Footage-Genre nicht killen. Und die Kreativität und solide Schocks zum Glück auch nicht. Elaborierte Stangenware wird nun zum Hoffnungsschimmer?!